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Äthiopien und Eritrea – zwei Länder, eine Geschichte


M1 Ausgediente Kriegsfahrzeuge in Asmara, Eritrea (Quelle: 123rf (Sergey Mayorov), Nidderau)

In Europa kaum wahrgenommen und doch gespürt: der Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea. Europa, darunter die Bundesrepublik Deutschland, hat Flüchtlinge aus beiden Ländern aufgenommen. Nun ist dieser Krieg zu Ende gegangen.

Lange Geschichte


M2 Flagge von Äthiopien (Quelle: 123rf (Supparsorn Wantarnagon), Nidderau)

Häufig ist von einem 20-jährigen Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea die Rede. Zwischen 1998 und 2000 tobte ein offener und blutiger Krieg mit schätzungsweise bis zu 100.000 Toten. Doch der Konflikt schwelt schon viel länger. Und er war jahrhundertelang Teil der europäischen Politik.

Will man den Konflikt verstehen, so muss man weit in der Geschichte zurückgehen. Das heutige Äthiopien (von griech. „Land der gebrannten Gesichter“), früher das Kaiserreich Abessinien (von arabisch: „Land der gemischten Rassen“), war eine Monarchie, die von 980 v. Chr. bis 1974 bestand, bis sie durch einen Staatsstreich zur Demokratischen Volksrepublik Äthiopien wurde. Das äthiopische Kaiserreich war bis 1974 der älteste bestehende Staat der Welt, regiert vom jeweiligen Negus Negest („König der Könige“), der sich als Angehöriger und Nachfahre der Salomonischen Dynastie sah. Diese Dynastie beruhte, so die Überlieferung, auf dem unehelichen Sohn des israelitischen Königs Salomon und der Königin von Saba, in alten äthiopischen Quellen Mâkedâ genannt. Bei Flavius Josephus, einem römisch-jüdischen Geschichtsschreiber (38 – 100 n. Chr.), wird die Königin von Saba als Königin von Äthiopien bezeichnet. Ihr und Salomons Sohn war Menelik I. (geboren in Jerusalem); auf ihn als Urahn beriefen sich die äthiopischen Fürsten, die ab 1270 die Kaiser Äthiopiens stellten.

Das bis heute in Äthiopien und Eritrea verbreitete äthiosemitische Amharisch ist mit anderen semitischen Sprachen verwandt, darunter Arabisch und Hebräisch. Noch immer spricht rund ein Viertel der Bevölkerung Äthiopiens Amharisch als Muttersprache, ein erheblicher Teil der übrigen Bevölkerung spricht es als Zweitsprache. Amharisch ist die wichtigste Verkehrssprache des Landes.
Äthiopien ist somit seit Urzeiten mit dem vorderasiatischen und arabischen Raum kulturell verbunden. Außerdem war das Reich die einzige afrikanische Nation, die den europäischen Kolonialmächten im 19. Jahrhundert erfolgreich widerstand.

Eritrea, Land am Roten Meer


M3 Flagge von Eritrea (Quelle: 123rf (Mykhailo Polenok), Nidderau)

Eritrea ist ein Staat im nordöstlichen Afrika. Er grenzt an den Sudan, an Äthiopien, an Dschibuti und ans Rote Meer. Von diesem leitet sich auch die Landesbezeichnung ab: Das altgriechische Ἐρυθραία (Erythraia) bedeutet „rot“, das griechische Wort für Meer (thálassa) entfällt. Das altäthiopische Wort „Ertra“ (aus bahïrä ertra) bedeutet ebenfalls „Rotes Meer“.

Das heutige Eritrea bestand ursprünglich aus einem eigenständigen Königreich im Hochland von Eritrea. Das Tiefland war über 300 Jahre Kolonie (osmanisch und ägyptisch), bevor die europäischen Mächte ins Spiel kamen. 1890 wurden die beiden Landesteile italienische Kolonie. Äthiopien dagegen erhielt seine Unabhängigkeit.

Bereits 1882 hatte Italien nach dem Ende der ägyptischen Herrschaft über Eritrea Teile des Landes besetzt und damit den ersten Krieg mit Abessinien provoziert. In der Schlacht von Dogali (1887) wurden die italienischen Truppen von der äthiopischen Armee geschlagen. 1889 folgte ein Friedensvertrag zwischen Italien und Äthiopien, wobei Italien Abessinien noch immer als Protektorat (Schutzgebiet, Schirmherrschaft) betrachtete. Laut Protektoratsvertrag war Abessinien ein teilsouveräner Staat mit Vertretung und Landesverteidigung durch Italien. Italien übernahm allerdings, in Verletzung des Vertrages, weitere Gebiete und machte Eritrea zur Kolonie. Der Nachfolger des inzwischen gefallenen abessinischen Königs nahm diese Entwicklungen zum Anlass, den Vertrag zu kündigen. Daraufhin marschierte Italien erneut in Abessinien ein. Die Eroberung des Landes und die Gewinnung einer weiteren, großen Kolonie misslangen kläglich: 1896 wurden die italienischen Kräfte in der Schlacht von Adua von den abessinischen Truppen vernichtend geschlagen. Bis heute ist der Siegestag äthiopischer Feiertag (2. März).

So verblieb allein Eritrea unter kolonialer Herrschaft. Allerdings waren damit die italienischen Kolonialträume nicht ausgeträumt. 1922 ergriff ein Mann die Macht in Italien, der von einem neuen Imperium Romanum träumte: Benito Mussolini. Teil seiner Pläne war die Eroberung und Unterwerfung Abessiniens. Ab 1932 liefen die Vorbereitungen für den folgenden Militärschlag. Als im Dezember 1934 30 in italienischen Diensten stehende somalische Askari von abessinischen Grenztruppen getötet worden waren, waren die Würfel für einen Überfall auf Abessinien gefallen. Am 2. Oktober 1935 erklärte Italien den Krieg und überfiel das Land mit rund 200.000 Mann. Im Laufe des Krieges kam es auf italienischer Seite zu massiven Verletzungen des Völkerrechts (Genfer Konvention) durch den Einsatz von Senfgas und großangelegte Luftbombardements gegen feindliche Truppen und die Zivilbevölkerung. Im Zuge der Kampfhandlungen wurden landwirtschaftliche Anbauflächen mit Giftgas belegt und Ortschaften eingeäschert. Im weiteren Verlauf kam es zu Massenerschießungen der Zivilbevölkerung. Abessinische Lazarette des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes wurden gezielt bombardiert. Dass die italienische Luftwaffe kartografisches Material des Roten Kreuzes nutzte, war in besonderem Maße verbrecherisch. Das Rote Kreuz hatte bei Kriegsbeginn die Karten an die italienische Regierung übergeben, damit unbeabsichtigte Angriffe auf Krankenhäuser und Feldlazarette möglichst vermieden werden könnten.

Im Mai 1936 nahmen die italienischen Truppen die abessinische Hauptstadt Addis Abeba ein, schon im Juli 1936 hob der Völkerbund die Sanktionen gegen Italien auf. Der italienische König, Viktor Emanuel III., avancierte zum Kaiser von Abessinien, der Befehlshaber der italienischen Südarmee in Abessinien, Rodolfo Graziani, zum abessinischen Vizekönig.

Mit der Besetzung Abessiniens endeten jedoch nicht die Auseinandersetzungen. Untergrundkämpfer führten immer wieder Guerillaangriffe durch. Die italienischen Truppen setzten weiterhin Giftgas gegen Rebellen ein; viele Gefangene wurden ermordet. Über die Zahl der Opfer in Äthiopien gibt es unterschiedliche Informationen: Nach Angaben des Ethiopian Holocaust Remembrance Committee in Chicago belief sich die Zahl der äthiopischen Opfer auf mindestens eine Million Tote. Italienische Quellen sprechen von 350.000 bis 480.000 getöteten Äthiopiern (1935 – 1941).  Andere Schätzungen reichen von 350.000 bis 760.000 abessinischen Opfern.

Der Zweite Weltkrieg beendete die italienischen Kolonialträume. Britische Truppen, unterstützt von äthiopischen Soldaten, die mit Kaiser Haile Selassie ins Exil nach England gegangen waren, eroberten Addis Abeba im Mai 1941. Nun stand auch Eritrea unter britischer Verwaltung und wurde ab 1952 in eine Föderation mit dem damaligen Kaiserreich Abessinien eingebunden. Bereits 1961 zwang der Kaiser das föderale Territorium Eritrea als Provinz in das Äthiopische Kaiserreich. Damit begann der eritreische Unabhängigkeitskrieg, der 30 Jahre später, 1993, wieder zur Unabhängigkeit von Eritrea führte.

Sterben für ein Dorf


M4 Umstrittene Grenzziehung, weshalb Äthiopien und Eritrea 1998 – 2000 Krieg führten (Klett-Archiv, Stuttgart)

Die Befreiung Eritreas konnte nur gelingen durch den Sturz der äthiopischen Regierung. Bereits 1974 war das Kaiserreich Äthiopien untergegangen, nachdem die Armee die Regierung übernommen hatte. Jahre zuvor war die kaiserliche Regierung in starke Bedrängnis geraten, nachdem 1973 eine Dürrekatastrophe die Inflation sprunghaft steigen ließ, die mittellosen Bauern immer stärker unter der Knute der Großgrundbesitzer litten und die Ölkrise zu gesellschaftlichen Unruhen führte. Haile Selassie wurde 1974 gestürzt, es übernahm ein Militärverwaltungsrat (Derg: altäthiopisch für „Rat“) unter Führung von Major Mengistu Haile Mariam. 1975 wurde die Monarchie abgeschafft, das Land wurde zu einer sozialistischen Volksrepublik unter der Sowjetunion. Die folgenden Jahre waren geprägt von weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen.

Eritrea, noch immer Teil des Bundesstaates, erfuhr zunehmend Unterdrückung durch die äthiopische Regierung, was die Separatisten stärkte und zu bewaffnetem Widerstand führte.
1984/1985 brach in Äthiopien eine Hungersnot aus: Eine halbe bis eine Million Menschen verhungerten, der Bürgerkriegskonflikt verschlimmerte die Folgen der Hungerkatastrophe noch. 1991 brach das Regime zusammen.

Nun übernahm eine Koalition verschiedener Befreiungsbewegungen die Macht. In der Folge etablierte sich ein föderatives System mit autonomen Regionen für die größten Volksgruppen. Die Unabhängigkeit Eritreas, erkauft durch einen 30-jährigen Kampf, bedeutete allerdings nicht das Ende der Feindseligkeiten. 1993 erklärte sich Eritrea für unabhängig, beide Länder schlossen einen Kooperationsvertrag, der den zollfreien Handel festlegte. Eritrea hielt am äthiopischen Birr als Währung fest. Äthiopien erhielt zudem die Möglichkeit, über die eritreische Hafenstadt Assab Waren zollfrei einzuführen. Daneben konnte es die Raffinerie in Assab nutzen (gegen 30 Prozent des äthiopischen Erdöls).

Der verbleibende Streitpunkt zwischen beiden Ländern war jedoch die Grenzziehung. Schon um die Jahrhundertwende (19./20. Jh.) war sie gemeinsam von Großbritannien, Italien und Abessinien ausgehandelt worden, Äthiopien erkannte sie nun aber in dieser Form nicht an. In den folgenden Jahren eskalierten die wirtschaftlichen Streitigkeiten zwischen beiden Staaten, 1997 führte Eritrea schließlich eine eigene Währung ein, den Nafka (1 Nakfa = 100 Cent). Die Währung ist nach der norderitreischen Stadt Nakfa benannt, weil sie im Unabhängigkeitskrieg eine entscheidende Rolle spielte. Äthiopien strich daraufhin die Handelsvorteile Eritreas.

Der Konflikt spitzte sich zu. 1997 besetzte Äthiopien Gebiete in Eritrea. Trotz Einrichtung einer gemeinsamen Grenzkommission kam es im Mai 1998 zu einem Schusswechsel mit Todes-opfern. Damit begann der nächste Krieg. Er dauerte zwei Jahre, von 1998 bis 2000.

Beide Staaten rüsteten auf, Eritrea hatte 200.000 Mann unter Waffen, Äthiopien 300.000. Die Rüstungsausgaben stiegen für beide (verarmten) Länder enorm. Zwischen Mai 1998 und Februar 1999 gaben beide Seiten zusammen geschätzt 600 Millionen US-Dollar aus. Grenzgefechte kosteten Tausende das Leben. Äthiopien bombardierte 1999 eritreische Städte. Am 18. Juni 2000 unterzeichneten dann die kriegsführenden Parteien den Waffenstillstand.

Entzündet hatte sich der Grenzstreit vor allem an dem Dorf Badme (1000 Einwohner). Zwischen 1998 und 2000 verloren auf beiden Seiten zwischen 80.000 und 100.000 Menschen ihr Leben. Genaue Zahlen sind nicht ermittelbar.

Krieg und Flucht beendet?


M5 Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed (li.) und Eritreas Außenminister Osman Saleh Mohammed treffen sich zu Friedens-gesprächen in Addis Abeba (26. Juni 2018) (Quelle: Getty Images (Yonas Tadesse / AFP), München).

Neben den Todesopfern verursachte der Krieg vor allem eine Fluchtwelle. Allein in Eritrea wird die Zahl der Flüchtlinge auf etwa eine Million geschätzt, Äthiopien gibt für sich 350.000 an.

Bis heute sind die Lebensbedingungen in beiden Staaten mangelhaft. Nach derzeitiger Einschätzung des Auswärtigen Amtes der Bundesregierung gilt für Eritrea, dass die Ausübung von Grundrechten, etwa der Rede-, Meinungs-, Versammlungs- und Religionsfreiheit, nicht oder nur stark eingeschränkt möglich ist. Presse, Rundfunk und Fernsehen unterliegen staatlicher Kontrolle. Die Justiz des Landes ist Teil des Justizministeriums, es existieren Sondergerichte. Eine organisierte politische Opposition gibt es nicht, Regimekritiker wurden und werden ohne rechtsstaatliches Verfahren verhaftet und in einer Reihe von Fällen seit Jahren an geheimen Orten ohne Außenkontakt inhaftiert.

Auch für Äthiopien wird die Lage vom Auswärtigen Amt aktuell als unbefriedigend eingeschätzt. Seit dem 16. Februar 2018 waren für einen Zeitraum von vier Monaten nach Unruhen Grundrechte wie freie Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit und das Demonstrationsrecht im Rahmen des zweiten Ausnahmezustandes eingeschränkt. In den vergangenen Jahren gab es bei Protesten Hunderte von Toten und Tausende von Verhaftungen.

In beiden Ländern existieren verfassungsmäßig international übliche Frauenrechte, die jedoch  trotz gesetzlichen Diskriminierungsverbotes und der Anstrengungen der Regierungen nicht durchgehend durchgesetzt sind. Traditionelle Praktiken wie die weibliche Genitalverstümmlung sind nach wie vor verbreitet.

Für Männer war in der Vergangenheit besonders der Wehr- bzw. Kriegsdienst ein Fluchtgrund. In Eritrea wurden eingezogene Rekruten nicht nur für die Dauer des gesetzlichen Dienstes in die Streitkräfte gepresst. Einer der am häufigsten genannten Gründe der eritreischen Asylbewerber für die Flucht ist der Militärdienst in ihrer Heimat. Dort muss(te) jeder Mann ab 18 einen Grundwehrdienst leisten, der offiziell auf 18 Monate begrenzt ist. Bis vor wenigen Jahren konnte er tatsächlich aber ein Jahrzehnt dauern, ohne dass dem Rekruten Gründe genannt wurden. Zudem nahm der Dienst oft den Charakter von Zwangsarbeit an. Seit Beginn des Grenzkrieges mit Äthiopien war Eritrea bis 2018 im Dauerzustand der Generalmobilmachung.

Wie sich die Situation nach dem im Juli 2018 geschlossenen Friedensvertrag entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Äthiopien hat unter der Führung seines neuen Premiers Abyi Ahmet einen Weg beschritten, der die Situation in der Region grundlegend verändern kann. Bereits wenige Wochen nach Amtsübernahme sind Zehntausende politische Gefangene frei, die Medienzensur beendet, der Ausnahmezustand aufgehoben und ausländische Investitionen erlaubt.



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