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Geocaching: Das Abenteuer vor der Haustür


Ein Apfel an einem noch blattlosen Baum? Das ist verdächtig!
Fotos: M. Ulbrich

Ein Erlebnisbericht

Irgendwo in der Westlausitz, verborgen zwischen Kiefern, struppigen Ginsterbüschen und Sand, stehen zwei Wohnblöcke. Grauer Beton und Tristesse trotz des Grüns ringsumher. Man fühlt sich in eine DDR-Neubausiedlung der 1980er-Jahre versetzt. Aus dieser Zeit stammen die beiden Häuser tatsächlich, doch es hat nie jemand in ihnen gewohnt. Errichtet wurden sie im Auftrag der Volkspolizei, die hier Häuserkampf und Geiselbefreiungen trainiert hat.

Heute liegt an dieser Stelle ein Geocache, eine Blechkiste mit einem Logbuch, welches wir signieren müssen, um zu belegen, dass wir die Rätsel gelöst haben, die uns wie eine Krümelspur zum Schatz leiten. Als Geocacher darf man Forscher, Abenteurer und Detektiv zugleich sein. Vor allem Entdecker: Die Caches führen zu Orten, die man ohne dieses verrückte Hobby wohl niemals aufgesucht hätte, selbst wenn sie fast vor der eigenen Haustür liegen.


Raffiniertes Versteck: Ein künstlicher Felsbrocken aus Styropor

Beim Geocaching weisen Koordinaten den Weg zum Ziel. Hat man den richtigen Platz gefunden, gilt es, ihn zu untersuchen und das Versteck der Logbuch-Box zu enttarnen. Die meisten dieser Depots liegen unter Steinen oder Moos verborgen. Sie sind nicht schwer zu finden. Vielleicht gibt es auch mal eine kaum sichtbare Angelsehne, an deren Ende ein Röhrchen – ein sogenannter Petling – im Bauch eines hohlen Baumes baumelt.

Solche Verstecke sind nicht sonderlich herausfordernd. Ihr Reiz besteht darin, dass sie sich oft an Stellen befinden, die von regionalgeschichtlicher Bedeutung sind. Auf diese Weise wird das Spiel zur Heimatkundestunde. Mehrere simple Caches nacheinander können aber auch eine tolle Wanderung ergeben. Die Suche nach ihnen ist Ansporn, den inneren Schweinehund zu überwinden und an die frische Luft zu gehen.

Auf Punktejagd

Für jeden enttarnten Cache gibt es einen Punkt. Es macht Spaß zuzusehen, wie das eigene Punktekonto anwächst: 100 Caches, 500, 1000. Wir, das „M.u.K. Turtle Team“, haben inzwischen 2000 Geocaches gefunden. Das ist nicht schlecht, doch es gibt Cacher, die 10.000, 20.000 oder 30.000 Funde in ihrer Statistik haben. Der weltweit führende Cacher ist Alamogul aus den USA. Hinter diesem Nickname verbirgt sich ebenfalls ein Paar. Die beiden hatten Ende März 2018 sage und schreibe 180.604 bestätigte Funde.

Sogenannte Powertrails helfen, das eigene Punktekonto rasch zu füllen. Das sind Runden, auf denen ein Cache hinter dem anderen liegt, sodass man ununterbrochen punkten kann. Beim Legen solcher Cacheserien ist nur der Mindestabstand von 161 Metern zwischen zwei Verstecken einzuhalten. 50 Caches oder mehr an einem Tag zu finden, ist auf einem Powertrail kein Problem. Der bisher längste Powertrail hatte mehr als 1000 Caches, und man konnte ihn im Auto abfahren. Dieser Trail lag – logisch – in den USA.

Der Cache, für den man die vermutlich längste Strecke überhaupt zurücklegen muss, erstreckt sich zwischen Deutschland und Italien. Start ist in München. Auf einer Wandertour von 560 Kilometern sammelt man an 28 Stationen Hinweise, mit deren Hilfe man schließlich die Box in Venedig finden kann. Unterwegs gilt es, 20.000 Höhenmeter zu überwinden. Dieser Cache ist das Gegenstück zum Powertrail: Um einen einzigen Punkt zu bekommen, ist man einen Monat lang unterwegs. Einen solchen mehrteiligen Cache nennt man Multi, seine letzte Station ist das Final.

Knobelspaß und besonderes Sucherlebnis











Um die Hinweise im alten Volkspolizei-Areal zu finden, muss man die Schatzkarte richtig lesen.

Uns vom Turtle Team sind Geocaches am liebsten, die einen gewissen Riecher erfordern. Der Cache im Häuserkampf-Objekt in der Lausitz gehört in diese Kategorie. Das Navigationsgerät führt uns lediglich zum Ausgangspunkt. Dort angekommen, müssen wir eine Schatzkarte entschlüsseln, die wir zuvor auf der Internetseite Geocaching.com, dem internationalen Portal der Geocacher, heruntergeladen haben. Auf der Karte wurden durch den Owner, der den Cache gelegt hat, Punkte markiert. An diesen Stellen befinden sich Hinweise, aus denen sich die Koordinaten für das Final ergeben.

Wer der Owner des Caches ist, wissen wir nicht. Wir kennen nur seinen Nickname. Jeder Geocacher, der Mitglied bei Geocaching.com ist, darf eigene Caches verstecken. Nur so funktioniert das Spiel. Die mehr als drei Millionen Geocaches, die weltweit existieren, wurden von 360.000 verschiedenen Ownern gelegt, die sich auch um die fortlaufende Pflege und Instandhaltung kümmern und kontrollieren, ob die Geocacher, die sich auf der Website als Finder eingetragen haben, tatsächlich im Logbuch stehen. Der Logbucheintrag ist der Beweis dafür, dass man das Versteck gefunden hat.


Ein Hinweis unter einer Baumschuppe.

Unser Owner hat die Hinweise im alten Plattenbau raffiniert versteckt. Sie stecken in Türschlössern, unter Scharnieren oder wurden mit UV-Stift an die Wand geschrieben. Um die Schrift zu lesen, benötigen wir eine UV-Lampe. Ein ambitionierter Geocacher führt einen Rucksack voller Ausrüstung mit sich.











Den muss man erstmal finden. Ein Nano-Cache

Einen Hinweis müssen wir mittels Morsecode entschlüsseln. Doch wer kennt den schon auswendig? Rasch mal googeln geht nicht: Tief im Lausitzwald gibt es keine Breitbandverbindungen. Der erfahrene Geocacher ist aber auch darauf vorbereitet. Unsere Hilfs-App, der Geocaching-Calculator (GCC), kennt alle gängigen Codes, Geheimschriften und Maßeinheiten und arbeitet sogar offline.

Ein Hinweis ist uns dennoch entgangen. Zum Glück hat der Owner einen Joker versteckt, der eine nicht gefundene Station ersetzen kann. Um ihn zu bergen, müssen wir in die Kanalisation hinuntersteigen. Neben einer Portion Häuserkampf-Feeling bekommen wir dort die fehlende Information.

Unser Teamname „M.u.K. Turtle Team“ besteht aus den Initialen unserer Vornamen und spielt darauf an, dass wir Schildkröten lieben. Natürlich haben wir eine Schildkröte zu Hause. Wir cachen aber auch wie Schildkröten: Bloß keine Hektik! So bekommt man am meisten von der Landschaft mit.

Es gibt selbstverständlich auch andere Cachertypen. Einer unserer Freunde hat mit diesem Hobby angefangen, als wir 800 Funde Vorsprung hatten. Inzwischen hat er uns im Sprintertempo überholt und steht bei 10.000 Funden. Er hat seine Limousine gegen einen Hundefänger eingetauscht, um seine Ausrüstung transportieren zu können: Kletterzeug, Aluminiumleiter, Tauchgerät. Unser Rucksack ist ein Witz dagegen.

Die Bewertung

Weil uns der Cache gut gefallen hat, vergeben wir auf der Seite Geocaching.com einen Favoritenpunkt. Hat ein Geocache viele solcher „Favis“, kann man davon ausgehen, dass er ein besonderes Erlebnis bietet. Das Häuserkampf-Areal hat mittlerweile mehr als 330 Favoritenpunkte gesammelt. Den Beliebtheitsrekord hält ein Geocache mit 6982 Favis in Berlin.


Unser bislang schwierigster Fund

Mehr als 100 Punkte hat ein Cache, der unser bislang kniffligster war. Fünfmal mussten wir auf die Suche gehen, bis wir ihn gefunden hatten. Er war gemein versteckt: In einem von sechs Fächern einer Schließanlage, die vor einem Mobilfunkmast der Deutschen Telekom steht. Unsere Navigationsgeräte führten uns zwar punktgenau zu der grünen Säule. Da diese aber scheinbar zur Anlage gehörte, trauten wir uns nicht, sie zu untersuchen und dabei womöglich etwas kaputt zu machen. Irgendwann fiel uns eine Unregelmäßigkeit auf. Und siehe da: Eines der Fächer ließ sich ohne Schlüssel oder Gewaltanwendung öffnen. Obwohl wir tagelang nur um den Mobilfunkmast herumgeschlichen sind, war auch das ein tolles Abenteuer.


Im Kontext:
Infoblatt Geocaching



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