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Die Coronakrise – das Ende unserer globalisierten Wirtschaft?

Das Coronavirus stoppt den weltweiten Flugverkehr (Quelle: ShutterStock.com RF (Montri Uaroon), New York NY)

Die durch das Virus SARS-CoV-2 ausgelöste Pandemie hat im Frühjahr 2020 die gesamte Welt erfasst. Seitdem bestimmt sie fast alle Lebensbereiche der Menschheit in einer bisher nie gekannten Weise. Die Ansätze zur Krisenbewältigung kreisen vor allem um zwei Fragen: Welches ist die beste Strategie, die Pandemie einzudämmen, bis ein Impfstoff vorhanden ist? Und wie können die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen durch den lähmenden Corona-Lockdown bewältigt werden? In diesem Zusammenhang stellt sich immer stärker die Frage, ob unsere globalisierte Wirtschaftsform der letzten Jahrzehnte Bestand haben wird. Oder ist die Coronakrise die Zeit für eine Neuausrichtung unseres Wachstumsmodells der Weltwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit?

Merkmale der Globalisierung


Containerverkehr – Sinnbild für die globalisierte Weltwirtschaft (Quelle: Getty Images Plus (NeoPhoto iStock), München)

Weltweite Wirtschaftsbeziehungen gibt es schon seit der Kolonialzeit. Rohstoffe und Fertigprodukte waren die Haupthandelsgüter. Die intensive weltweite Verflechtung der Wirtschaft unter dem Begriff der Globalisierung hat nach der politischen Neuordnung der Welt Anfang der 1990er-Jahre eine rasante Entwicklung genommen. Förderlich für die Globalisierung waren der Container als weltweit einheitliches Transportsystem und das beginnende Digitalzeitalter. 

Seither hat eine beispiellose Vernetzung der Wirtschafts- und Finanzwelt stattgefunden. Firmen operieren weltweit nicht mehr nur durch Einkauf von Rohstoffen und Vermarktung ihrer Produkte. Vielmehr sind globale Liefer- und Wertschöpfungsketten heute kennzeichnend für den gesamten Produktionsablauf. Niederlassungen und Produktionsstätten in mehreren Ländern auf verschiedenen Erdteilen sowie immer schnellerer weltweiter Kapitalfluss und Austausch von Personal sind die Folge.

Entsprechend hat der internationale Luftverkehr nie gekannte Ausmaße erreicht. Geschäftsreisen mit dem Flugzeug von Kontinent zu Kontinent sind auch für kurze Aufenthaltszeiten am Zielort alltäglich geworden. Durch die für breite Massen erschwinglichen Ticketpreise ist der internationale Flugtourismus parallel dazu ebenfalls überproportional gewachsen. Viele soziale Beziehungen über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg sind entstanden und werden durch Flugreisen gepflegt.

Die Pandemie überrollt die Welt

In der Geschichte der Menschheit hat es immer Pandemien gegeben, erinnert sei nur an die Pest, die Spanische Grippe oder – in jüngerer Zeit – an HIV, Ebola und SARS-CoV. Trotzdem ist der Gedanke an eine weltumspannende Virusausbreitung wie aktuell bei Corona in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu ausgeblendet worden. Pandemie-Notfallpläne schlummerten zwar in den Schubladen, aber entsprechende Vorsorgemaßnahmen wurden häufig nur mangelhaft getroffen. Dies zeigte sich durch die Notstände bei Schutzmasken bis hin zur Zahl der Intensivbetten. Dabei war klar, dass ein Virus durch die zahlreichen internationalen Kontakte im Rahmen unseres globalisierten Lebens in einer nie da gewesenen Geschwindigkeit seine Verbreitung in der Welt schaffen würde. In einem Zeitraum von 24 Stunden ist heute ohne Weiteres eine Reise über drei Kontinente möglich – entsprechend schnell reist ein Virus mit. 

Nun ist dieser Ernstfall eingetreten, und die Menschheit steht vor einer der größten Herausforderungen seit Jahrzehnten. In den ersten Wochen der Coronakrise waren die notwendigen Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung der Virusverbreitung das beherrschende Thema. Nun ist als zweiter Schwerpunkt der Diskussion hinzugekommen: Wie kann die sich abzeichnende wirtschaftliche Folgekatastrophe beherrscht werden? Staatliche Sofortmaßnahmen zur Abfederung der unmittelbaren Folgen von Betriebsschließungen und -einschränkungen wurden diskutiert und getroffen. Sie helfen jedoch bestenfalls über die ersten Wochen und Monate hinweg. Der Blick muss nun weiter in die Zukunft gerichtet werden: Wie sieht die mittel- und langfristige Strategie für das Wirtschaftssystem der Welt aus? Kann es ein "Weiter so" geben oder ist jetzt durch die Zwangspause großer Teile der Wirtschaft die Chance gegeben, ein Wirtschaftsmodell mit mehr Nachhaltigkeit für die Zukunft zu entwickeln? 

Weiter Globalisierung oder Deglobalisierung?


Weiter so wie bisher? (Quelle: adobe.stock.com (lassedesignen), Dublin)

Zwei grundsätzliche Meinungslager bilden sich bei der Diskussion um ein tragfähiges Wirtschaftssystem der Zukunft heraus. Die Vertreter der einen Richtung plädieren für eine weitgehende Beibehaltung der globalisierten Wirtschaft, allerdings mit Modifizierungen bei den Schwachpunkten, die durch die Coronakrise aufgedeckt wurden. Jeder zweite Betrieb in Deutschland will z.B. seine Lieferketten durch mindestens zwei Lieferanten für jedes Zulieferteil absichern und die Lagerhaltung vergrößern. Lieferketten und Produktionen für lebenswichtige Güter, im Falle der Coronakrise z.B. Schutzmasken, Beatmungsgeräte und Desinfektionsmittel, sollen in Zukunft auch komplett national verfügbar sein. Ansonsten wird eine Einschränkung oder Rückentwicklung der Globalisierung eindeutig abgelehnt. Das Plädoyer für die Globalisierung lautet: Die Menschheit hat schon immer nach mehr internationaler Zusammenarbeit gestrebt und keine Macht ist in der Lage, diese Entwicklung grundsätzlich umzukehren. Die weltweiten Verflechtungen haben auch erst den heutigen Wohlstand für große Teile der Menschheit ermöglicht. Eine größere Gerechtigkeit gegenüber den Entwicklungsstaaten muss sicher angestrebt werden, aber global gesehen haben viele Menschen von der Globalisierung profitiert.

Zur Globalisierung gehört z.B. auch der weltweite Austausch von Wissen und nur so war es möglich, dass der Bauplan des Coronavirus innerhalb von zwei Wochen entschlüsselt wurde. Auch Impfstoffe können am schnellsten in internationaler Kooperation entwickelt und mithilfe von internationalen Organisationen wie der WHO verteilt werden. 

Für Deutschland als drittstärkster Exportnation der Welt gibt es keine Alternative zur globalisierten Wirtschaft ohne große Einbußen an wirtschaftlicher Stärke. Und auf die aktuelle Coronakrise bezogen: Es muss jetzt alle Kraft in die Erhaltung der Wirtschaftskraft und von Arbeitsplätzen gelegt werden, damit die sozialen Folgen der Coronakrise eingedämmt werden können. Die Befürworter der Globalisierung befürchten, dass eine grundsätzliche Umstrukturierung in dieser Situation angesichts der immensen Kosten das Wirtschaftssystem überfordern würde, zumal die Herausforderungen durch immer mehr Automatisierung und Digitalisierung in der Wirtschaft auch gerade in dieser Zeit gemeistert werden müssen.

Die Kritiker der Globalisierung weisen demgegenüber auf die großen Schwächen hin, die sich bereits vor der Coronakrise in der Weltwirtschaft gezeigt haben. Ihr wichtigstes Argument: Die globale Wirtschaft beruht auf einem nicht zukunftsgerechten Wachstumsmodell, welches die lebenswichtigen Ressourcen unseres Planeten Erde zunehmend ruiniert, an erster Stelle das Klima. Die Globalisierung verschärft die Gegensätze in der Welt. Sie ermöglicht vor allem den großen multinationalen Konzernen, ihre wirtschaftliche und politische Macht so auszuweiten, dass sie staatliche Regelungen und Gesetze zum Schutz der Menschenrechte und der Umwelt unterlaufen können. Das Streben nach Gewinn beherrscht das Geschehen. Der Welthandel lässt die Kluft zwischen den wohlhabenden Industrienationen und den Entwicklungsländern immer größer werden. Die Wertschöpfung aus dem internationalen Wirtschaftsprozess kommt zu etwa zwei Dritteln den 37 Industrieländern der OECD zugute, ein Viertel erwirtschaften China und Brasilien und nur 8 % bleiben den Entwicklungsländern. In der aktuellen Coronakrise ziehen die Konzerne der Industriestaaten derzeit viele Milliarden Dollar zur Eigensicherung wieder aus den Entwicklungsländern ab − Geld, welches auch dort jetzt dringend gebraucht würde.

In den letzten Jahren hat sich zudem gezeigt, dass die international verflochtene Wirtschaft auch durch politische Entwicklungen gefährdet ist. Die USA verfolgen im Sinne von Trumps "America first" vorrangig ihre nationalen Interessen und stehen mit China in einem Handelskonflikt. Der Europäischen Union droht durch den Brexit und das Erstarken nationaler, europafeindlicher Kräfte in mehreren Staaten der Zerfall. Die enormen finanziellen Herausforderungen zur Bewältigung der Coronakrise und die zum Teil geringe Solidarität unter den Bündnispartnern mit Grenzschließungen und Einreisesperren haben die Schwächen der EU wie unter einem Brennglas aufgedeckt. 

Die Probleme der Globalisierung werden also deutlich, ein Teil Deglobalisierung täte not. Es geht darum, ein zukunftsfähigeres Konzept für die Weltwirtschaft zu entwickeln. Die Klimaproblematik ist wegen der Coronakrise aktuell in den Hintergrund getreten, sie ist aber das viel größere Problem der Menschheit in den nächsten Jahrzehnten. Die Wirtschaft muss dringend nachhaltiger und ökologischer ausgerichtet werden, vom Ressourcenverbrauch bis zur Energieerzeugung, von der Mobilität bis zur Nahrungsmittelproduktion. Dazu passen viele Entwicklungen der Globalisierung nicht, wie Mengen an Billigmode, Zerstörung der Regenwälder für Soja- und Palmölplantagen, der weltweite Massen-Flugverkehr usw. Und mehr soziale Gerechtigkeit gegenüber den armen Ländern der Welt ist unabdingbar. Sonst werden die Migrationsströme von Kriegs-, Armuts- und Umweltflüchtlingen in nicht allzu ferner Zukunft zu einem weiteren Existenzproblem der Menschheit. Alle Innovationskraft der Wirtschaft muss jetzt in Konzepte fließen, die diese Probleme lösen helfen.

Wie wird die Welt nach Corona aussehen?

Niemand weiß derzeit, wie lange die Coronakrise anhalten und wie die Welt nach dem erzwungenen Innehalten aussehen wird. Bis es einen wirksamen Impfstoff gibt, der auch weltweit verfügbar ist, wird nach Experteneinschätzungen noch mindestens ein Jahr vergehen. Der Begriff einer "neuen Normalität" bis dorthin wurde geprägt. Die Auswirkungen der beispiellosen Lockdown-Maßnahmen werden in der Wirtschaft noch jahrelang nachwirken, die großen Umsatzeinbußen und Kapitalverluste werden ganze Branchen grundlegend verändern. Werden trotzdem Innovationswille und -kraft dafür vorhanden sein, die Krisenzeit am Ende auch zum Umsteuern auf nachhaltigere Wirtschaftsformen für die Zukunft zu nutzen?

Anregungen für den Unterricht

Das Thema des Artikels eignet sich für den Unterricht in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, vor allem im Zusammenhang mit wirtschaftsgeographischen Fragestellungen im Erdkundeunterricht ab Jahrgangsstufe 9. Die Grundfrage lautet: Wird die durch die Coronakrise jäh gestoppte globalisierte Weltwirtschaft weiter so Bestand haben wie bisher oder wird als Folge zumindest teilweise eine Deglobalisierung stattfinden? 

Als Unterrichtsmethode bietet sich eine Pro- und Kontra-Diskussion an. Zahlreiche Argumente liefert der Text, viele weitere Aussagen und Meinungen dazu lassen sich mit wenig Aufwand ergänzend in den Medien recherchieren. Die beiden gegensätzlichen Positionen lauten:

  • Pro: Die Globalisierung muss beibehalten werden. Nach der Coronakrise ist die Weltwirtschaft in einer schweren Rezession und sie kann sich nur in den vorhandenen Wirtschaftsstrukturen möglichst schnell erholen. Das ist wichtig zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Vermeidung wirtschaftlicher Not.
  • Kontra: Die Coronakrise hat die Schwächen der Globalisierung mit komplizierten internationalen Lieferketten und dadurch gegebenen Abhängigkeiten deutlich aufgezeigt. Die Chance zur Deglobalisierung sollte jetzt genutzt werden. Ein Wandel ist auch notwendig, um das nicht zukunftsfähige Wachstumsmodell der Weltwirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit zu reformieren.

Nach der Diskussion kann in der Lerngruppe eine Abstimmung darüber stattfinden, welcher der beiden Positionen eher zugestimmt wird. Die Hauptargumente sollten abschließend noch einmal zusammengefasst werden.

Quellenangaben:
Bachmaier, Uli (2020): Die Corona-Krise entzaubert die Globalisierung, in: Augsburger Allgemeine, 08.04.2020, online unter: https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Die-Corona-Krise-entzaubert-die-Globalisierung-id57208351.html (letzter Zugriff am 13.05.2020).
Cormbaki, Marina (2020): Weltwirtschaft im Corona-Schock: War es das mit der Globalisierung?, in: Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), 18.04.2020, online unter: https://www.rnd.de/politik/weltwirtschaft-im-corona-schock-war-es-das-mit-der-globalisierung-7TFGA6XHABHMTB2ERLZPGAPF6E.html (letzter Zugriff am 13.05.2020).
Hanke, Thomas / Till Hoppe / Torsten Riecke (2020): Flucht aus der Globalisierung: Das Coronavirus verändert die Weltwirtschaft, in: Handelsblatt Online, 15.04.2020, online unter: https://www.handelsblatt.com/politik/international/wertschoepfungsketten-flucht-aus-der-globalisierung-das-coronavirus-veraendert-die-weltwirtschaft-/25730324.html (letzter Zugriff am 13.05.2020).
Lee, Felix (2020): Grenzen der Globalisierung, in: taz, 30.04.2020, online unter: https://taz.de/Corona-veraendert-die-Weltwirtschaft/!5681077/ (letzter Zugriff am 13.05.2020).
Meyer, Frank A. (2020): Kehrt sich jetzt die Globalisierung um? Corona-Pandemie erzwingt Umdenken, in: FOCUS Online, 22.04.2020, online unter: https://www.focus.de/politik/experten/gastbeitrag-von-frank-a-meyer-kehrt-sich-jetzt-die-globalisierung-um-corona-pandemie-erzwingt-umdenken_id_11894724.html (letzter Zugriff am 13.05.2020).
Paqué, Karl-Heinz (2020): Globalisierung ist nicht das Problem, sondern die Lösung, in: ZEIT Online, 31.03.2020, online unter: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-03/coronakrise-globalisierung-coronavirus-wirtschaft-gesundheitssystem (letzter Zugriff am 13.05.2020).
Saxer, Marc (2020): Das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen, in: SPIEGEL Online Wirtschaft, 11.04.2020, online unter: https://www.spiegel.de/wirtschaft/corona-krise-das-ende-der-globalisierung-wie-wir-sie-kennen-a-af9f2dd4-f5ce-4402-903f-c6b4949bd562 (letzter Zugriff am 13.05.2020).
Schifferes, Steve (2020): Könnte das Coronavirus zum Wendepunkt der Globalisierung werden?, in: PT-Magazin, 08.04.2020, online unter: https://www.pt-magazin.de/de/gesellschaft/politik/k%C3%B6nnte-das-coronavirus-zum-wendepunkt-der-globalis_k8pswq5o.html (letzter Zugriff am 13.05.2020).
Scholtes, Brigitte (2020): Wie die Coronakrise die Weltwirtschaft verändert, in: Deutschlandfunk, 13.04.2020, online unter: https://www.deutschlandfunk.de/grenzen-der-globalisierung-wie-die-coronakrise-die.724.de.html?dram:article_id=474533 (letzter Zugriff am 13.05.2020).
Zürn, Michael (2020): Globalisierung nach Corona: Zurück in die Zukunft?, in: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), 03.04.2020, online unter: https://wzb.eu/de/forschung/corona-und-die-folgen/globalisierung-nach-corona-zurueck-in-die-zukunft (letzter Zugriff am 13.05.2020).


Schlagworte:
Coronakrise, Pandemie, Lockdown, Globalisierung, Deglobalisierung, Nachhaltigkeit, Wirtschaftssystem, zukunftsfähig


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Artikel als PDF

Autorin/Autor:

Eberhard Pyritz

langjähriger Autor für Terra und Projekt G

TERRASSE online
www.klett.de/terrasse
Datum: 28.05.2020


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