Klett-Themendienst Nr. 77 (07/2017)
Bildnachweis: Ernst Klett Verlag

Bilinguale Grundschule: Lernen in zwei Sprachen

(nis) Die „Bilinguale Grundschule Englisch“ ist ein Modellversuch. Seit dem Schuljahr 2015/16 läuft in Bayern ein Teil des Unterrichts an ausgewählten Grundschulen zweisprachig ab. In bilingualen Klassen unterrichten Lehrkräfte sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache – und zwar ab der ersten Klasse. Das Kernziel: Die frühe Förderung der Mehrsprachigkeit von Kindern.

An einer dieser insgesamt 21 Modellschulen unterrichtet Daniela Schürenberg-Artmann. Sie ist Lehrerin an der Westpark-Grundschule und Fachberaterin für Englisch in der Grundschule für die Stadt Augsburg und begleitet das Bili-Projekt von Anfang an: „Vom Grundsatz her war es ursprünglich mal so gedacht, dass es nur Sport, Musik und Kunst betrifft. Aber wir haben schnell gemerkt, dass der zweisprachige Unterricht auch in Sachfächern wie Mathematik oder Heimat- und Sachkunde sehr gewinnbringend ist. Es ist total faszinierend, wie die Kinder jetzt schon auf Englisch rechnen und antworten können.“

Mehrsprachigkeit fördert unterschiedlichste Kompetenzen

Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Heiner Böttger ist dort Professor für Englischdidaktik und für die Evaluation des Modellversuchs zuständig. Er spricht bereits jetzt von bemerkenswerten Ergebnissen: „Die sprachlichen Leistungen in den von uns getesteten Fertigkeiten sind phänomenal. Sie sind bereits so entwickelt, dass man sagen kann, die Kinder können nach der ersten Klasse den Stand von Viertklässlern erreichen. Die Sprachproduktion ist da und auch das Hörverstehen hat sich unglaublich entwickelt.“

Damit decken sich die Beobachtungen des Sprachwissenschaftlers mit anerkannten Forschungen wie der DESI-Studie (Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International), welche bundesweit die sprachlichen Leistungen in Englisch und Deutsch von Schülern untersucht hat. Diese und andere Studien belegen, dass zwei- oder mehrsprachig aufwachsende Kinder hinsichtlich der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, des komplexen Denkens und auch der Konzentrationsfähigkeit gegenüber ihren Altersgenossen einen nicht unerheblichen Vorsprung besitzen. „Wir wissen, dass Zweisprachigkeit zu höheren kognitiven Funktionen führt, was sich auf vieles auswirkt: auf die Wahrnehmung, die Raumorientierung und auch auf die mathematischen Fähigkeiten“, erläutert Böttger. „Es ist einfach ein Riesenpotenzial, welches die Kinder da mitbringen.“ Deshalb sollte mit dem Sprachenlernen möglichst früh begonnen werden.

Der bilinguale Unterricht in der Grundschule: Neuland für Kinder und Lehrer

Der Modellversuch „Bilinguale Grundschule Englisch“, der von der Stiftung Bildungspakt Bayern und dem bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst ins Leben gerufen worden ist, ist auf insgesamt vier Schuljahre angelegt. Für die Grundschullehrerinnen und -lehrer, welche die zweisprachigen Klassenzüge unterrichten, eine ganz besondere Aufgabe: „Der zweisprachige Unterricht bedeutet gerade in der Vorbereitung einen erheblichen Mehraufwand. Den Lehrkräften, die auf Englisch unterrichten, macht es sehr viel Spaß, mit den Kindern zu arbeiten. Sie bringen aber natürlich auch eine besondere Affinität für die englische Sprache mit“, erzählt Daniela Schürenberg-Artmann. „Das ist für mich das A und O, dass die Lehrkräfte als Sprachvorbilder nahezu perfekt sind, weshalb sie im Übrigen auch alle Englisch an der Universität studiert haben müssen, um überhaupt eine bilinguale Klasse unterrichten zu dürfen. Darüber hinaus müssen sie sich natürlich ständig weiterqualifizieren.“

Englisch als Arbeitssprache an weiterführenden Schulen

Bislang endet das Projekt in Bayern mit dem Schuljahr 2018/19. Daniela Schürenberg-Artmann würde sich wünschen, dass es weiterläuft. Doch schon jetzt wird klar, vor welchen Herausforderungen das Schulsystem dann künftig stehen wird. Spätestens am Ende des Schuljahres 2018/19 wird man sich die Frage stellen müssen, was mit den Kindern nach dem Übertritt auf eine weiterführende Schule passiert. Denn der traditionelle Englisch-Unterricht, wie er an den meisten Schulen praktiziert wird, ist für diese Kinder als reiner Fremdsprachenunterricht nicht mehr geeignet. Unterforderung und Langeweile droht.

Zwar gibt es in Bayern vereinzelt Schulen, die bilinguale Klassen mit der Arbeitssprache Englisch anbieten. Allerdings müssten die Kinder dann einen längeren Schulweg auf sich nehmen. Heiner Böttger plädiert aus diesem Grund für einen Paradigmenwechsel an den Schulen: „Institutionalisierung ist für mich das Zauberwort. Wir müssen den bilingualen Sachfach-Unterricht, dieses Konzept des Lernens in zwei Sprachen, auch an den weiterführenden Schulen ab Klasse 5 implementieren und so ein Kontinuum schaffen. Dort muss künftig nicht nur Sprachunterricht stattfinden, sondern eben das, was man nach der Schulausbildung auch in den Firmen braucht: nämlich die Kompetenz zweisprachig zu agieren.“ Damit könnte der Schulversuch „Bilinguale Grundschule Englisch“ einen wertvollen Beitrag zur Internationalisierung der Schulen in einem zusammenwachsenden Europa leisten – übrigens auch ein Ziel des Modellprojekts.

Nicole Schmitt


Buchtipp:
Seit 2017 bietet der Ernst Klett Verlag bilinguale Lehrwerke für die Grundschule in Heftform an. Die Reihe „Colour Land Bilingual“ nimmt neben sachunterrichtlichen Themen auch Inhalte aus Mathematik, Kunst, Musik und Sport auf. Mehr Informationen unter: https://www.klett.de/lehrwerk/colour-land-bilingual-ausgabe-ab-2017/einstieg


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