Juni 2020

Ami(e)s de la Bonne Chanson, bonjour!

Vor 20 Jahren war jeder (in Worten: jeder) Fernsehbeitrag in Deutschland zu Paris und Frankreich mit Musik von ihr unterlegt.

Und auch deswegen ist es nach wie vor nicht zu verstehen: Lydie Auvray, die „Grande Dame“ des Musette-Accordeons in Deutschland, eine Ikone der Folkmusik hierzulande seit fast 50 Jahren, ist in ihrer Heimat Frankreich völlig unbekannt. Ist ihr inzwischen ziemlich egal – sie produziert munter weiter, geht auf Tournee, lebt ihr Leben zwischen Köln, Martinique und der Normandie. Ihr neues Album heißt „Mon voyage“.
So ist es bei großen Instrumentalistinnen: Jedes Stück hat seine eigene Farbe, jedes Stück erzählt seine eigene kleine Geschichte ohne Worte – und wer sich bei ihrem Lied „Coucous für Véro“ nicht direkt nach Nordafrika versetzt fühlt, der war wahrscheinlich noch niemals in einer Couscousserie.

Es ist das 23. (in Worten: dreiundzwanzigste) Album von Lydie Auvray, der Frau – Muss man es erwähnen? – die im deutschen Folk und Liedgut der 70er und 80er von Hannes Wader bis Klaus Hoffmann immer mit dabei war, die vor drei Jahren ihr 40jähriges Bühnenjubiläum feiern konnte, die in ihrer Wahlheimat Köln verwurzelt ist, wie in der Normandie oder auf den französischen Antillen. Und die musikalisch niemals stehen geblieben ist. Seit einiger Zeit nicht nur mit ihrem Riesenakkordeon, sondern auch als Chansoninterpretin.

12 Stücke sind auf ihrer CD „Mon voyage“ – und sie sind so voller Bilder und Musik, dass man sich nicht satthören kann. Natürlich ist das Ganze von Markus Tiedemann auch so produziert, dass es unseren heutigen Klanggewohnheiten locker genügt, dazu sind die Musiker, die Lydie um sich geschert hat, erste Sahne. Insbesondere der Kölner Jörg Fuhrländer ist da zu nennen, der einige Songs beigesteuert hat, übrigens das erste Mal, dass Lydie mit einem anderen Akkordeonisten zusammenarbeitet.

Das Ganze ist unglaublich abwechslungsreich, ruft viele innere Bilder hervor, verlässt aber nie den Bereich des Eingängigen und Gefälligen.
Und wenn sie dann einer jungen Frau aus dem Leben erzählt, und dass sich Liebeskummer nicht lohnt, und dass der Typ es nicht wert ist, dass man sich an ihn erinnert, dann wünscht man Lydie Auvray von Herzen, dass sie irgendwann die 30 Alben vollmacht.

C’est Monsieur Chanson qui vous le dit!


 

Links zum Thema

Jeden Dienstagabend präsentiert Monsieur Chanson die ganze Vielfalt des frankophonen Chansons in www.sr2.de/rendezvous-chanson.

RendezVous Chanson

Lydie Auvrai

Zur Person

Gerd Heger, Pfälzer aus der Nähe von Oggersheim, auf halbem Weg nach Paris in Saarbrücken gelandet. Dort Radiomann, also Journalist, Moderator und Musikprogrammgestalter, seit 1988, nebenbei Autor, Musiker und (Nicht-ganz-) Dichter. Als Monsieur Chanson ist er ein profunder Kenner der aktuellen frankophonen Musik, deren Vielfalt er in seiner wöchentlichen Sendung RendezVous Chanson auf SR2 KulturRadio präsentiert.