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Fach des 21. Jahrhunderts?! Ein Stimmungsbild vom Deutschen Kongress für Geographie in Kiel












Der Mensch als Geofaktor – willkommen im Anthropozän
(Schwarwel, Leipzig)

„Nahezu alle Konflikte auf der Erde haben geographische Ursachen“, sagt Karl Walter Hoffmann, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen (VDSG), anlässlich des Deutschen Kongresses für Geographie in Kiel. Dank „Fridays for Future“ erhält insbesondere der Klimawandel derzeit große öffentliche Aufmerksamkeit. Aber auch zu vielen weiteren der drängendsten globalen Herausforderungen wie Globalisierung, Migration, Bevölkerungswachstum, internationale Zusammenarbeit vs. nationale Abschottung leistet unser Fach einen wichtigen, wenn nicht entscheidenden Beitrag. Erdkunde bzw. Geographie kann zum Kernfach des 21. Jahrhunderts werden. Der neue, identitätsstiftende Kern des Faches liegt auf der Hand.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Paradoxerweise findet die Geographie in der Öffentlichkeit wenig statt. Das Schulfach kämpft bundesweit gegen Bedeutungsverlust, Lehrermangel und Stundenkürzung. Lehrpläne wandeln sich zwar und nehmen Schlagwörter wie nachhaltige Entwicklung, Klimawandel oder auch Entwicklungszusammenarbeit auf. Doch dank der föderalen Zergliederung der Schulpolitik sind die Ansprüche an den Unterricht höchst unterschiedlich.

Dass sich auch einige Wissenschaftler/innen mit der Suche nach einer neuen Mitte des Faches beschäftigen, zeigte sich beim Deutschen Kongress für Geographie (DKG) Ende September 2019 in Kiel – genau 50 Jahre nach dem für das Fach einschneidenden und wegweisenden Kieler Geographentag. Seitdem entwickelten sich Physische Geographie und Humangeographie immer weiter auseinander. Neue Teildisziplinen entstanden.

Positiv betrachtet, geschah diese Auffächerung parallel zur gesellschaftlichen Ausdifferenzierung. Doch seit 1969 konnte sich die Geographie nicht mehr auf einen gemeinsamen zentralen Kern bzw. eine Fachtheorie verständigen. Die Kritik daran: Wegen des fehlenden Kerns gelingt es der Geographie kaum, die Relevanz des Faches für Gesellschaft und Bildung breitenwirksam zu kommunizieren. So titelte die FAZ anlässlich des DKG denn auch: „Kampf der Geographen: Steht die Erdkunde vor dem Aus?“ (26.09.2019).

Carolin Schurr (Sozial- und Kulturgeographin, Universität Bern) und Peter Weichhart (Sozialgeograph und Regionalforscher, vormals Universität Wien) brachten die zentrifugalen Kräfte der Wissenschaft in einem Streitgespräch anschaulich auf den Punkt. Während die eine Seite (Carolin Schurr) eine zentrale Fachtheorie als Einengung und Gefährdung der Vielfalt wie auch der Innovationen empfände, plädierte die andere Seite (Peter Weichhart) dafür, sich zumindest auf eine „Universalethik“ und bestimmte begriffliche „Fundamentalien“ zu einigen, die allerdings nicht als starres Korsett gedacht seien, sondern sich mit der Zeit auch fortentwickeln sollten.

Eine klare Antwort auf die Frage „Was steht im Zentrum des Faches?“ geben die Wissenschaftler/innen somit nicht bzw. lehnen die Suche nach einer gemeinsamen neuen Mitte sogar strikt ab. Daher scheint es, als stünden sich wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Anspruch der Geographie selbst im Wege.
Sind Schulgeographen in dieser Frage gar schon weiter?

Die lohnende Suche nach dem Kern des Faches

Karl Walter Hoffmann als Vorsitzender des VDSG fordert für die Schule eine Art „Basiscurriculum“, in dem elementare Kompetenzen festgehalten werden. Mit den Bildungsstandards im Fach Geographie sei dem Verband ein „Meilenstein“ gelungen, heißt es in der FAZ. Die Kultusministerkonferenz hat die Bildungsstandards anerkannt, allerdings sind sie nicht verpflichtend.

Die Relevanz des Faches für Gesellschaft und Bildung, dies stellt auch Hoffmann heraus, liegt heute mehr denn je auf der Hand bzw. auf der Straße: Jeden Freitag gehen Kinder und Jugendliche (und inzwischen auch Eltern und weitere Unterstützer) bei den „Fridays for Future“-Demonstrationen auf die Straße, um sich für eine nachhaltige Entwicklung des Planeten einzusetzen. Und auf höchster politischer Ebene haben die Vereinten Nationen 17 Ziele für eine Nachhaltige Entwicklung definiert.

Kein Fach ist derart prädestiniert, diese globalen Herausforderungen wie Globalisierung, Migration und Klimawandel in Forschung und Unterricht zu behandeln wie die Geographie. Mit ihrer interdisziplinären Natur ist die Geographie in der Lage, die soziale, ökonomische und ökologische Dimension dieser Herausforderungen in gleichem Maße zu betrachten, Mensch-Umwelt-Systeme zu analysieren und integrative Lösungsansätze zu entwickeln


Dreieck der Nachhaltigkeit – ein Analyseinstrument nachhaltiger Entwicklungen
(creanovo, Axel Kempf, Hannover)

Das Interesse der Schüler/innen, diese komplexen Herausforderungen nicht nur eindimensional, sondern integrativ und lösungsorientiert zu betrachten, scheint mehr denn je gegeben. Die zunehmende Bedeutung des Themas „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ist somit eine Chance, die Geographie auch in der deutschen Bildungspolitik wieder in den Fokus zu rücken. So gab es denn auch auf dem DKG in Kiel gleich mehrere Fachsitzungen und zahlreiche Beiträge zum Thema Nachhaltigkeit.

Zum Beispiel forderte Stefan Padberg (Geographiedidaktiker, Universität Wuppertal), Schüler/innen behutsam, aber beharrlich in den „Abgrund“ eines ungebremsten Wachstums schauen zu lassen. Der Zenit der Förderung bei vielen Schlüsselrohstoffen sei bereits überschritten oder in wenigen Jahrzehnten erreicht. Dank eines fundierten Geographieunterrichts könnten Schüler/innen Haltung einnehmen und Reaktionsblockaden der Gesellschaft überwinden. Padberg plädierte engagiert für einen sozial-ökologischen Wandel.

Für einen handlungsorientierten, innovationsförderlichen Ansatz setzte sich Anna Oberrauch (Geographiedidaktikerin, Universität Innsbruck) ein. In einem suchenden Lernprozess lässt sie Schüler/innen sowohl Probleme als auch Lösungsansätze selbst erarbeiten. Das Entwickeln konkreter Ideen und Experimente stärken die Selbstwirksamkeit, z. B. indem Schüler/innen einen Secondhand-Shop für Unterrichtsmaterialien an der Schule eröffnen.

Fazit

Die Jugendlichen von heute sind die Verantwortungsträger von morgen. An einer Bildung für nachhaltige Entwicklung geht kein Weg vorbei. Diese kann es jedoch nur mit einem starken Geographieunterricht geben, der junge Menschen zur Handlungsfähigkeit ermächtigt. Eine Konkurrenz zu den Fächern Geschichte und Politik scheint unangemessen; vielmehr sollten sich die Fächer im Sinne einer demokratischen Bildung gegenseitig befruchten.

Der VDSG erarbeitet derzeit mit der „Roadmap 2030“ eine Strategie, die Öffentlichkeit für geographische Inhalte zu sensibilisieren und die Inhalte für das Fach Geographie zu aktualisieren. Das Nachhaltigkeitskonzept, als Teil der Basiskonzepte der Geographie, hat das Potenzial, der Geographie einen neuen integrativen Kern zu geben. „Geographie“, so Hoffmann, „ist das Kernfach des 21. Jahrhunderts“.

Diskutieren Sie mit zur Frage nach dem Kern der Geographie!
Schreiben Sie uns Ihre Gedanken und Ansätze an k.liersch@klett.de.


Im Kontext:
Beitrag des Geographieunterrichts zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)
Infoblatt Nachhaltige Entwicklung
Leben wir im Anthropozän?



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