Pressemeldung
[11.03.2014]

Blue Line. Red Line. Orange Line.
Fremdsprachen lernen ist ein natürlicher Prozess

Wenn Dr. Frank Haß, Herausgeber der neuen Englisch-Lehrwerke Blue Line, Red Line und Orange Line aus dem Ernst Klett Verlag, über Fremdsprachenunterricht in der Schule spricht, spürt man seinen Veränderungsdrang. Sprache lernen ist ein natürlicher Prozess. Er müsste in der Schule aber alltagstauglich vermittelt werden. Sagt der Fachautor und Gründer des Instituts für Angewandte Didaktik in Kirchberg.

Warum ist es so schwer, eine Fremdsprache zu lernen?
Gegenfrage: Ist es wirklich schwer? An sich ist es doch ein ganz natürlicher Prozess. Viele Menschen wachsen in Europa ganz selbstverständlich mehrsprachig auf – ohne Unterricht. In Belgien, in Italien oder hier in Deutschland in Schleswig-Holstein oder in den sorbischen Regionen von Sachsen – an vielen Orten ist Mehrsprachigkeit eine Normalität. Das menschliche Hirn ist dafür angelegt, mehrere Sprachen zu lernen.

Was macht die Schule falsch?
Es handelt sich meines Erachtens um ein tradiertes Problem. Die Didaktik der modernen Sprachen war sehr angelehnt an den Unterricht der alten Sprachen Latein und Griechisch. Es wurde sehr viel Wert auf Sprachanalyse und Übersetzung gelegt. Sprachenlernen hatte lange etwas Elitäres, war den gesellschaftlich „Bessergestellten“, den Gymnasien, vorbehalten. In den Hauptschulen war der Englischunterricht selbst in den 1970er Jahren noch nicht selbstverständlich.

Was müsste sich beispielsweise im Englischunterricht ändern?
Die Schulforscher – in Deutschland allen voran Andreas Helmke – haben herausgefunden, wie Unterricht gelingen kann. Auch die Hirnforschung hat wichtige Erkenntnisse beigetragen, etwa wenn es um die Rolle von Emotionen beim Lernen geht. Viele dieser Erkenntnisse sind im Konzept des kompetenzorientierten Englischunterrichts aufgehoben. Mit dem PISA-Schock hat sich bei uns der Begriff der Kompetenzorientierung fast inflationär breit gemacht. Doch noch immer fehlt ein einheitliches Verständnis, was Kompetenz denn ausmacht.

Definieren Sie Kompetenz doch bitte für den Englischunterricht …
Wichtigstes Bildungsziel des Englischunterrichts muss kommunikative Kompetenz sein. Dies bedeutet im Wesentlichen das Vermögen, lebensweltliche Situationen sprachhandelnd bewältigen zu können.

Will heißen?
Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine englische Gastfamilie und müssen sich dort vorstellen. Der Besuch der Gastfamilie ist eine solche Alltagssituation; die Fähigkeit, sich vorzustellen, ist eine sprachliche Kompetenz.

Der Englischunterricht soll also lebenswirklich und weniger abstrakt werden?
Genau! Die Lehrerinnen und Lehrer müssen sich zuallererst fragen, was am Ende einer Lernsequenz rauskommen soll. Welche lebensweltlichen Situationen sollen meine Schüler meistern können? Und welches Wissen und welche Fertigkeiten brauchen sie dafür? Das gibt den Fahrplan für den Unterricht vor.

Und das funktioniert für alle Schüler einer Klasse gleichermaßen?
Im Prinzip schon. Allerdings müssen Sie als Lehrer immer auch herausfinden, welche Voraussetzungen die unterschiedlichen Lerner mitbringen. Warum lernt der eine leichter als der andere? Was sind die Ursachen? Und da müssen wir auch neu nachdenken. Studien haben z. B. ergeben, dass heute fast 25 Prozent aller Schülerinnen und Schüler unter einer eingeschränkten Hörfähigkeit leiden – häufig ohne dass dies jemand erkennt. Die Ursachen sind nicht klar; falsches Medienverhalten – z. B. das zu laute Hören von Musik über Ohrstöpsel – könnte eine Ursache sein. Wenn aber jemand nicht richtig hört, kann er gehörte Sprache nicht richtig entschlüsseln. Und er merkt nicht, wenn er selbst Wörter falsch ausspricht. Das aber ist viel schlimmer für die Verständigung als z. B. Fehler in der Grammatik. Also müssen das gezielte Hören und die richtige Aussprache mit diesen Schülern intensiv geübt werden. Andere Schüler bringen andere Voraussetzungen mit und müssen folglich auch anders unterrichtet werden.

Kommen wir noch einmal auf die Kompetenzfrage zurück. Als Beobachter hat man das Gefühl, seit PISA zählten allein Kompetenzen. Wissen sei nicht so wichtig …
Das ist ein Trugschluss. Ohne Wissen keine Kompetenz. Und das betrifft ganz unterschiedliche Wissensbereiche. Natürlich muss Sprachwissen (Vokabeln und Grammatik) auch weiterhin erworben werden, um erfolgreich kommunizieren zu können. Genauso wichtig ist aber z. B. das Wissen um soziokulturelle Hintergründe meiner Gesprächspartner. Wenn ich z. B. nicht weiß, welche Rolle Smalltalk in einer britischen Gesprächssituation spielt, und wichtige Wendungen dafür nicht kenne, dann kann ich schwerlich ein gutes Gespräch führen.

Können deutsche Pädagoginnen und Pädagogen das leisten?
Ich kenne keinen Pädagogen, der nicht erfolgreich unterrichten will. Und der Erfolg eines Lehrers wird häufig am Erfolg seiner Schüler gemessen. Doch es müssen auch die Rahmenbedingungen für erfolgreichen Unterricht stimmen. Das fängt beim Lehramtsstudium an und geht bei Möglichkeiten zur Fortbildung als Teil der berufsbegleitenden Professionalisierung weiter. Natürlich sind Klassen mit 30 Kindern für einen auf Kompetenzerwerb ausgelegten und individualisierenden Sprachunterricht zu groß. Zudem fehlt es oft an den entsprechenden Materialien. Hier gibt es noch großes Entwicklungspotenzial.

Schulen werden aufgefordert, besonders die Lernschwächeren zu fördern. Wie kann das gelingen?
Den schwachen Lerner per se gibt es meines Erachtens nicht. Wir müssen vielmehr dahin kommen, zu schauen, welche Merkmale der individuellen Persönlichkeit dafür verantwortlich sind, dass jemand in einem Fach Stärken oder Schwächen hat. Wenn z. B. Schüler einen Text von der CD hören und vier Schüler der Klasse verstehen ihn nicht, kann das unterschiedlichste Gründe haben. Einer hört vielleicht nicht gut, der andere kann sich nicht ausreichend konzentrieren, der dritte hat einen zu geringen Wortschatz, der vierte kann sich das Verstandene nicht merken. Es gilt also zunächst die Ursachen für Lernschwächen herauszufinden und dann entsprechend zu fördern. Der eine benötigt einfach eine Hörhilfe, der zweite muss lernen, sich besser zu konzentrieren, der dritte sollte seinen Wortschatz erweitern und der vierte muss sein Gedächtnis trainieren. Diagnose und Therapie müssen Hand in Hand gehen, um allen Schülern Lernerfolge zu ermöglichen.

Kann Inklusion unter den gegebenen Umständen im Sprachunterricht gelingen?
Eigentlich habe ich die Antwort bereits gegeben. Inklusion bedeutet, jeden Schüler als Teil der Gemeinschaft mit all seinen Eigenschaften – positiven wie negativen – anzunehmen und niemanden von vorneherein auszusortieren. Ich bin überzeugt, dass dies gelingen kann, aber auch hier gilt es zunächst die richtigen Rahmenbedingungen (Klassenstärke, Ausstattung der Schulen, Umfang der Lehrverpflichtung, Qualifikation der Lehrer etc.) zu schaffen. Alles andere wäre ein unverantwortliches Experiment und eine unzumutbare Belastung für Schüler und Lehrer gleichermaßen.

Klett-Themendienst, Stephan Lüke


Ready to teach! Blue Line. Red Line. Orange Line.
Dank ihrer klaren Kompetenzorientierung können die Schülerinnen und Schüler mit den neuen Lines die Sprache sehr schnell konkret anwenden. Die große Bandbreite an Förder- und Forderangeboten bietet dabei Lernwege für jedes Lernniveau.


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