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Etherpads im Geographieunterricht

Digital zusammenarbeiten – im Präsenzunterricht oder von zu Hause aus

(Quelle: iStockphoto (lechatnoir), Calgary, Alberta)

In Zeiten der Covid-19-Pandemie war und ist die Unterrichtsgestaltung vielen Einschränkungen unterworfen. Auch wenn Präsenzunterricht wieder stattfindet, verhindert der gebotene Sicherheitsabstand vielfach die Phasen von Partner- oder Gruppenarbeit. Damit ist das, was den Präsenzunterricht ausmacht, deutlich beeinträchtigt – der gemeinsame, interaktive Lernprozess der Schülerinnen und Schüler. Ein digitales Tool, das genau hierbei Unterstützung bieten kann, sind Etherpads.

Bei einem Etherpad handelt es sich als Online-Texteditor um eine Art digitales Blatt Papier, auf dem Schülerinnen und Schüler von einem beliebigen Ort aus gleichzeitig schreiben und auch die Beiträge der anderen kommentieren und bearbeiten können. Alle Einträge und Veränderungen werden sofort auf dem Bildschirm sichtbar. Die Beiträge der verschiedenen Beteiligten erscheinen dabei in unterschiedlichen Farben. Damit wird durch dieses digitale Werkzeug ein kollaboratives Arbeiten ermöglicht, d.h. die Schüler/innen können gemeinsam an der gleichen Aufgabe arbeiten, jeder von seinem Endgerät aus und zudem in stetigem Austausch.

Wie lege ich ein Etherpad an?

Ein Etherpad anzulegen, ist sehr einfach und schnell zu bewerkstelligen. Beim häufig verwendeten ZUMpad der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e.V. legt die Lehrkraft auf der Website des Anbieters den Namen des Pads fest und kann es damit sofort öffnen. Dabei ist keinerlei Anmeldung notwendig, weder für die Lehrkräfte noch für Schülerinnen und Schüler. Bei einem ZUMPad ist allerdings nur eine sehr einfache Textformatierung möglich. Um Bilder einbetten zu können, kann man beispielsweise auf die Etherpads der österreichischen Fairkom zurück greifen. Weitergehende Formatierungen sind etwa bei den empfehlenswerten Cryptpads möglich. Hier lassen sich z. B. auch eingefügte Bilder leicht verkleinern, um die Übersichtlichkeit zu erhalten. Um die angelegten Cryptpads zu verwalten, ist eine Registrierung der Lehrkraft sinnvoll.
Jeder, dem die Lehrkraft nun die URL (Internetadresse) des Pads mitteilt, kann sofort mitarbeiten.

Tipps für die Vorbereitung

  1. Damit Schülerinnen und Schüler schnell auf das angelegte Etherpad zugreifen können, empfiehlt es sich, für die zugehörige URL einen QR-Code zu generieren. Diesen können sie mit der Kamera ihres Endgerätes scannen. Nur in wenigen Fällen ist noch die zusätzliche Installation eines QR-Scanners notwendig. Für die Erstellung eines QR-Codes steht eine Vielzahl von kostenlosen Generatoren zur Verfügung, z.B. hier.
  2. Sehr sinnvoll ist es, im Vorfeld mit den Schüler/innen neben der Funktionsweise klare Regeln für das Arbeiten mit Etherpads zu besprechen. Falls das Pad auch eine Chatfunktion anbietet, empfiehlt sich die Thematisierung ihrer Nutzung.
  • Wir arbeiten gemeinsam an einem Dokument!
  • Jeder kann etwas beitragen!
  • Jeder darf verändern, erweitern – nachzuverfolgen in der HISTORY.
  • Wir gehen verantwortungsvoll mit der Chatfunktion um!
  • Am Ende zählt das Ergebnis der Gruppe!

Beispiele für den Einsatz im Geographieunterricht

1. Vor- und Nachteile zusammentragen: Aquakulturen in Nordeuropa


Lachsfarm (Quelle: Alamy stock photo (MJ Photography), Abingdon, Oxon)

Das Sammeln von Vor- und Nachteilen bzw. Pro- und Kontra-Argumenten ist eine Möglichkeit, das Arbeiten mit Etherpads auszuprobieren. Auch in einer größeren Lerngruppe ist eine solche Aufgabe gut durchführbar, soweit das Thema die Nennung einer gewissen Anzahl unterschiedlicher Gesichtspunkte erwarten lässt.

Ein geeignetes Beispiel aus dem Geographieunterricht ist etwa das Zusammentragen von Vor- und Nachteilen von Aquakulturen in Nordeuropa. Das Etherpad wurde dafür mit einer Überschrift und den Aufgaben vorstrukturiert, die Schülerinnen und Schüler erhielten zur Schulbuchseite noch zusätzliches Material.

Bei einer solchen Aufgabe kommen zügig viele Aspekte zusammen, die Lernenden ergänzen die Beiträge ihrer Mitschüler/innen und korrigieren sie, wenn nötig. Eine tiefergehende Zusammenarbeit, ein Feilen an einem gemeinsamen, stringenten Arbeitsergebnis ist hier jedoch noch nicht nötig.

Bei einem wie im Beispiel überschaubaren Arbeitsauftrag kann die Lehrkraft den Schüler/innen das Arbeitsergebnis auch in Papierform zur Verfügung stellen. Etherpads lassen sich in die gängigen Dateiformaten exportieren, wobei Word- oder ein anderes ODF-Dokument eine ergänzende Bearbeitung erleichtern.

2. Gemeinsame Bildinterpretation: Situation Kolumbiens um 1990 anhand von Fernando Boteros „Pablo Escobar Muerto“

Eine Erweiterung der Zusammenarbeit wird durch Aufgaben ermöglicht, bei denen die Schülerinnen und Schüler eigene Gedanken und unterschiedliche Einschätzungen äußern können.

Bei der Bearbeitung mit einem Etherpad werden solche unterschiedlichen Auffassungen sofort beim Schreiben am gemeinsamen Dokument geteilt anstatt erst in späteren Unterrichtsphasen. Die Unterrichtspraxis zeigt, dass dies weniger dazu führt, sich bereits geäußerten Ansätzen nur anzuschließen, sondern vielmehr dazu, weitere eigenständige Aspekte einzubringen. Damit kann eine umfassendere und lebendigere Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit einer Aufgabe sowie den unterschiedlichen Beiträgen ihrer Mitschüler/innen gelingen. Zudem wird beim Schreiben in einem Etherpad für zurückhaltendere Schülerinnen und Schüler auch die Hemmschwelle geringer, eigene Gedanken beizutragen.

Im vorliegenden Beispiel sollten die Schülerinnen und Schüler der achten Klasse einer Realschule im Rahmen einer Unterrichtseinheit mit dem Titel Medellín – die frühere Drogenhauptstadt heute von zu Hause aus anhand von Leitfragen zu einem Bild des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero ihr erworbenes Wissen zur sozialen und politischen Lage Kolumbiens in den 1990er-Jahren reorganisieren. Dazu gehörte auch die Aufgabe, die Größe der dargestellten Personen zu vergleichen – der Drogenbaron Pablo Escobar füllt auch noch in leblosem Zustand in der Bildmitte die Horizontale aus, ein Polizist ist deutlich kleiner, eine ältere Frau dagegen winzig dargestellt. Aus urherberrechtlichen Gründen wurde statt einer Abbildung ein Link eingefügt.

Die Abbildung einiger Schülerantworten zeigt, dass sie ein Etherpad aktiviert hat, lebhaft am gemeinsamen Ergebnis mitzuarbeiten. Anstatt sich nach dem Prinzip des social loafings auf die Beiträge weniger anderer zu verlassen, wurde eine ganze Reihe unterschiedlicher Perspektiven beigetragen, die sich teilweise auch aufeinander beziehen. Ein Grund für die motivierte Mitarbeit mag darin liegen, dass die eigenen Beiträge sofort sichtbar sind und die Schüler/innen sich als Akteure wahrnehmen können.

3. Zusammenarbeit in Kleingruppen: Stadtentwicklung in Medellín


Medellín Parque Biblioteca España (Quelle: Alamy stock photo (Mabelin Santos), Abingdon, Oxon)

Während in größeren Lerngruppen eher Aufgaben sinnvoll sind, bei denen der Aspekt des Zusammentragens im Vordergrund steht, ist in Kleingruppen auch eine intensivere kollaborative Zusammenarbeit machbar. So kann bei wenigen Teilnehmer/innen auch ein gemeinsamer Text erarbeitet werden.

Zunächst ist das unmittelbare Eingehen auf die Beiträge der Mitschüler/innen ungewohnt, zumal jede/r am eigenen Endgerät arbeitet. Viele Schülerinnen und Schüler entdecken aber schnell die Chancen dieser Arbeitsform. Die Beiträge anderer werden zu Impulsen für die eigenen Überlegungen und es kann sich eine tiefere inhaltliche Auseinandersetzung mit der Aufgabe ergeben.

Im Rahmen der oben genannten Unterrichtseinheit befassten sich die Schüler und Schülerinnen in arbeitsteiliger Gruppenarbeit schließlich mit verschiedenen Projekten der Stadtentwicklung, mit denen die kolumbianische Millionenstadt Medellín in den vergangenen Jahren große Fortschritte in Richtung einer lebenswerteren Stadt gemacht hat. Abgebildet ist ein Ausschnitt aus dem Etherpad zur Einrichtung von Bibliotheken als Kulturzentren in benachteiligten Stadtvierteln. Bei nur vier Lernpartnern und der entsprechenden Anzahl von Farben ergibt sich ein übersichtliches Pad, bei dem tatsächlich alle vier Beteiligten umfassend zu einem gemeinsamen Gruppenergebnis beitrugen.

Fazit und Schülerfeedback

Etherpads sind ein digitales Werkzeug für die kollaborative Zusammenarbeit, das sich schnell und ohne größeren Aufwand einsetzen lässt. Besondere Relevanz gewinnen sie in der aktuellen Situation, in der die Schülerinnen und Schüler teilweise von zu Hause aus arbeiten und im Präsenzunterricht keine Gruppen- oder Partnerarbeitsphasen möglich sind.

Um ein Feedback von den Schülerinnen und Schülern zum Arbeiten mit Etherpads zu erhalten, setzte der Autor das Tool „Zielscheibe“ der Website Oncoo ein, das sich auch in vielen anderen Zusammenhängen als nützlich erweist. Sie gelangen zur Auswertung, indem Sie den Code „c7qi“ eingeben, „Lehrer“ anklicken und das Passwort „Geographie“ eingeben. Die Schülerinnen und Schüler konnten auf einer Skala von 1 – 10 ihre Zustimmung zu Aussagen abgeben, die von der Lehrkraft formuliert wurden. Das Ergebnis wird als Zielscheibe dargestellt, auf der die Schülereinschätzungen als Punkte zu finden sind. Zum Arbeiten mit Etherpads bestätigten die befragten Schülerinnen und Schüler u.a. mit großer Mehrheit, gut mit der Arbeitsweise zurechtgekommen zu sein und von den Beiträgen der anderen deutlich profitiert zu haben. Fast alle wünschten sich einen häufigeren Einsatz von Etherpads im Unterricht.


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ZUMpad

Fairkom

Cryptpads


Autorin/Autor:

Rainer Semmelmann


TERRASSE online
www.klett.de/terrasse
Datum: 17.07.2020


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