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Konfliktrohstoff Coltan – ein Mystery


M1 Soldaten in der Demokratischen Republik Kongo (Quelle: Picture-Alliance GmbH (Reuters), Frankfurt)

Prozesse der Globalisierung werfen komplexe Verantwortungsfragen auf. Ansätze aus der Geographiedidaktik können herangezogen werden, um solche Fragen zu beantworten und Unterrichtseinheiten im Feld der angewandten Ethik zu gestalten. Die Mystery-Methode, dargestellt am Beispiel sogenannter Konfliktrohstoffe in der Demokratischen Republik Kongo, bietet sich als Förderinstrument zum Umgang mit sachlicher und ethischer Komplexität an.

Konfliktmineralien aus der Demokratischen Republik Kongo


M2 Smartphone, Laptop und Co – undenkbar ohne Coltan (Quelle: Okapia (Ulrich Zillmann), Frankfurt)

Das Erz Coltan ist ein unverzichtbarer Rohstoff für die moderne IT-Industrie. Das daraus gewonnene Metall Tantal wird in Kondensatoren eingesetzt, die zur Speicherung elektrischer Ladungen in Geräten erforderlich sind – in Mobiltelefonen, Laptops und in Geräten der Unterhaltungselektronik. Die Zahl der weltweit zugänglichen Lagerstätten ist, wie bei anderen sogenannten „seltenen Erden“, begrenzt. Kommen diese nicht aus stabilen Ländern wie China oder Australien, werden sie oft auch „blutige Rohstoffe“ genannt.











M3 Coltanabbau in der Demokratischen Republik Kongo (Quelle: Getty Images (Junior D. Kannah/AFP), München)

Die Demokratische Republik Kongo, eines der Hauptbezugsländer für Coltan und andere seltene Erden, zählt trotz seines Rohstoffreichtums heute zu den ärmsten Ländern der Welt. Als Ursachen gelten jahrzehntelange Ausbeutung durch die belgische Kolonialmacht, Misswirtschaft, Korruption und jahrelange Kriege. Am Coltan bereichern sich direkt oder mittelbar internationale Konzerne, die aber nicht die Alleinschuld an diesem Krieg tragen. Das lokale Militär, die Regierung und Warlords entfachen im Kampf um das Verfügungsrecht an den Rohstoffen immer wieder neue Konflikte, in denen es zwangsrekrutierte Kindersoldaten, Massentötungen, systematische Vergewaltigung als Waffe, Hinrichtungen und illegale Verhaftungen gibt.

Hilfsorganisationen und Journalisten machen seit einigen Jahren auf diese Missstände aufmerksam. In jüngerer Zeit finden sich vereinzelt Beispiele für das Engagement von Firmen aus dem IT-Bereich, Änderungen nationaler Gesetzgebung wie der Dodd-Frank-Act in den USA und außergewöhnliche Einzelaktionen wie das Fairphone-Projekt aus den Niederlanden. Das Thema hat gesellschaftspolitische und ethische Relevanz und eignet sich aufgrund seiner doppelten Komplexität (sachlich und ethisch) auch für die Auseinandersetzung im Philosophie- und Ethikunterricht.

Globales Lernen im Geographieunterricht mit der Mystery-Methode

In Deutschland werden seit einigen Jahren internationale Debatten um Möglichkeiten und Grenzen Globalen Lernens im Schnittfeld von politischer Bildung, Geographiedidaktik und Religionspädagogik geführt. Die Lernenden sollen befähigt werden, Globalität wahrzunehmen und sich selbst mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten im Netz weitgespannter Wechselwirkungen zu verorten. Sie sollen in die Lage versetzt werden, ihre individuelle sowie die gesellschaftliche Lebensgestaltung an offenen und zu reflektierenden Wertvorstellungen zu orientieren.

Gemäß den Nationalen Bildungsstandards Geographie sollen die Schülerinnen und Schülern lernen, Eingriffe des Menschen in die Natur nach ihrer ökologischen, sozialen, politischen und ökonomischen Verträglichkeit zu bewerten. Die Lernenden sollen so zu mehrperspektivischem und wertorientiertem Beurteilen von Handlungen im globalen Kontext befähigt werden.

Geographieunterricht wird dadurch noch nicht zum Philosophie- und Ethikunterricht. Es verbreitet sich aber das Bewusstsein unter Geographiedidaktikern, dass moralphilosophische und moralpsychologische Theorien unabdingbar für die fachdidaktische Kompetenzforschung sind. Dabei können die Geographiedidaktik und die Fachdidaktiken der Naturwissenschaften nicht nur von moralpädagogischen Erkenntnissen zur Entwicklung der moralischen Urteilskompetenzen profitieren, sondern auch von normativen Debatten der praktischen Philosophie. Umgekehrt wurden in der Geographiedidaktik eine Reihe von Fördermethoden zur Auseinandersetzung mit fachlicher und ethischer Komplexität entwickelt. Diese werden auch in der Biologiedidaktik in Vorschlägen zur Unterrichtspraxis und empirischer Unterrichtsforschung rezipiert.

Die Mystery-Methode aus dem „Thinking-Through-Geography-Ansatz“ (vgl. Leat 1998) wird im vorliegenden Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema der Konfliktrohstoffe vorgeschlagen. Bei der Mystery-Methode wird über Geschichten, die in Leitfragen enden, zu einer Problemstellung hingeführt. In Kleingruppen versuchen die Schülerinnen und Schüler, diese Fragen zu klären, indem sie Kärtchen mit ungeordneten Informationen zu einem Fallbeispiel zusammenbringen. Wirkungszusammenhänge werden so in den untersuchten Themenfeldern mit Kärtchen und Pfeilen dargestellt.

Je nach Schülergruppe, Wahl der Perspektive und der Betonung einzelner Betrachtungsaspekte sind hier verschiedene Ergebnisse möglich. Allein darin, dass die Schülerinnen und Schüler dies erkennen, besteht eine wesentliche, als Kompetenzerwerb angesehene Zielformulierung.

Die folgenden Aspekte sind zentral für die Mystery-Methode im Unterricht:

  • Komplexe Systeme weltlicher Erscheinungen lassen sich betrachten, analysieren und diskutieren.
  • Durch das Sprechen miteinander und die Berücksichtigung von Informationen werden den Systemzusammenhängen, Teilaspekten des Systems und dem Gesamtsystem, Bedeutungen zugewiesen.
  • Die Erkenntnis, dass ein Gesamtsystem trotz verschiedener Betrachtungsperspektiven je verschieden stimmig sein kann, wird ermöglicht.
  • Der Erwerb eigener Meinungen verschafft Standpunkte und Urteilssicherheit gegenüber komplexen Systemen weltlicher Erscheinungen.
  • Soziale Formen des Lernens unterstützen Lernprozesse, wenn sie Eigenbeteiligung und Freude am Austausch begünstigen.
  • Inhalt und Methodik stehen in einem inneren Sinnzusammenhang zueinander.

Anregungen für den Unterricht











M4 Mysterykarten zum Download

Das Mystery „Dein Smartphone und der Krieg im Kongo“ eignet sich für Schülerinnen und Schüler ab Klasse 10. Ein Aufgabenblatt und die Mysterykarten zum Ausschneiden stehen als Download zur Verfügung. Das Aufgabenblatt führt direkt zur ersten Arbeitsphase hin, in der sich die Schülerinnen und Schüler wechselseitig Aufklärung verschaffen über die in der Aufgabe angedeuteten Zusammenhänge. Dabei müssen sie selbst zu adäquaten Verfahren finden, um sich über die Texte auf den Mysterykarten zu informieren, über mögliche Zusammenhänge nachzudenken und sich schließlich auf mögliche Deutungen dieser Zusammenhänge zu einigen. Widersprüchliches kann dabei durchaus widersprüchlich und Unklares auch offenbleiben. Verschiedene Lösungen sind möglich, wenn mehrere Gruppen gleichzeitig das Mystery erarbeiten.

Ganz nebenbei werden die Schülerinnen und Schüler mit Werturteilen und Wertvorstellungen konfrontiert, wenn sie Vorgänge und Zusammenhänge einschätzen. Sie werden ganz unweigerlich darüber nachdenken, inwieweit sie als Konsumenten ebenfalls involviert sind.

Die Methode will den Umgang mit Komplexität und Kontroversität fördern. Die Lehrerin oder der Lehrer bleibt im Hintergrund, steht aber für fachbezogene Nachfragen zur Verfügung. Damit berücksichtigt die Mystery-Methode z. B. zentrale Erkenntnisse der Forschung zur Entwicklung der sozialen Rollenübernahme und Perspektivübernahme. Wenn Peerprojekte und Peerdiskussionen bevorzugt in der Unterrichtsgestaltung eingesetzt werden, steigert dies die Anteile reziproker Kommunikationen und senkt den Anteil submissiver Kommunikationen. Die Kinder und Jugendlichen zeigen eine höhere Kompetenz bezüglich eines Perspektivwechsels und einer Rollenübernahme, wenn sie Konflikte untereinander aushandeln, als wenn Erwachsene beteiligt sind.

Entsprechende Lehr-Lern-Arrangements erlaubten es zudem geselligen Kindern, ihre differenzierter entwickelten Fähigkeiten zu Empathie und Rollenübernahme einzubringen. Für sozial zurückgezogene Kinder werden Schutzräume geschaffen, innerhalb derer sie die oben genannten Fähigkeiten entwickeln können. Wenn Lehrkräfte inhaltlich weniger an Entscheidungsprozessen beteiligt sind, kann das die Toleranz für abweichende Meinungen und die Entwicklung von Gefühlen für Wertschätzung fördern.

Im Anschluss an eine Präsentation und Diskussion der Ergebnisse können die im Diskurs gewonnenen Positionen noch einmal an einem kritischen, abwägenden Text (vgl. Linktipp) geprüft und unter Anwendung ethischer Theorien reflektiert werden.


Im Kontext:
Konfliktrohstoff Coltan – eine Dilemmadiskussion



Quellenangaben:
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Applis, S. (2014). Global Learning in a Geography Course Using the Mystery Method as an Approach to Complex Issues. Review of International Geography Education online (RIGEO) 4(1), 58-70. Abrufbar unter: http://www.rigeo.org/vol4no1/Number1spring/RIGEO-V4-N1-4.pdf
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Applis, S. (2014). Die soziale Dimension des kommunikativen Aushandelns von Gerechtigkeitsfragen. Geographie aktuell und Schule 36(208), 15-23.
DGfG – Deutsche Gesellschaft für Geographie (Hrsg., 2007): Bildungsstandards im Fach Geographie für den Mittleren Schulabschluss – mit Aufgabenbeispielen. Berlin.
Pike, G. & Selby, D. (1998). Global teacher – Global learner. London.
Leat, D. (1998). Thinking Through Geography. Chris Kingston Publishing. Cambridge.
Schreiber, J.-R. & Schuler, S. (2005): Wege Globalen Lernens unter dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung. Praxis Geographie 35 (4), S. 4-10.
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