Klett-Themendienst Nr. 70 (02/2016)
Bildnachweis: Ernst Klett Verlag

Diversity-Kompetenz bei Lehrkräften: Es geht um dich!

(az) Lehrkräfte der B.-Traven-Gemeinschaftsschule in Berlin lassen ihre kulturellen Klischees bei Diversitäts-Workshops schmerzhaft infrage stellen, um besser der Vielfalt im Schulalltag zu begegnen. Welche Vorurteile kommen zum Vorschein?

Er kam einfach nicht von der Stelle ? bei der Übung „Wie imrichtigen Leben“ fiel dem Schulleiter der B.-Traven- Gemeinschaftsschule Berlin, Arno de Vries, die Rolle der „35-jährigen, alleinerziehenden Mutter eines kleinen Kindes, die Hartz IV bezieht“ zu. In dieser Rolle konnte er kein Darlehen von der Bank für Kindermöbel bekommen, im Sommer nicht ans Meer verreisen und auch nicht davon ausgehen, dass sein Kind im Tennisverein aufgenommen werden würde. Seine Kollegen hingegen, die Rollen wie die des verlobten 17-jährigen Tischlerlehrlings aus Thüringen durchs Losverfahren gezogen hatten, kamen mit den meisten Situationen prima klar. Übungsleiter: „Kannst du dich mit guten Chancen auf eine Stelle bewerben?“ ? der Kollege in der Rolle des Tischlerlehrlings kam ein Stück nach vorne. „Kannst du fünf Jahre im Voraus planen?“ ? als alleinerziehende Mutter musste Arno de Vries verharren, der Kollege in der Rolle des Tischlerei-Azubis ist weiter vorangeschritten. Bei der Übung „Wie im richtigen Leben“ ziehen alle Teilnehmer ein Rollenkärtchen, stellen sich nebeneinander auf und der Übungsleiter stellt Fragen. Kann ein Teilnehmer eine Frage mit „Ja“ beantworten, geht er einen Schritt nach vorne, muss er sie mit „Nein“ beantworten, bleibt er stehen, kann schließlich abgehängt werden. „Wie im richtigen Leben“ war eine von vielen Übungen im Zusammenhang mit dem Diversitäts-Workshop, die Lehrkräfte auf ein Leben in der Migrationsgesellschaft vorbereiten soll. „Es war niederschmetternd zu wissen, dass ich in der Rolle der alleinerziehenden Mutter, die Hartz IV empfängt, kaum Chancen habe“, sagt de Vries.

Kaum Chancen als Hartz-IV-Empfänger
Die B.-Traven-Gemeinschaftsschule (BTG) zählt über 420 Schüler, mehr als 130 davon sind Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache. Für Berliner Verhältnisse keine hohe Zahl. Doch viele Schüler der BTG haben einen besonderen Förderbedarf. Das heißt: Sie befinden sich genau in der Situation, in welcher der Schulleiter während des Rollenspiels steckte: „Die Anzahl von Kindern ist kritisch, die bei uns Hartz IVbezieht“, erklärt der Schulleiter. Warum lassen sich Lehrer in Fortbildungen so quälend infrage stellen? Die meisten Lehrkräfte der BTG haben bei dem Diversitäts-Workshop mitgemacht, weil der Umgang mit Vielfalt ein Schwerpunkt des schulischen Profils bildet. Bei Diversitäts-Workshop setzt man sich mit sozialen, geschlechtlichen, altersmäßigen, ethnischen und religiösen Unterschieden auseinander. Um sich interkulturell noch mehr zu öffnen, hat die BTG mit dem Jüdischen Museum in einem Projekt kooperiert. Das Jüdische Museum hat das Projekt „Vielfalt in Schulen“ von 2012 bis 2014 gemeinsam mit der Deutschen Kinderund Jugendstiftung durchgeführt. Neben der B.-Traven- Gemeinschaftsschule waren die Ernst-Schering-Schule (Integrierte Sekundarschule) und das Hermann-Hesse- Gymnasium in Kreuzberg seine Partner. Die Lehrer der Projektschulen sollten durch Fortbildungen im Umgang mit Vielfalt oder Diversität gestärkt werden ? Diversitätskompetenzen sind Teil von Lebenskompetenzen, sie leiten dazu an, Unterschiede zwischen Menschen mit Respekt wahrzunehmen und ihren gesellschaftlichen Zusammenhang zu reflektieren. Keine leichte Aufgabe im wirklichen Leben.

Ihr seid nicht okay! Wir sind okay!
Denn die meisten Lehrkräfte der Projektschulen sahen zu Beginn der Diversitäts-Workshops soziale Defizite vor allem bei den Schülern. „In den ersten Wochen gab es große Widerstände bei Lehrkräften, dass es um sie selbst und nicht um die Schüler gehen sollte“, erläutert Dr. Diana Dressel, Leiterin der Bildungsabteilung des Jüdischen Museum in Berlin. Der Widerstand wuchs, sodass die Lehrkräfte der Projektschulen sogar über die richtige Strategie im Umgang mit Diversität diskutierten. Die Lehrkräfte erwarteten zumeist, dass die Schüler auf die Lehrer zugehen und nicht umgekehrt. „Wir gehen doch schon häufig genug auf ,die‘ zu“, hieß es zum Beispiel von Seiten der Lehrkräfte. Ihrer Machtposition als Lehrkraft seien sich viele nicht bewusst gewesen. Sie hätten in der Regel selbst keinen Migrationshintergrund und kaum ein Lehrer sei das Leben im Berliner Kiez gewohnt, so Dressel. Die Diversitäts-Schulungen sollten Dressel zufolge dieses Lagerdenken „löchrig machen“, das heißt, die Lehrkräfte dazu bringen, über ihren eigenen Umgang mit Fremdheit kritisch nachzudenken. Was bedeutet es für eine Schule, wenn der Umgang mit Diversität kein Randthema, sondern Schwerpunkt des Schulprogramms ist? Im Fall der B.-Traven-Gemeinschaftsschule nimmt sie die aktuelle Herausforderung der Gesellschaft an und konzentriert sich auf die Arbeit mit Flüchtlingen. „Wir übernehmen so viele Flüchtlingskinder, wie wir können, in unsere Schule, denn diese Kinder sind hoch motiviert“, erläutert Schulleiter Arno de Vries. Derzeit gibt es drei Willkommensklassen mit je 15 Schülern im Alter von 12 bis 18 Jahren in der Berliner Gemeinschaftsschule, in denen Regionen wie Syrien, Afghanistan, Iran, Irak und auch Südeuropa vertreten sind. Die Lehrkräfte sind dadurch vor sehr hohe Anforderungen gestellt, da die Jugendlichen unterschiedliche Voraussetzungen fürs Lernen mitbringen und oft sehr kurzfristig diesen Klassen zugewiesen werden.  

Keinen Spaltbreit der Diskriminierung
In den Willkommensklassen erhalten die Schüler Unterricht in der deutschen Sprache, um möglichst rasch in Regelklassen eingegliedert zu werden. Damit sie besser integriert werden, hospitieren die Flüchtlingskinder nach einer bestimmten Zeit in Regelklassen. „Wie eine Lehrkraft genau spricht, wenn sie nicht in Deutsch als Fremdsprache ausgebildet ist, was genau gefordert ist, werden die Flüchtlinge erst in der Regelklasse erfahren“, erläutert Schulleiter de Vries. Überfordert ist die B.-Traven-Gemeinschaftsschule damit nicht: Der aktuelle Inspektionsbericht hat ein überaus engagiertes Kollegium ausgemacht, das für positives Schulklima sorgt, und überdies Erziehung zu demokratischem Verhalten als Stärken der Gemeinschaftsschule beschrieben. Die Folge: „Diskriminierung hat bei uns in der Schule keinen Raum“, so Schulleiter de Vries. Mit den Themen Vielfalt im Lehrerzimmer und wie Schule die Interkulturalität lebt beschäftigte sich auch eine Mitte Januar im Bundeskanzleramt stattgefundene Tagung unter Teilnahme des Ernst Klett Verlages. Eingeladen dazu hatte die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Aydan Özo?uz, und für die Kultusministerkonferenz Ministerin Sylvia Löhrmann aus Anlass der Schulbuchstudie Migration und Integration.

Diversitätskompetenz
ist keine besondere Kompetenz im Umgang mit dem „fremden“ Menschen, für die es ein Rezept gäbe. Vielmehr handelt es sich um die allgemeine Fähigkeit, Menschen nicht als Stellvertreter für bestimmte Gruppen zu behandeln. Diversitäts-Ansätze zielen darauf, sich selbst zu reflektieren und zu einem Perspektivwechsel fähig zu sein; dazu gehört es auch, Schubladen-Denken festzustellen, Menschen mit unterschiedlichen Lebensstilen und Weltanschauungen anzuerkennen, Macht und Ohnmacht in der Gesellschaft wahrzunehmen. Es gilt die Regel: „Bei Diversität geht es nicht um die anderen, es geht um dich!“




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