Klett-Themendienst Nr. 82 (05/2018)
Bildnachweis: Ernst Klett Verlag

Berufsbezogener Religionsunterricht

Das Image des Religionsunterrichts an berufsbildenden Schulen ist mau. Dabei ist dieser Unterricht besonders lebensnah und greift Sinnfragen auf, die zu einem gelingenden Leben beitragen können. Wie sieht guter Religionsunterricht dort aus?

„Religion hatten wir doch schon“, murren Auszubildende oft, wenn katholischer oder evangelischer Religionsunterricht zum ersten Mal auf den Stundenplan steht. Als ob sie im Religionsunterricht wiederkäuen müssten, was sie in der Grundschule oder allgemeinbildenden Schule dazu schon gelernt haben. Nichts Weltbewegendes auf der Schwelle vom Elternhaus zum Beruf. Abschalten! Wenn es um den Religionsunterricht in der Berufsschule (BRU) geht, befinden sich Religionslehrkräfte nicht selten in der Defensive. „Wozu brauchen wir das? Religion hat nichts mit unserem Beruf zu tun. Unsere Ausbilder sehen das auch so“, beschreibt eine Religionslehrerin in einem Internetforum das maue Image des Religionsunterrichts an Berufsschulen.


 „Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen bietet einen anderen Nutzen als ein Bewerbungstraining“, sagt Kristina Augst, Religionslehrerin an einer Berufsschule in Offenbach sowie Studienleiterin am Religionspädagogischen Institut der Evangelischen Kirche in Hessen. Der BRU ist in der Tat nicht so unmittelbar verwertbar wie der fachbezogene Berufsschulunterricht. Aber er ist wertvoll für die Orientierung im Leben und im Beruf, weil er dazu befähigt, Sinnfragen im Leben besser zu beurteilen. „Ich glaube als evangelische Christin, dass es sich lohnt, sich mit den Weltanschauungen und Symbolen auseinanderzusetzen, die das Leben plausibler machen können“, sagt Kristina Augst.


Sinnfragen stellen, damit das Leben gelingt


Die Arbeitswelt mit ihren Berufen verändert sich laufend. Während in der globalisierten Arbeitswelt alte Ausbildungsberufe wie Schriftsetzer aussterben, bleiben Sinnfragen aktuell. Sinnfragen, wie „Wer bin ich?“, „Was kann ich wissen?“ und „Was soll ich tun?“ und „Was darf ich hoffen?“ sind aus religiöser, philosophischer, beruflicher und gesellschaftspolitischer Sicht bedeutsam  ̶  und beständig. Der Religionsunterricht ist dabei einer der wenigen Orte in der Berufsbildung, um sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen.


„Die Reflektion solcher Fragen ist eine Voraussetzung für ein gelingendes Leben“, sagt Andreas Ziemer, Dozent am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche (PTI) und Schulpfarrer an Magdeburger Schulen. Das führe in beruflicher Hinsicht zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt: „Was kann ich leisten? Wie gelingt Anerkennung? Was bedeutet Gerechtigkeit? Was erfordert Solidarität? Ist mein Beruf mehr als ein Job?“


Katholischer und evangelischer Religionsunterricht ist in Deutschland Pflicht. Laut dem Grundgesetz (Artikel 7, Absatz 3) ist Religionsunterricht an allen Schulen „ordentliches Lehrfach“. Das gilt für alle Schulformen, die beruflichen Schulen eingeschlossen, mit Ausnahme von Bremen und Berlin. Die Leistung im Fach wird auch benotet. Aber nur weil er verpflichtend ist, ist er nicht überflüssig oder gar bedeutungslos für die Zukunft von Berufsschülern. „Ich arbeite viel mit leistungsschwachen Berufsschülern und die finden es hilfreich, wenn man ihnen ein weltanschauliches Geländer in die Landschaft stellt“, erläutert Kristina Augst.


Berufliche Tätigkeiten mit neuer Bedeutung aufladen


Eine wichtige Aufgabe von Religionslehrkräften an berufsbildenden Schulen ist es, die Schülerinnen und Schüler zu motivieren. Das ist eine echte Herausforderung, sind doch Berufsschulklassen in der Regel sehr vielfältig zusammengesetzt, insbesondere im Hinblick auf ethnische und religiöse Herkunft. „Guter Religionsunterricht an beruflichen Schulen startet mit den Fragen der Berufsschüler“, erläutert Andreas Ziemer.
Die Lehrpläne des Religionsunterrichts an Berufsschulen geben das auch her. Sie erlauben es, den Religionsunterricht schülerorientiert und berufsbezogen zu gestalten. So heißt es etwa im Lehrplan evangelische Religion des Landes Hessen: „Ausgangspunkt aller didaktischen Überlegungen im BRU ist die Subjektorientierung. Damit rücken die privaten, beruflichen wie gesellschaftlichen Lebenssituationen der Lernenden ins Zentrum.“


Auf dieser Grundlage könnten Unterrichtende in Berufsschulklassen mit Gastronomen etwa Bezüge zwischen ökonomischem Denken in der Gastwirtschaft und Gastfreundschaft in der Bibel und im Koran herstellen. Berufliche Tätigkeiten, wie die Produktpräsentation auf der Speisekarte und Bedienung in der Gastwirtschaft, würden so mit tieferer Bedeutung aufgeladen, erläutert Andreas Ziemer.
„Wir müssen genau auf die Berufsschulklasse gucken, was sind ihre Themen? Daher beteilige ich die Schülerinnen und Schüler bei der Auswahl der Themen“, so Religionslehrerin Kristina Augst. Ein guter Seismograf für spannende Themen sind laut Augst auch politische Entwicklungen, beispielsweise die Flüchtlingsbewegung.


Reflexiver Abstand zur eigenen Religion


Die Bewertung der Leistungen im BRU erfordert Fingerspitzengefühl. Texte und Bilder verstehen und auslegen können, ist ein wichtiger Bestandteil der Bewertung. Auch die Transparenz des Maßstabs, nachdem Leistungen beurteilt werden, spielt eine Rolle. „Die Schüler müssen wissen, nach welchen Kriterien wir sie bewerten. Dabei geht es nicht nur um Ergebnisse, sondern auch um Prozesse“, sagt Andreas Ziemer. Selbstreflektion und kritisches Denken sind in vielfältigen Berufsschulklassen besonders gefragt.


„In einer demokratischen Gesellschaft muss ich mit Abstand auf die eigene Religion blicken können“, sagt Kristina Augst. Während das für katholische und evangelische Christen aufgrund der Säkularisierung inzwischen selbstverständlich geworden sei, täten sich zahlreiche Schülerinnen und Schüler muslimischen Bekenntnisses schwer mit kritischem Abstand zur eigenen Religion. „Im BRU können die Jugendlichen lernen, dass kritische Rückfragen nicht Unglaube bedeuten“, sagt Augst.


Wenn im Religionsunterricht zum Beispiel über die fremdenfeindlichen Thesen von Sarrazin oder über Islamismus diskutiert wird, kann das anstrengend für Religionslehrkräfte werden. „Doch es lässt sich nur über den Dialog lösen“, sagt Kristina Augst. Das sei nie langweilig. Zum Schluss bleibe das Gefühl: „Es hat sich gelohnt.“ Und kaum ein Auszubildender würde am Ende seiner Berufsschulzeit sagen: „Religion hatten wir doch schon.“


Autor: Arnd Zickgraf

Kompakt
Materiale Berufsbezüge im Religionsunterricht zeigen unmittelbare Beziehungen zu religiösen Symbolen auf. Sie ergänzen und vertiefen daher die Lerninhalte des klassischen Religionsunterrichts. Beispiel: Die Kranzrede oder feierliche Rede des Zimmerers, der beim Richtfest mit seinem Segen das Haus symbolisch vor Gefahren schützt ̶ und so erst zu einem Zuhause im übertragenden Sinne macht. Beim kategorialen Berufsbezug geht es um die beruflichen Aspekte, die einen Einfluss auf die persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Sozialisation der Auszubildenden und auf ihre beruflichen Perspektiven.


Buchtipp:
Mit "reli plus Berufliche Schulen" liegt ein neues berufsbezogenes Religionsbuch vor, das Religion nicht abstrakt vermittelt, sondern die Berufs- und Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt rückt. ISBN: 978-3-12-007104-4
https://www.klett.de/lehrwerk/reli-plus-ausgabe-berufliche-schulen-ab-2017/produkt/isbn/978-3-12-007104-4


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