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Infoblatt „Megakanal“ in Nicaragua

Kommt der Megakanal oder kommt er nicht?












Der geplante Kanal durch Nicaragua (dpa-infografik GmbH)

Eines der größten Bauprojekte der Welt dümpelt vor sich hin. Seit 2013 konkret in Planung entwickelt es sich langsam zu einem Geisterprojekt, das immer wieder einmal kurz in den Medien auftaucht, um dann erneut monatelang zu verschwinden. Die Rede ist vom Nicaragua-Kanal, dem ehrgeizigen Konkurrenz-Projekt zum Panamakanal. Längst sollte dieser Megakanal im Bau sein und 2019 eigentlich fertig werden. Doch heute ist die Frage: Kommt er noch oder kommt er nicht?

Die Geschichte eines Kanal-Projekts in Nicaragua

Die Idee eines Kanals zwischen Atlantik und Pazifik in Nicaragua gibt es bereits seit der Kolonialzeit im 16. Jahrhundert. Der Rio San Juan, der Grenzfluss zu Costa Rica, wurde als Wasserstraße zwischen dem Atlantik und dem Nicaragua-See entdeckt. Von dort ist es nur noch eine 20 km lange Landstrecke bis zum Pazifik. Im 19. Jahrhundert wurden bereits die ersten Pläne ausgearbeitet, aber aus verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Gründen nie konkret verfolgt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dann der Panamakanal gebaut, was das Kanalbau-Projekt in Nicaragua weiter in den Hintergrund treten ließ. Die USA sicherten sich zudem im Jahr 1914 – dem Eröffnungsjahr des Panamakanals – in Nicaragua das „ewige“ Recht zum Bau eines Kanals durch Nicaragua. Die Absicht dahinter war nicht etwa der Bau, sondern die Verhinderung eines Konkurrenz-Kanals zum Panamakanal, der von Beginn an unter der Hoheit der USA in der Panamakanal-Zone stand. So wurde Nicaragua zunächst auf Dauer die Möglichkeit genommen, aus seiner strategischen Lage für die Weltschifffahrt wie Panama wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. Auch andere mittelamerikanische Staaten wie Mexiko im Isthmus von Tehuantepec, Honduras und Guatemala verfolgten zwischenzeitlich Pläne für eigene Kanalverbindungen zwischen Atlantik und Pazifik. Keiner davon wurde jedoch jemals konkret angegangen.

Damals wie heute verspricht sich Nicaragua von dem Megakanal einen wirtschaftlichen Aufschwung des Landes mit Zehntausenden neuen Arbeitsplätzen in der Kanalzone und den begleitenden Projekten. Für das noch unterentwickelte, größte mittelamerikanische Land mit seinen 5,9 Mio. Einwohnern, wovon ein Drittel in Armut lebt, durchaus eine große Hoffnung. Der sandinistische Staatspräsident Daniel Ortega hat sich daher das Projekt von Anfang an auf seine Fahnen geschrieben.

Das Projekt Nicaragua-Kanal heute


Nicaraguas Präsident Daniel Ortega mit Wang Jing (Getty Images (Inti Ocon / AFP), München)

Neu befeuert wurden die Pläne für den „Gran Canal Interoceánico“ in Nicaragua erst durch die Globalisierung mit dem rasanten Anstieg des Welthandels. Dieser verdreifachte sich fast in den Jahren von 1990 bis 2008, entsprechend nahm der Schiffsverkehr um den Globus zu. Durch den Panamakanal laufen sechs Prozent des internationalen Seefrachtverkehrs, vor allem zwischen der Ostküste der USA und dem südostasiatischen Wirtschaftsraum. Die USA reagierten darauf mit dem Ausbau des Panamakanals. Von 2007 bis 2016 wurde eine neue, dreistufige Schleusenanlage gebaut, die Platz für bis zu 366 m lange und 49,1 m breite Schiffe bietet. Trotz dieser Erhöhung des Konkurrenzdruckes durch den Panamakanal fand in Nicaragua ab 2012 ein neuer Anlauf für die Verwirklichung des eigenen Kanalprojektes statt. Nach Verabschiedung eines Kanalgesetzes durch die Nationalversammlung wurde im Jahr 2013 ohne Ausschreibung ein Rahmenvertrag mit der „Hongkong Nicaragua Canal Development Investment“ (HKND) des chinesischen Investors Wang Jing geschlossen. Diese schillernde Persönlichkeit mit Firmensitz auf den Kaimaninseln und einem Netzwerk von mehr als 20 Unternehmen – darunter mehrere Briefkastenfirmen in verschiedenen Steuerparadiesen – wurde von Anfang an von internationalen Beobachtern mit Misstrauen betrachtet. Immerhin gilt es ein Projekt zu stemmen, das seinesgleichen auf der Welt sucht:

  • geplante Kosten des Kanalprojektes: rund 50 Mrd. US-Dollar
  • Länge des Kanals: 278 km, Breite: 230 bis 520 m, Tiefe: 27,6 m, die maximale Aushubtiefe dabei rund 200 m
  • zwei Schleusenanlagen mit je 30 m Hubhöhe
  • Anlage eines künstlichen Sees von 400 km²
  • je ein Tiefseehafen am Atlantik (Puerto Punto Aguila) und am Pazifik (Brito)
  • eine 80 m hohe Brücke
  • ein internationaler Flughafen
  • drei Tourismuskomplexe.

Die Bau- und Betreiberkonzession wurde zunächst für 50 Jahre an die HKND übertragen. Dazu gehören sämtliche Rechte für die Planungshoheit und die Nutzung sämtlicher Ressourcen wie Land und Wasser für das Projekt. Die HKND muss keinerlei Steuern an Nicaragua zahlen und später lediglich pro Jahr steigend jeweils ein Prozent der Einnahmen an den Staat übertragen. Dazu kommt ein entscheidender Vertragspunkt, der jetzt offensichtlich das Problem bildet: Es wurden keinerlei zeitliche Verpflichtungen für die Bau- oder Betreibermaßnahmen in den Vertrag aufgenommen.

Der offizielle Spatenstich fand am 22. Dezember 2014 statt. Nicaraguas Staatspräsident Daniel Ortega und der HKND-Geschäftsführer schüttelten sich die Hände und sprachen von der Verwirklichung eines „Traums von Generationen“ in Nicaragua. Doch seitdem ist außer der Anlage von ein paar Baustraßen nichts weiter geschehen. Es gibt kein weiteres Datum für den wirklichen Beginn der Bauarbeiten. Kritiker glauben, dass die Projektgesellschaft HKND dem gewaltigen Bauvorhaben einfach nicht gewachsen ist. Das Megaprojekt erfordert Erdbewegungen von fünf Milliarden Kubikmetern, das ist etwa das Zehnfache der Mengen für den Bau und alle Erweiterungen des Panamakanals. Dazu sind laut Projektplan etwa 2.000 schwere Maschinen, rund 400.000 Tonnen Sprengstoff und Millionen von Tonnen Zement und Stahl notwendig. An Arbeitskräften werden etwa 50.000 Menschen benötigt.

Auch an der Finanzierungskraft des HKND-Chefs Wang Jing bestehen inzwischen erhebliche Zweifel. Das Vermögen des Investors betrug bei Vertragsabschluss noch über zehn Mrd. US-Dollar und schrumpfte durch Turbulenzen an den internationalen Börsen nach Angaben von Analysten im Jahr 2016 auf etwa ein Zehntel, nämlich nur noch 1,1 Mrd. US-Dollar. Das Vertrauen potenzieller Anleger dürfte damit schwer erschüttert sein, bislang sollen erst 600 Millionen Dollar von Investoren eingesammelt worden sein.

Wie geht es vermutlich weiter? Proteste nehmen zu


Erbitterte Proteste in Nicaragua: "Nein zum Kanal, Tod den Chinesen" (Picture-Alliance, Reuters /Oswaldo Rivas), Frankfurt)

Unabhängig von allen Verzögerungen mehren sich die immer schon vorhandenen kritischen Stimmen im Land deutlich. Die Gegner des Kanals argumentieren, dass die Vorteile des Projektes die sozialen und ökologischen Folgen nicht aufwiegen können. Es geht vor allem um gravierende Menschenrechtsverletzungen bei der Enteignung von Einwohnern einschließlich indigener Völker und um die unabsehbaren Folgen für die Natur. Für das Projekt müssen insgesamt  2.900 km² Land – mehr als die Fläche Luxemburgs – enteignet und über 30.000 Menschen umgesiedelt werden. Auch friedliche Proteste werden vom Militär unterdrückt, Kanalgegner werden eingeschüchtert. Bauern werden bereits daran gehindert, ihr Land zu bestellen, obwohl noch keinerlei Bautätigkeit dort stattfindet.

Ökologisch ist besonders der Nicaraguasee bedroht, eines der größten Trinkwasserreservoire Mittelamerikas. Die Pläne für den Kanal sehen vor, dass die Fahrrinne vom Atlantik zum Pazifik durch den südlichen Teil des Süßwassersees führt. Unabsehbare ökologische Folgen sind zu befürchten, wenn sich Süß- und Salzwasser durch den Kanal miteinander vermischen. Darüber hinaus gehen große Flächen an Tropischem Regenwald, Mangroven, Savannen und weiteren Ökosystemen verloren.

Bis 2017 fanden über 60 Demonstrationen mit etwa 350.000 Kanalgegnern in Nicaragua statt. Mehr als 30 Verfassungsklagen wurden eingereicht, die aber alle vom Obersten Gericht des Landes abgelehnt wurden. In einer Gemeinschaftserklärung aller Umweltorganisationen gegen den Kanalbau wird eine Bevölkerungsentscheidung über das Projekt gefordert. Ein solcher Entscheid wird aber von der sozialistischen Regierung Ortega abgelehnt. Es mehren sich Hinweise darauf, dass auch der Präsidentenclan von dem Kanalprojekt über Beteiligungen an Holdings und Unternehmen wirtschaftlich profitiert.

Die Entwicklung des Megakanal-Projekts in Nicaragua ist also weiter unklar. Nachfragen bei der Betreibergesellschaft HKND nach konkreten Terminen bleiben unbeantwortet. Sowohl die Regierung als auch die HKND halten aber offiziell an dem Projekt fest. Der Ausgang – ungewiss.


Im Kontext:
Infoblatt Panamakanal



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Ihr Kommentar

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Christian Neuhaus schrieb am 11.06.2018

Hallo, besten Dank für den Hinweis. Wir schauen, dass wir den Panamakanal-Artikel demnächst einmal aktualisieren.
Viele Grüße
Christian Neuhaus | TERRASSE Online

Gertrud schrieb am 09.06.2018

Sie verweisen in diesem Text auf das Infoblatt über den Panama-Kanal. Vielleicht könnten Sie diesen Panama-Artikel aus dem Jahr 2011 mal aktualisieren, denn dieser wurde ja vor immerhin fast 2 Jahren wiedereröffnet.