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Infoblatt: Das Modell des demografischen Übergangs

Modell des demografischen Übergangs (Grafik: Diana Jäckel, Erfurt)

Das Fünf-Phasen-Modell des demografischen Übergangs im Überblick

Das vorliegende Modell wurde anhand von Beobachtungen an westeuropäischen Industriestaaten in der Mitte des 20. Jahrhunderts entworfen und stellt idealtypisch die Bevölkerungsentwicklung dieser Ländertypen dar.

Die Ausgangssituation der dem Modell zugrundeliegenden traditionellen europäischen Gesellschaften war geprägt von hohen Geburten- und Sterberaten. Als Endstadium gilt die moderne Gesellschaft mit niedrigen Geburten- und Sterberaten. Der Transformationsprozess zwischen diesen beiden Phasen wird als demografischer Übergang bezeichnet.

Das Modell lässt sich nicht direkt bei einzelnen Ländern in genau dieser Form beobachten oder für Prognosen der Bevölkerungsentwicklung verwenden. Ebenso lässt es sich nicht ohne Weiteres auf Länder mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen in der übrigen Welt übertragen, da zahlreiche Variablen bei Geburten- und Sterberaten zu anderen Kurvenverläufen führen können.

Historischer Rückblick

In der vormodernen Gesellschaft bis zum demografischen Übergang waren die Geburtenziffern und die Sterbefälle weitgehend im Gleichgewicht. Es gab Phasen mit einem größeren Geburtenüberschuss, aber dann auch wieder Phasen erhöhter Sterblichkeit (z. B. infolge von Seuchen). Charakteristisch für die traditionelle bäuerliche Gesellschaft waren Familien mit fünf bis acht Kindern, wobei häufig nur die Hälfte der Geborenen ihre Kindheit und Jugend überlebten. Es gab zwar eine hohe Geburtenrate, aber die Bevölkerung wurde durch die hohe Kindersterblichkeit, Seuchen und Kriege immer wieder dezimiert. Über längere Zeiträume hinweg gerechnet, gab es zwischen 10 000 v. Chr. und 1750 ein Bevölkerungswachstum von rund 0,2 % pro Jahr. Mit der einsetzenden Industrialisierung veränderten sich die demografischen Strukturen grundlegend, wobei sich diese Entwicklung in den einzelnen Regionen der Welt bekanntlich nicht synchron vollzogen hat.

Das Fünf-Phasen-Modell

Aus heutiger Sicht kann die demografische Transformation mit einem idealtypischen Fünf-Phasen-Modell beschrieben werden. Es gibt Modelle mit vier oder  fünf Phasen sowie variable Modelle.

Das Fünf-Phasen-Modell verläuft wie folgt:

1. Prätransformative Phase (Vorbereitung): In der vorindustriellen Gesellschaft waren die Geburten- und Sterbeziffern hoch. Die Sterblichkeit schwankte, teilweise gab es sogar Schrumpfungen der Bevölkerungszahl. Die durchschnittliche Lebenserwartung war niedrig.

2. Prätransformative Phase (Einleitung): Mit Einsetzen der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse sank die Sterblichkeit. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg an. Weiterhin hohe Geburtenzahlen sorgten für ein Bevölkerungswachstum.

3. Mitteltransformative Phase (Umschwung): Die Hochphase des Bevölkerungswachstums ist geprägt von einem weiteren Rückgang der Sterblichkeit und einer erstmalig langsam sinkenden Geburtenrate. Familien reagieren auf die rückläufige Kindersterblichkeit mit Beschränkung ihrer Kinderzahl.

4. Spättransformative Phase (Einlenken): Die Geburtenzahlen gehen in dieser Phase rapide zurück. Durch die kaum noch sinkende Sterbeziffer wächst die Bevölkerung nur gering. Im Idealfall stellt sich ein Gleichgewicht zwischen Fruchtbarkeit und Sterblichkeit ein.

5. Posttransformative Phase (Ausklingen): In einigen Industrieländern sind die Geburtenraten mittlerweile unter die Sterberaten gefallen. Durchschnittlich gibt es immer weniger Kinder pro gebärfähiger Frau. Die Folge ist eine sinkende Bevölkerungszahl, die langfristig, wenn überhaupt, nur durch stärkere Zuwanderung ausgeglichen werden kann.

Verlauf des demografischen Übergangs in den Industriestaaten

Alle Länder waren in derselben Phase, bevor die demografische Transformation einsetzte. Mit beginnender Industrialisierung ging in Europa die Sterblichkeit zurück. Da aber die Industrialisierungsprozesse auch in Europa nicht gleichzeitig stattfanden, begann der demografische Übergang dort, wo auch die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse zuerst einsetzten. Je später die Industrialisierung begann, umso schneller vollzog sich der demografische Übergang. Die Sterblichkeit sank im 19. Jahrhundert zuerst in Frankreich, später in Großbritannien, Deutschland und Österreich-Ungarn, im frühen 20. Jahrhundert schließlich auch in Süd- und Osteuropa. Gründe für die geringere Sterblichkeit waren die verbesserten hygienischen Bedingungen und Wohnverhältnisse, die Fortschritte der Medizin, die Verbesserung der Ernährungsbasis und Verteilung von Lebensmitteln (z. B. durch die Eisenbahn). In den Industriestaaten wie in Europa, Nordamerika, UdSSR/Russland, Japan und Australien wuchs die Bevölkerung deutlich rascher als in den anderen Ländern der Erde. Seit ca. 1950 fällt das Bevölkerungswachstum in diesen Ländergruppen nur noch gering aus. Bereits seit den 1930er-Jahren ist die Familienplanung nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Immer mehr Menschen bleiben ehe- und kinderlos, was sich wiederum auf die nachfolgenden Generationen auswirkt. In den Bevölkerungsdiagrammen wirkt sich zudem seit den 1960er-Jahren die Einführung des Verhütungsmittels Pille aus, was auch als "Pillenknick" bezeichnet wird. Alle Industrienationen befinden sich heute in der vierten oder fünften Phase. In mehreren Industtierstaaten ist bereits zu beobachten, dass die Bevölkerung eigentlich sogar schrumpft und nur durch Zuwanderung etwa auf dem gleichen Stand bleibt.

Verlauf des demografischen Übergangs in den Entwicklungsstaaten

Der reale Verlauf des demografischen Übergangs weicht in einigen Ländern deutlich von dem Modell ab. In Europa, den USA und Japan kam der demografische Übergang durch die Entstehung von städtischen Industriegesellschaften im 19. Jahrhundert quasi „von selbst“ in Gang. In vielen Entwicklungsländern war und ist dies nicht der Fall. Begonnen hat hier die demografische Transformation nur in wenigen Fällen bereits Ende des 19. Jahrhunderts, meist geschag das erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Die medizinischen Errungenschaften aus den Industrienationen wirkten sich aus und führten zu einer massiven Abnahme der Kindersterblichkeit und wirksamen Bekämpfung von Seuchen und Epidemien. Der Einsatz chemischer Schädlingsbekämpfungsmittel verbesserte die Versorgungssituation mit Nahrungsmitteln.

In den ärmsten Ländern der Welt, in Afrkia südlich der Sahara, bekommen Frauen heute durchschnittlich 4,6 Kinder. Zum Teil genießen kinderreiche Familien, z. B. in Ghana oder Nigeria, großes Ansehen. Oft sind die Kinder eine Altersvorsorge für ihre Eltern im Rentenalter. In manchen Ländern trägt der Nachwuchs auch zur Einkommenssicherung bei (Kinderarbeit). Auch fehlt es teilweise an Aufklärung und Verhütungsmitteln. Nicht überall wird Frauen ihr Selbstbestimmungsrecht auf Familienplanung zugestanden oder ihnen fehlt der gleichberechtigte Zugang zu Bildung. Die Schere zwischen Geburten und Sterbefällen hat sich weltweit somit weit geöffnet, was zu einer erheblichen Zunahme der Bevölkerung führt. Diese Steigerung ist deutlich höher als in vergleichbaren Phasen des demografischen Übergangs der Industrieländer. In diesem Zusammenhang wird auch oft von einer „Bevölkerungsexplosion“ gesprochen.

Die meisten Entwicklungsländer befinden sich in der dritten, teilweise auch in der vierten, in einigen Teilen Afrikas aber auch erst in der zweiten Phase des demografischen Übergangs. Afrika verzeichnet heute das höchste Bevölkerungswachstum der Welt. Allerdings sinkt auch in Afrika die Geburtenrate seit den 1960er-Jahren. Generell ist zu beobachten: Bildung und Berufstätigkeit besonders der Frauen, Wohlstand und die Zunahme der persönlichen Freiheit führen dazu, dass Paare ihre Familie planen und tendenziell weniger Kinder bekommen. Daher ist zu erwarten, dass die Weltbevölkerungszahl in einigen Jahrzehnten stagniert oder sinkt.

Die bevölkerungsreichsten Länder der Erde sind nach wie vor China mit 1,41 und Indien mit 1,38 Milliarden Einwohnern. China versucht seit Jahrzehnten, mit wechselnden Maßnahmen in der Bevölkerungspolitik, sein Bevölkerungswachstum zu bremsen. 1979 wurde die Ein-Kind-Politik eingeführt, die erst 2016 zur Zwei-Kind-Politik gelockert wurde. Seit 2021 sind drei Kinder pro Familie erlaubt. Solche staatlichen Eingriffe finden z. B. im Modell des demografischen Übergangs keine Berücksichtigung.

Literatur

BÄHR, J. (1997): Bevölkerungsgeographie. Stuttgart.
KULS, W. (1993): Bevölkerungsgeographie. Stuttgart.

Quellenangaben:
Autor: Mirko Ellrich
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2006; 2021


Schlagworte:
Demografie, Bevölkerungsentwicklung


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Autorin/Autor:

Mirko Ellrich; Eberhard Pyritz


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Datum: 02.12.2021


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