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Zeitspagat auf dem Weg zur Festanstellung

(sl) Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger auf dem Weg in die Lehrertätigkeit stehen häufig vor einem kräftezehrenden Spagat. Vielleicht sogar Interessenkonflikt. Sie müssen ihre bisherige Tätigkeit mit dem neuen Job vereinbaren, insbesondere wenn die Schule nur einen Zeitvertrag bieten kann.

Markus Plum kann davon ein Lied singen. Was er im wahrsten Sinne könnte, denn der 48-Jährige ist Mitglied der vor mehr als 25 Jahren gegründeten international bekannten Band Final Virus. „Welch passender Name in dieser Zeit“, muss der Vater eines fünf Jahre alten Mädchens schmunzeln. Sein Schmunzeln wird noch breiter, wenn er sich daran erinnert, dass seine Kumpels und er ausgerechnet in jenem Jahr in China aufgetreten sind als dort das SARS-Virus kursierte. Inzwischen gilt Markus Plum als fester Bestandteil des Kollegiums, sein Halbtagsjob wurde vor zwei Jahren in eine Vollzeitstelle umgewandelt. Er hofft jährlich auf eine Verlängerung des Vertrages, eher aber auf eine Festanstellung. „Solange das nicht in trockenen Tüchern ist, muss ich in meinem erlernten Beruf weiter aktiv sein, Kontakte pflegen, um notfalls dort wieder voll einsteigen zu können“, erklärt er. Den Privatunterricht hat er deutlich reduziert. Die Kontakte zu Bands und Orchestern hält er aufrecht. Das kostet Zeit, gute Organisation und die Bereitschaft der Fachkollegen, ihm auch einmal den Rücken freizuhalten. Plum ergänzt: „Zum Glück sind wir an der Schule ein Superteam mit viel Verständnis füreinander. Dass ihn die Situation nicht zufriedenstellt, verhehlt er nicht: „Ich würde gerne bei einer Sache bleiben. Mit fast 50 Jahren springt man nicht mehr so herum wie mit 30.“ Doch bis es soweit ist, heißt es gut mit der Zeit zu jonglieren, um alles unter einen Hut zu bringen. Und eines weiß er ganz genau: „Niemand, der als Seiteneinsteiger in diesen Beruf wechselt, sollte es nur wegen des Geldes tun. Man muss einfach gerne mit Kindern zu tun haben.“

Nichts überstürzen

Was aber trieb einen leidenschaftlichen Musiker, dessen Auftragsbücher durch gut besuchte Konzerte, dutzende Kinder im Privatunterricht und die Leitung verschiedener Bands und Orchester äußerst gut gefüllt waren, in ein Schulgebäude? Markus Plum erinnert sich: Als ihm 2015 der Vater eines Musikschülers erzählte, dass das Ritzefeld Gymnasium in Stolberg händeringend Musiklehrer suche, reifte der Gedanke. „Ich will noch einmal etwas Neues machen, vor allem dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler wieder Lust verspüren ein Instrument zu erlernen. “Außerdem ist sein Ziel dadurch die Schuleigene BigBand "Crack Field Stompers", die schon auf Landesebene ausgezeichnet wurde, mit Nachwuchsmusikern zu versorgen. Das Ritzefeld-Gymnasium reizte ihn nicht zuletzt wegen sei-ner zahlreichen Musik-AGs. Vielleicht spielte auch der Gedanken an etwas mehr finanzielle Sicherheit im Alter eine Rolle. Die Schulleitung reagierte begeistert und beantwortete seine Frage im Herbst, wann es denn losgehen solle, mit einem Wort: „Morgen.“ Das aber war Markus Plum zu schnell. „Ich kann ja nicht völlig unvorbereitet morgen vor einer Klasse stehen“, entschied er. Ein paar Blicke ins Curriculum seien schon notwendig, ließ er das Gymnasium wissen. Einige Monate später suchte das Gymnasium immer noch, Plum hatte sich selbstständig eingearbeitet und startete 2016 ins Abenteuer.

Kein Job für Morgenmuffel

Seine erste Hürde in der Vorbereitungszeit überwand der Examensabsolvent der Musikhochschule Köln wohl nur als Kenner der Musiksprache. „Das Curriculum stellte schon eine Herausforderung dar. Sprich, ich musste mich erst einmal in die fachspezifische Ausdrucksweise einarbeiten.“ Sein zweites Problem: Die Aufgabe als frischgebackener Vater kombiniert mit dem für einen Musiker frühen Arbeitsbeginn, entlockte ihm manches Gähnen und ein gutes Zeitmanagement. Dennoch möchte er mit einem Vorurteil aufräumen: „Auch wir Musiker müssen uns an Termine halten und zuverlässig sein. Die Zeiten, in denen diese Spezies um 18 Uhr aufstand, weil um 18.30 Uhr die Geschäfte schlossen, entsprechen nicht mehr der Realität.“ Und so benennt er eine Frage, die sich andere potenzielle Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger stellen sollten: „Seid Ihr unverbesserliche Morgenmuffel? Ein „ja“ würde den Einstieg in die Lehrertätigkeit deutlich erschweren, denn Du musst selbst fit sein, wenn Du vor die Gruppe trittst. Ganz egal, wie Du Dich fühlst. Und Du musst entsprechend auftreten“, sagt er.

Bauchgefühl alleine genügt nicht

Er ist überzeugt, dass ihm seine Erfahrung in der Orchester- und Bandarbeit beim Einstieg in den Unterricht entscheidend geholfen hat: „Ich musste ja auch schon früher große Truppen zusammenhalten.“ Genau hier sieht er im Übrigen eine besondere Herausforderung für „ungelernte“ Lehrkräfte. Man werde im Unterricht immer wieder vor Situationen gestellt, deren Bewältigung man nicht unbedingt gelernt habe. Er erinnert sich an Momente als einzelne Kinder den Unterricht massiv störten. Ein Siebtklässler zerstörte mit einer Flasche offensichtlich absichtlich eine Handtrommel. „Da musste ich mich extrem zusammenreißen. Ich war verärgert, dass jemand so achtlos mit unserer wirklich tollen Musikausstattung, die uns lebendigen aktiven Unterricht ermöglicht, umgeht“, berichtet er. Er löste das Problem mit Einfühlungsvermögen. Dem Schüler wurde ein Gespräch in der Pause angekündigt und die Eltern später zum Gespräch gebeten. „Dabei, geht es darum, eine entspannte Atmosphäre für Schülerinnen und Schüler sowie für deren Eltern zu schaffen, um gemeinsam Wege zu finden und Probleme zu lösen “, so empfiehlt er anderen Seiteneinsteigerinnen und -einsteigern. Markus Plum glaubt: „Versetzt Euch in die Situation der Eltern. Fragt Euch, wie ihr reagieren würdet, wenn ihr auf diese oder jene Weise angesprochen werdet.“

Hilfreiche Kommunikation

Das allein und das Lauschen auf das eigene Bauchgefühl reichten allerdings nicht aus. „Ich habe meine Elterngespräche immer gut vorbereitet“, sagt er. Ganz wichtige Erkenntnisse bescherte ihm der Austausch mit den Klassenlehrern. „Sie kennen die Kinder, ihre sozialen Hintergründe und Zusammenhänge viel besser als wir Fachlehrerinnen und -lehrer“, bekräftigt Plum. Wenn man diese erfährt, versteht man häufig sehr schnell, was ein Kind in extremen Momenten bewegt hat. Trotzdem muss man den Vorfall klären, „ansonsten springt so etwas auf die gesamte Gruppe über.“ Als eine der größten Aufgaben betrachtet der Musiklehrer die Gestaltung einer Unterrichtsstunde. „Man muss sie genau planen und festlegen, welches Ziel man erreichen möchte. Sonst weiß man am Ende des Tages nicht, was man geschafft hat und was nicht“, betont er. Ein wenig Stress kam bei ihm auf als sich Schulleiter Uwe Bettscheider für die Begutachtung einer Stunde ankündigte und wie vorgesehen einen Planungsablauf erbat. „Na klar, da kamen Selbstzweifel auf. Man will es ja allen recht machen und trotzdem sei-nen eigenen Weg gehen. Doch die Infos meiner Fachkollegen haben mir sehr geholfen. Am Ende war alles nicht so schlimm“, schildert er seine Erfahrung.