Themendienst Nr. 74 (02/2017)

Schausteller-Schulen: Heute hier, morgen dort

„Insgesamt habe ich 584 Schulen besucht.“ Wer diese Zahl aus dem Mund von Soraya Senff hört, reagiert oft ungläubig. Wie soll das gehen? Die Erklärung ist in ihren Augen ganz einfach: Senff stammt aus einer Zirkusfamilie. Besondere Unterstützung bekommen Kinder aus Schaustellerfamilien dabei von Bereichslehrern.

Tausende Kinder sind heutzutage mit ihren Eltern unterwegs, die als Schausteller einen Stand auf einem Volksfest oder Weihnachtsmarkt haben oder in einem Zirkus auftreten. Einer von ihnen ist der 14-jährige Julius Armbrecht, dessen Eltern seit Jahren auf dem Celler Weihnachtsmarkt ihre Winzerhütte aufbauen. Bisher besuchte Julius in dieser Zeit eine Schule in Celle, in diesem Jahr nimmt er für die vier Wochen an einem Online-Schulkurs teil. Zudem schaut Margit Warning regelmäßig bei ihm vorbei – sie ist Grundschullehrerin in Braunschweig und betreut zudem als so genannte Bereichslehrerin Kinder von Schaustellern, die sich vorübergehend in der Region Celle-Braunschweig-Helmstedt aufhalten. Zu ihren Aufgaben gehört, Kontakte zwischen Stamm- und Stützpunktschulen sowie zu den Eltern und Schülern zu knüpfen.


Im Winter wohnen die Armbrechts in Eschershausen bei Holzminden, wo Julius die 8. Klasse einer Realschule besucht. Von dieser Stammschule erhält er einen Lernplan mit Aufgaben aus allen Fächern für die Zeit, in der er mit seinen Eltern unterwegs ist. Heute sitzt er mit Margit Warning in einer Celler Ferienwohnung, in der die Armbrechts während des Weihnachtsmarktes leben. Julius hat von seiner Lehrerin aus Eschershausen im Fach Gesellschaftslehre Fragen zum Sozialsystem in Deutschland bekommen, die er schriftlich beantworten soll. Er sucht im Schulbuch nach Informationen zum Thema, bespricht mit Margit Warning Inhalte wie z.B. die Absicherung im Fall der Erwerbslosigkeit und schreibt seine Antworten auf. Gut zwei Stunden dauert dieser besondere Unterricht.


„Kinder von Reisenden müssen viel selbstständiger sein, denn sie lernen viel Online und  arbeiten individuell mit den Schulbüchern aus ihrer Stammklasse. Zudem müssen sie sich immer wieder auf neue Schüler und Lehrer einstellen“, sagt Warning. Die Online-Kurse bestehen aus individuellen Lernpaketen für alle Fächer. Die Schüler bekommen Hinweise, wo sie im Netz Informationen für die Beantwortung der gestellten Aufgaben finden. Sie schicken ihre Antworten an einen Tutor, der darauf mit Korrekturen und neuem Arbeitsmaterial reagiert.
In den Stützpunktschulen, die Kinder von Reisenden vorübergehend aufnehmen, sollen die Lehrer im Schultagebuch den behandelten Stoff festhalten und auch die Leistung der Schausteller-Kinder bewerten. Häufig finden sich aber in ihren Berichten an die Stammschule, die für das Zeugnis verantwortlich ist, kaum Angaben über den Leistungsstand. Der Grund- und Hauptschullehrer Maiko Kahler beschreibt in der „Circuszeitung“ seine Probleme als Stammlehrer, auf der Grundlage der Eintragungen im Schultagebuch eine reisende Schülerin zu beurteilen: „Trotz der Anforderungen an ein Schultagebuch ist es nicht einfach, Lillys Leistungen daraus abzuleiten und in eine ‚Zeugnisform zu gießen‘. Eine Schule schreibt beispielsweise, dass sie ‚keine Sachen dabei hatte‘. Eine andere bemerkt, dass ‚Lilly nichts kann und man ihr in der kurzen Zeit auch nichts beibringen konnte‘. In einem Bericht steht, sie hätte ‚keine Lust zum Lernen, sondern würde sich lieber mit ihren eigenen Büchern beschäftigen‘..“


Claudius Höschen ist Lehrer an der „Schule für Cirkuskinder“ in Hilden bei Düsseldorf. Die dortigen Lehrer besuchen mit zu Klassenräumen umgebauten Kleinbussen Schausteller und Zirkusse in Nordrhein-Westfalen und unterrichten dort Kinder und Jugendliche in festen Gruppen. Mindestens zweimal die Woche unterrichtet er im Schnitt sechs Kinder vor Ort. An den anderen Tagen bearbeiten die Schüler individuell Aufgaben und der Lehrer ist online bei Problemen und Nachfragen erreichbar. Zu abgesprochenen Zeiten loggen sich Lehrer und Schüler im virtuellen Klassenraum ein und kommunizieren über Headsets miteinander. Nach Höschens Erfahrung ist die Motivation zum Lernen heute wesentlich größer als in der Vergangenheit. „Viele Eltern haben keinen Schulabschluss, weil sie in ihrer Jugend nicht die Chance auf eine vernünftige Ausbildung bekamen. Umso dankbarer sind sie für unser Bildungsangebot, gerade für den Fall, dass ihre Kinder wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage vieler Zirkusse vielleicht mal in einem anderen Beruf arbeiten müssen“, sagt Höschen. Die meisten seiner Schüler schaffen einen mittleren Schulabschluss.


Soraya Senff ist heute als Bereichslehrerin im Raum Göttingen unterwegs. Sie sieht viele Verbesserungen im Vergleich zu ihrer Zeit als reisende Schülerin. Dazu gehören u.a. die Entwicklung des Schultagebuches sowie mobile Klassenzimmer, wie es sie in Hessen und Nordrhein-Westfalen gibt. Ein Grundproblem bestehe allerdings überall dort, wo die reisenden Kinder vorübergehend eine Schule vor Ort besuchen. Senff: „Einerseits sollen die Kinder in der Stützpunktschule gut mitarbeiten, damit ein aussagekräftiger Lernstandsbericht erstellt werden kann, andererseits sollen sie während des Unterrichts ihre individuellen Lernpläne bearbeiten. Beides kann einfach nicht gehen.“

Kompakt
Kinder von Schaustell- und Zirkusfamilien besuchen im Winter die Schule ihres Heimatortes. Ab dem Frühjahr begleiten die meisten Kinder ihre Eltern auf Volks- und Weihnachtsmärkte bzw. bei den Zirkus-Gastspielen. In dieser Zeit gehen sie in eine Stützpunktschule vor Ort, lernen aber mit den Büchern aus ihrer Heimatschule und erfüllen individuelle Aufgaben. Bereichslehrer stellen Kontakte zu den neuen Schulen her und besuchen die reisenden Kinder vor Ort, um sie bei ihren Aufgaben zu unterstützen.



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