Klett-Themendienst Nr. 70 (02/2016)
Bildnachweis: Ernst Klett Verlag

Migration, Inklusion, Gender: Schule als Spiegel der Gesellschaft

(nis) Das Leben in Deutschland wird vielfältiger. Unterschiedliche Kulturen, Religionen, Menschen mit und ohne Behinderung, geschlechtliche Vielfalt, verschiedenartige Lebenswelten – all diese Bereiche spiegeln sich auch in den Bildungseinrichtungen in Deutschland wider und stellen damit das System Schule vor eine große Herausforderung.

Seit Deutschlands Klassenzimmer heterogener geworden sind, hat auch die Debatte über die Vielfalt von Herkunft, Geschlecht und Kompetenzen zugenommen – gesellschaftlich wie pädagogisch. In der Schule geht es fortan nicht mehr nur darum, fachliche Inhalte zu vermitteln, sondern die Schülerinnen und Schüler zu einem toleranten und offenen Miteinander zu erziehen.

Lehrerausbildung im Wandel

70-1

Jens Mettler ist Seminarleiter für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen am Zentrum für schulpraktische Lehrer - ausbildung in Köln. Er sieht die inhaltliche Grundaus - richtung der Ausbildung von Lehrkräften prinzipiell auf einem guten Weg: „Ich glaube, dass in den Seminaren die Themen Heterogenität und Vielfalt angekommen sind, sowohl in ihrer Relevanz wie auch in ihrer Komplexität. Was uns grundsätzlich immer mehr beschäftigt, ist die Theorie-Praxis-Verzahnung. Bei den fachlichen Seminaren gibt es natürlich theoretische Module und Lösungsbeispiele. Ganz zentral für uns im Kernseminar ist die praktische Zusammenarbeit mit den Ausbildungsschulen. Für uns ist es immens wichtig, auch an Schulen zu gehen, an denen diese Themenfelder schon praktiziert werden, vor allen Dingen im Bereich Inklusion.“ Dabei ist in Nordrhein-Westfalen nicht nur die Inklusion ein Kernthema des Vorbereitungsdienstes mit schulprak - tischer Ausbildung, der nach einer umfassenden Reform im Jahr 2011 von 24 auf 18 Monate verkürzt wurde. Ein weiteres Handlungsfeld des Ausbildungscurriculums ist, die Heterogenität in den Lerngruppen in ihren vielfältigen Ausprä - gungen wahrzunehmen und zu diagnostizieren, und zwar unter anderem genderbezogen, begabungsdifferenziert, interkulturell und sozial.

Eine Aufgabe für die Bildungspolitik
Ebenfalls seit dem Jahr 2011 ist die Qualifizierung im Bereich Deutsch als Zweitsprache an allen Hochschulen für das Lehramtsstudium verbindend. „Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Zuwanderung zahlt es sich nun aus, dass wir unsere Lehrerausbildung vorausschauend und mit Augen - maß gestalten“, erklärte Nordrhein-Westfalens Schulmini - sterin Sylvia Löhrmann in einer Presseerklärung im Herbst 2015. Da ging es um die Weiterentwicklung des Lehrer - ausbild ungs gesetzes. Ein weiterer Punkt auf der Agenda: Medienkompetenz, die einen festen Platz im Vorbereitungs - dienst der Lehramtsanwärter und -anwärterinnen erhalten soll. Der Vorsitzende des Philologen-Verbands Nordrhein- Westfalen, Peter Silbernagel, warnt vor einer zu starken Verdichtung der Ausbildungsinhalte: „Man muss aufpassen, dass man die Ansprüche an die Lehrerausbildung nicht überzieht. Zwar ist nicht alles eine Frage der Quantität, wenn man aber in diese 18 Monate noch mehr Themen - felder hineinschiebt, wie etwa den Umgang mit digitalen Medien, dann bedeutet das nicht nur eine ausgesprochene psychische Belastung für die Auszubildenden, sondern auch für diejenigen, die in der Ausbildung als Verantwortliche stehen.“ Peter Silbernagel plädiert für mehr Unterstützung, vor allem von Seiten der Schulpolitik. „Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass die Lehrkräfte in der Regel so ausgebildet sind, dass sie mit Herausforderungen wie Migration, unter - schiedlichen Religionen, Inklusion und anderen Themen - feldern gut umgehen und diese kulturelle Vielfalt und Hetero genität im Klassenzimmer auch bewältigen können. Allerdings lässt die Erwartungshaltung der Gesellschaft und auch die der Schulpolitik nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer zweifeln, ob sie noch ihrem eigenen Anspruch, näm - lich soliden und fundierten Unterricht zu geben, gerech t werden. Insofern möchte ich an die Schulpolitik appellieren, gerade die ersten Jahre der beruflichen Tätigkeit viel stärker strukturiert zu begleiten und zu unterstützen, insbesondere im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Lehrerpersönlichkeit.“

Schulbücher als Unterstützung
Hilfestellung bei den Themen Vielfalt und Heterogenität erfahren die Lehrkräfte auch von Verlagen, die bereits seit einigen Jahren ihre Konzepte differenzierter ausrichten. In den Schulbüchern sind zunehmend verschiedene Anford - er ung sebenen zu finden, angereichert mit entspre ch enden Begleitmaterialien, die speziell für den differenzierten Unter - richt heterogener Lerngruppen entwickelt worden sind. „Ich glaube, die Aufgabe von Bildungsmedienverlagen, auch in der Zukunft, ist es, sinnvolle Lernwege zu bauen, Kern strecken zu entwickeln und rote Fäden zu spinnen, zu denen es dann immer Vernetzungen, Alternativen, Schleifen, Überholspuren gibt“, erläutert Ilas Körner-Wellershaus, Verlagsleiter des Ernst Klett Verlags. „Kulturell, sozial und ethnisch heterogene Klassen gehören für viele Schulen längst zum Alltag. Die gesellschaftliche Vielfalt spiegelt sich deshalb auch in unseren Schulbüchern und Lernmaterialien wider. Ein aktuelles Thema ist die Integration von Kindern mit einem anderen kulturellen und sprachlichen Hintergrund. Da Sprache ein wesentlicher Schlüssel zur Integration ist, haben wir einen Leitfaden für unsere Autorinnen und Autoren entwickelt, der darlegt, wie man ein Thema darstellen kann: Nämlich wahlweise mit komplexen oder mit einfachen Sätzen. Zudem besteht die Möglichkeit, Dinge zu visuali - sieren, also über Bilder, Grafiken, Animationen zu gehen, und auch digitale Zugänge zu nutzen, um Lernstoffe zu verdeutlichen.“ Neue Wege bei den Lernmaterialien, in der Didaktik und der Fachmethodik – all das geht nach Meinung von Seminar - leiter Jens Mettler genau in die richtige Richtung: „Insgesamt glaube ich, dass wir bei der Lehrerausbildung gerade einen Paradigmenwechsel erleben. Diese Impulse brauchen Zeit, damit wir uns an die neuen Gegebenheiten anpassen und entwickeln können.“ Das bedeutet eine große Herausforderung für das System Schule, zugleich aber auch eine große Chance für eine heterogene Gesellschaft.

Kompakt
Heterogenität an deutschen Schulen – diesem aktuell intensiv diskutierten Thema widmet sich der Ernst Klett Verlag auf seiner Website. Unter dem Link http://www.klett.de/thema/vielfalt finden sich weiterführende Informationen zu den Bereichen Migration, Inklusion, Gender, Religion, Mehr - sprachigkeit und digitale Teilhabe in Schulbüchern.




Artikel empfehlen: