Klett-Themendienst Nr. 73 (11/2016)
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Medienerziehung: Schüler lernen von Schülern

WhatsApp, Online-Spiele, YouTube und Co. – für viele Kinder und Jugendliche ist der Umgang mit digitalen Medien mittlerweile selbstverständlich. Damit diese auch verantwortungsbewusst genutzt werden, sollen Medienscouts an Schulen helfen und aufklären.

Donnerstagmittag, sechste Stunde, in einer fünften Klasse am Gymnasium im mittelfränkischen Stein: Vorne an der Tafel steht nicht wie sonst der Lehrer, sondern Zehnt- und Elftklässler: Anna, Sophie und Jori sind drei von derzeit 20 Medienscouts. Das Thema heute: Handystress und WhatsApp. Zur Einstimmung zeigen die Medienscouts einen Film über WhatsApp-Stress. Lisa, die Protagonistin des Kurzfilms, erhält unentwegt neue Nachrichten. Ungefiltert prasseln diese auf sie ein. Lisa gerät unter Druck.

WhatsApp als fester Bestandteil im Alltag

Weg vom fiktiven Film zurück ins reale Klassenzimmer. „Wer von euch hat denn überhaupt WhatsApp?“, fragt die blonde Sophie in die Klasse. Sofort schnellen 22 von 24 Fingern nach oben. Kein überraschendes Ergebnis, schließlich ist WhatsApp für 91 Prozent der Zehn- bis 19-Jährigen eine der drei meistgenutzten Social-Media-Apps, wie eine Umfrage der Jugendzeitschrift „Bravo“ ergeben hat.

Besonders Klassenchats sind beliebt bei den Schülern. Einen solchen haben natürlich auch die Steiner Fünftklässler. Das sei praktisch, manchmal aber auch nervig. Besonders die Tatsache, für seine Mitschüler quasi rund um die Uhr verfügbar zu sein, stört den ein oder anderen. „Man fühlt sich irgendwie verpflichtet, sofort zu antworten, auch wenn es nur Guten-Morgen-Grüße sind“, erzählt einer der Schüler. Allerdings hat der Klassenchat auch eine positive Seite: „Wenn man vergisst, die Hausaufgaben aufzuschreiben, kann man bei WhatsApp schnell nachfragen“, äußert sich ein anderer Junge.

Große Probleme mit dem Klassenchat gäbe es insgesamt gesehen keine, so die einhellige Meinung der Fünftklässler. Das kennt Jori auch anders. Der 16-Jährige ist seit diesem Schuljahr Medienscout am Gymnasium in Stein und wurde für eine Klasse sogar schon explizit angefragt: „Da gab es Schwierigkeiten, weil sich die Klassenkameraden gegenseitig im Chat beschimpft haben. Wir sind in die Klasse gegangen, um einen Vortrag über das Verhalten in WhatsApp-Gruppen zu halten.“ Seitdem ist die Stimmung besser.

Eine spannende Sache: Die Ausbildung zum Medienscout

Neben WhatsApp sind die Medienscouts des Gymnasiums Stein auch Ansprechpartner für andere Themen wie zum Beispiel Datenschutz, Urheberrecht und Gefahren im Internet. Eine spannende Aufgabe sei das, finden die Oberstufenschüler. „Mich hat angesprochen, dass ich den Kleineren etwas zeigen kann und sie nach so einer Stunde dann auch besser wissen, wie man mit dem Smartphone und den digitalen Medien umgeht“, erläutert die 16-jährige Sophie ihre Beweggründe für die Teilnahme an dem ehrenamtlichen Projekt.

Entstanden sind die Medienscouts in Stein aus einem Arbeitskreis heraus. „Wir hatten vor einem Jahr noch keine zufriedenstellende Regelung zur Handynutzung an unserer Schule“, sagt die Betreuerin der Medienscouts der Schule, Nicole Hagelweide. „Wir wollten den Schülern aber nicht einfach eine Regelung aufdrücken, sondern das mit den Schülern Hand in Hand machen und ihnen auch einen gewissenhaften Umgang mit den neuen Medien vermitteln.“

Die Einführung von Medienscouts, die quasi auf Augenhöhe mit den jüngeren Schülern sprechen, erwies sich dabei als ideales Tool. Zwei Tage lang wurden die angehenden Medienscouts im Sommer vergangenen Jahres von der örtlichen Polizei, dem Weißen Ring und einem Rechtsanwalt geschult. So konnten die Oberstufenschüler ihr ohnehin schon vorhandenes Wissen über digitale Medien vertiefen. Aus erster Hand erhielten sie Informationen rechtlicher Art und bekamen einen Eindruck davon, wie man jüngeren Schülern Medienkompetenz nahebringt. Die einzelnen Schwerpunktthemen erarbeiteten sich die 20 Freiwilligen dann zusammen mit Nicole Hagelweide in wöchentlichen Treffen, bevor es jetzt im Frühjahr richtig los ging: „Uns war es wichtig, gerade bei den Schülern der fünften und sechsten Jahrgangsstufe ein Bewusstsein für den Umgang mit den neuen Medien zu schaffen und die Medienscouts als Ansprechpartner vorzustellen. Diese bieten Hilfe bei der gewissenhaften Nutzung von Apps oder sozialen Netzwerken und unterstützen auch bei auftretenden Problemen wie Beleidigungen oder Mobbing im Netz“, berichtet Nicole Hagelweide.

Medienkompetenz im Praxistest

Unterdessen fordert die 17-jährige Anna die Kinder auf, ihre Handys aus den Schultaschen zu holen und anzuschalten. Das stößt auf Begeisterung. „Wisst ihr, wie man die Benachrichtigung bei einzelnen WhatsApp-Gruppen ausschalten kann?“, fragt Anna nach. Schnell wird klar, in dieser Klasse sind einige Medienprofis, die die Funktion stolz ihren Mitschülern zeigen. Wer es noch nicht weiß, dem stehen die Medienscouts mit Rat und Tat zur Seite. Eifrig tippen die Fünftklässler auf ihren Smartphones herum und lassen sich Kniffs und Tricks von den älteren Schülern zeigen. „Ein paar Sachen weiß man zwar schon“, meint Lilya. Dennoch sei es gut, dass die Medienscouts viel erklären würden, fügt die zehnjährige Sophie an, die zu Beginn des Schuljahrs ihr erstes Handy bekommen hat.

Viel zu schnell ertönt der Schulgong. Die Stunde ist zu Ende. Während die Fünftklässler ihre Sachen zusammenpacken, um nach Hause zu gehen, beratschlagen die drei Medienscouts schon über ihren nächsten Vortrag in einer sechsten Klasse. Da lautet das Thema: Cybermobbing.

Kompakt
Weiterführende Informationen und hilfreiche Links zu Medienscouts, deren Ausbildungsmöglichkeiten und Themenfeldern finden sich beispielsweise auf den Internetseiten
www.medienscouts-nrw.de
, www.handysektor.de oder www.klicksafe.de.



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