Klett-Themendienst Nr. 77 (07/2017)
Bildnachweis: Ernst Klett Verlag

Inklusionsprojekt Theater: „Das macht einfach Spaß“

(jg) Von Aschenputtel bis zur Rocky Horror Picture Show: Kinder und Jugendliche mit Behinderungen spielen an Förderschulen und Grundschulen Theater und gewinnen so an Selbstvertrauen. Ein Bericht zum inklusiven Theaterfestival Klatschmohn in Hannover.

Auf der Theaterbühne stehen fünf Stühle, auf denen fünf Jugendliche sitzen. Vor ihnen knien fünf Klassenkameraden, mit Blick ins Publikum. Nach und nach stellen sich die Laienschauspieler dem Publikum in ihren Rollen z.B. als schöner Prinz oder hässliches Mauerblümchen vor – immer wenn sie sprechen stehen sie auf, so dass ihre bunten Kostüme voll zur Wirkung kommen.  In der Mitte steht die Hauptperson, gespielt von Jannis: „Ik bin de Aschkegremer“, sagt er voller Überschwang – und bevor die Zuschauer sich fragend anschauen können, springt der vor Jannis kniende Übersetzer auf und bringt Licht ins Dunkel: „Ich bin Aschenputtel.“
„Aschkegremer – Ostfriesisch für Anfänger“ heißt das Theaterstück, dass die 14 bis 19 Jahre alten Schüler der Auricher Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung aufführen. Dabei bringen sie dem Publikum auf dem inklusiven Theaterfestival Klatschmohn in Hannover, das zumeist an Plattdeutsch nicht gewohnt ist, viele neue Wörter und Ausdrücke bei. „Antrekken“ ist das plattdeutsche Wort für „anprobieren“, „bitje later“ heißt „etwas später“, „Bring mi mej danzmontur“ bedeutet „Bring mir mein Ballkleid“. Die unterschiedlich stark behinderten Schüler stellen mit viel Spielwitz ihr schauspielerisches Talent unter Beweis, nehmen sich selbst auf den Arm („Ist das Russisch? Die Sprache versteht doch kein Schwein!“) und bringen damit die vielen Zuschauer immer wieder zum Lachen. Am Ende des rund 20-minütigen Stückes gibt es viel Beifall, und die Schauspieler sind so begeistert, dass sie dem Publikum zuklatschen. „Ich verkleide mich gerne, kann hier Platt sprechen, das macht einfach Spaß. Ich spiele gerne Theater“, sagt Jannis.


Einstudiert wurde das Stück im Wahlpflichtfachkurs Theater der Förderschule Aurich. Ab dem achten Jahrgang haben die dortigen Schüler die Wahl zwischen wöchentlich zwei Stunden in Musik, Töpfern, Werken oder eben Theater. Bislang kam immer ein WPK Theater zustande – das Interesse der Schüler daran ist groß, nicht zuletzt, weil in jeder Unterrichtsstunde auch gespielt wird. „Ich gebe keinen festen Stoff vor. Die Schüler schreiben gerne Sketche, so entwickelt sich mit der Zeit ein Stück und ihre Ideen fließen mit ein“, sagt Förderschullehrer Manfred Brüggemann. Seit zehn Jahren zeigen seine Schüler in Hannover ihre besonderen Bearbeitungen von Stoffen wie der Rocky Horror Picture Show.


Brüggemann betont: „Für Aufführungen werden oft fertige Stücke präsentiert, die lange einstudiert wurden. Es soll perfekt sein, gerade für Eltern, die zuschauen. Das ist ein Fehler, denn diese Stücke haben mit den Jugendlichen nichts zu tun. Bei uns muss kein Text auswendig gelernt werden, dass ergibt sich automatisch bei den Proben.“ Lenchen Holthuis, pädagogische Mitarbeiterin im WPK Theater, lenkt den Blick auf die besondere Leistung der Jugendlichen: „Nicht alle Schüler können Plattdeutsch. Es ist ganz viel Konzentration nötig. Jeder bekommt eine Rolle und steht am Ende des Schuljahres mit dem Stück auf der Bühne.“


Britta Jandt, Leiterin der zwischen Weser und Leine gelegenen Grundschule Duingen, hat für ihre 4. Klasse eine Bühnenfassung des Kinderbuches „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler geschrieben. Einstudiert hat sie es weitgehend außerhalb des Unterrichts. „Wir haben in der Vergangenheit in Alfeld selbst einen Theatertag organisiert und das hatte den Kindern so gut gefallen, dass sie mich überredet haben, dass sie dieses Jahr wieder vor Publikum auftreten und wir für das Festival ‚Klatschmohn“ ein Stück vorbereiten. Das war schon eine sehr große Motivation“, sagt Jandt. Zu den 16 Schülern, die in Hannover auf der Bühne standen, gehören drei Kinder mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen und zwei Kinder, die noch nicht lange in Deutschland leben. Jandt: „Das Theaterspielen erhöht den Zusammenhalt einer Gruppe. Es geht mir aber nicht vornehmlich darum, behinderte und nicht-behinderte Kinder dadurch näher zusammenzubringen, sondern es ist für alle gleich wichtig, z.B. vor einem Publikum aufzutreten. Ob man sich dafür begeistern kann, hat nichts damit zu tun, ob ein Kind behindert ist oder nicht.“


Jandt hat lange an einer Förderschule eine Theater AG geleitet. „Fitte Grundschulkinder können schneller einen Text auswendig lernen, einige haben eine größere Auffassungsgabe. Aber das sagt noch nichts darüber aus, wie sicher sie sich auf einer Bühne bewegen. Bei Förderschülern wird durch das Spielen das Selbstbewusstsein gefördert, sie wollen zeigen: ‚Wir können auch was‘“, sagt Jandt.


Neben dem Sprechtheater werden auf dem jährlich stattfindenden Festival Klatschmohn  Tanzaufführungen, Maskentheater, Schwarzlichttheater und Musiktheater dargeboten. „Musik spielt bei unseren Theaterstücken eine große Rolle, einige Schüler stehen dann mit Instrumenten auf der Bühne und liefern die musikalische Begleitung“, sagt Alexandra Bruhns. Die Förderschullehrerin leitet seit vielen Jahren an ihrer Schule in Wunstorf bei Hannover eine Theater-AG. Sie spricht davon, dass die Arbeit schwieriger geworden ist – durch die Inklusion, also die zunehmende Beschulung von behinderten Kindern an Grundschulen, sei die Zahl der Lehrerstunden an Förderschulen gesunken. Bruhns: „Die meisten Arbeitsgemeinschaften können deswegen bei uns nicht mehr stattfinden. Unsere freiwillige Theater-AG läuft aber noch weiter, weil das Interesse der Schüler daran so groß ist.“


Bruhns unterstreicht die Vielseitigkeit des Theaterspielens und die Chancen auch für diejenigen mit Sprachproblemen: „Wir machen viele Übungen zur Körpersprache, zur Mimik und Gestik. Die Schüler lernen dadurch viel über ihren eigenen Körper und sind begeistert bei der Sache. So entwickelt sich eine besondere Dynamik, bei der die Älteren den Jüngeren und nicht so Erfahrenen helfen.“ Die Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren bestimmen dabei die Themen, die auf der Bühne dargestellt werden sollen wie Mobbing, Krieg, Flüchtlinge. „Wir hatten auch schon mal eine lesbische Prinzessin. Insgesamt ist das Interesse an klassischen Stoffen wie z.B. Romeo und Julia sehr groß. Dabei haben die Schüler entschieden, dass es ein positives Ende gibt, weil sie jüngeren Zuschauern nicht zumuten wollten, dass am Ende jemand auf der Bühne stirbt“, sagt Bruhns.

Joachim Göres

Kompakt
Theaterspielen erfreut sich bei behinderten Schülern großer Beliebtheit, nicht zuletzt, weil es nicht nur ums Sprechen, sondern ums Bewegen geht. An einigen Schulen wird Theater als Wahlpflichtfach angeboten, an anderen laufen die Proben in der Freizeit oder als freiwillige Schul-AG. Häufig können Jugendliche dabei die Themen auf die Bühne bringen, die ihnen wichtig sind. Die positiven Reaktionen des Publikums tragen zur größeren Selbstsicherheit bei.



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