Klett-Themendienst Nr. 82 (05/2018)

Körpersprache: Wer sicher steht, zeigt sich präsent und gelassen

Schülerinnen und Schüler mögen keine blassen Typen. Sie brauchen aber auch keinen Entertainer, der eine Unterrichtsshow „abzieht“. Idealerweise steht eine Person vor ihnen, die durch ihre körperliche Präsenz signalisiert: „Hier bin ich. Ich unterrichte gern, ich habe mich gut vorbereitet und stehe gelassen vor euch“.

Wer als Referendarin oder Referendar vor die Klasse tritt, wirkt stets als ganze Person. Wenn dabei Stimme, Inhalt und Körpersprache ein kongruentes Gesamtbild abgeben, kann im Unterricht nicht mehr viel schief gehen. Warum jedoch ist Körpersprache für Lehrerinnen und Lehrer so wichtig?


Immer wieder bestätigen Studien, dass die Körpersprache eines Menschen uns mehr beeindruckt als der Inhalte seiner Worte. Zuletzt veröffentlichte die US-amerikanische Psychologin Laura Neumann und ihr Team eine Studie dazu. Sie zeigten u. a., dass wir die körperlichen Signale unserer Mitmenschen erstaunlich treffsicher – in Bezug auf einige markante Persönlichkeitsmerkmale – interpretieren. Die bekannte Hattie-Studie wiederum lenkte vor einigen Jahren den Fokus auf Lehrkräfte als Regisseure und präsenten Mittelpunkt des Unterrichts. Inzwischen wird von der „Renaissance der Lehrerpersönlichkeit“ gesprochen (Süddeutsche Zeitung). Fazit: Lehrerinnen und Lehrer sollten Präsenz und Sicherheit ausstrahlen. Aber wie geht das?


Alles beginnt mit dem sicheren Stand


Zur Köpersprache im engeren Sinne gehören der Stand, die Bewegung der Arme bzw. die Gestik der Hände und der Blick. Gute Körpersprache und ein stimmiger Auftritt vor der Klasse beginnen mit einem festen Stand. Dieser sogenannte „sichere Stand“ ist der Pfeiler, auf den sich eine Referendarin/ein Referendar immer wieder neu stützen kann. Ein guter Stand signalisiert aufmerksame Präsenz. Manche Trainer empfehlen, sich in der Klasse einen Kraftpunkt zu suchen, zu dem ein Lehrer bzw. eine Lehrerin immer wieder zurückkehrt, um aufzutanken.
Und so sieht der sichere Stand aus: Beide Füße stehen hüftbereit nebeneinander und fest auf dem Boden. Die Knie sind leicht entspannt und nicht durchgedrückt. Der Rücken wird gerade gehalten und ebenfalls nicht durchgedrückt. In dieser Position ist das Gewicht gleichmäßig auf beide Füße verteilt. Das ist die Grundposition. Um aber auf Dauer nicht statisch zu wirken, sollte man hin und wieder das Gewicht stärker auf ein Bein lasten lassen (Standbein). So wird das andere Bein (Spielbein) frei für eine Bewegung nach vorne, zur Seite oder nach hinten. Ruhige Schritte in die eine oder andere Richtung hinterlassen einen souveränen Eindruck.    


Üben: Das Körpergedächtnis spielt mit


Personen, die regelmäßig Qigong praktizieren – eine chinesische Konzentrations- und Bewegungsform – nehmen in stressigen Situationen ganz automatisch diesen sicheren Stand ein. Sie ziehen Gelassenheit und Ruhe alleine aus dieser Position. Wer das bewusste Stehen im Alltag üben möchte, kann sich durch Visualisierungen inspirieren lassen. Geeignet sind zum Beispiel die beiden folgenden Gedankenreisen:
•    Stellen Sie sich vor, mit den Füßen am Strand zu stehen, genau dort, wo Wasser und Sand ineinander übergehen und man durch das Körpergewicht leicht in den feuchten Sand einsinkt. Nichts wirft Sie um.
•    Stellen Sie sich vor, auf weichem Waldboden zu stehen. Aus der Mitte der Fußsohlen (den Fußherzen) sprießen feine Wurzeln in die Erde. Sie stehen gut verwurzelt.
Täglich wenige Minuten zu üben bringt einen unschätzbaren Vorteil: Das sichere Gefühl eines guten Standes prägt sich dem Körpergedächtnis ein und kann, einmal abgespeichert, jederzeit abgerufen werden. 

  
Hände vor die Körpermitte


Der sichere Stand findet seine Entsprechung in der Gestik. Der positive Bereich für jede Form der Gestik ist die Körpermitte und der Bereich zwischen Gürtellinie und Kinn. Von hier sollten die Bewegungen der Arme ausgehen und in diese Mitte auch wieder zurückkehren. Hilfreich ist es, wenn Lehrkräfte für ihre Hände eine Grundposition finden, etwa die, wenn beide Hände nach oben offen und in Gürtelhöhe übereinanderliegen. Ein „No go“ ist es, die Hände hinter dem Rücken zu verstecken.


Wer gerne seine Arme vor dem Oberkörper verschränkt, darf dies aus Bequemlichkeit hin und wieder tun. Dauerhaft wird er dadurch aber als abwehrend wahrgenommen. Wer dagegen dazu neigt, die Hände zu verschränken oder zu falten, wirkt schnell pastoral oder belehrend. Außerdem wird es so schwerer, den Inhalt der Worte mit Gesten zu unterstreichen, weil sich die Hände erst voneinander lösen müssen.


Blickkontakte: Das Selbstwertgefühl steigt


Freundliche Blicke erhöhen das Selbstwertgefühl. Es ist interessant, dass diese Erkenntnis nicht nur für denjenigen gilt, der angesehen wird, sondern ebenso für den, der schaut. Blickkontakt aufzunehmen (kein Anstarren) ist deshalb für angehende Lehrerinnen und Lehrer eine gute Möglichkeit, sich selbst zu stärken und gleichzeitig zu signalisieren: Ich sehe dich, ich nehme dich wahr. Der Tipp, häufig zu lächeln, kann dagegen zur Falle werden. Ein ehrliches, offenes und spontanes Lächeln öffnet Herzen. Das ist auch im Unterricht nicht anders. Aber Lächeln als Methode ist nicht zu empfehlen.


Das liegt u. a. daran, dass Jugendliche jeder Ungereimtheit auf die Schliche kommen. Lisa und Carlotta etwa – Schülerinnen einer leistungsstarken und bei Referendaren sehr beliebten Klasse einer Bonner Gesamtschule – reagieren manchmal genervt. „Wir kennen inzwischen jede Taktik, wie man sich bei uns beliebt machen will. Manche sind unsicher und lächeln dann ständig, auch wenn es gerade nichts zu lächeln gibt – vor allem die Frauen – andere erzählen Witze, meisten die Männer. Wenn jemand ein lustiger Typ ist; okay, das passt dann. Aber wenn nicht, ist das einfach peinlich“.

Autorin: Inge Michels*

*Die Autorin gibt Seminare zum Thema „Öffentlich auftreten“

Kompakt
Wer als Referendarin oder Referendar sein Auftreten vor der Klasse optimieren möchte, kann an seiner Körpersprache arbeiten. Ausgangspunkt einer stimmigen Präsenz im Klassenraum ist der sichere Stand, der sich gut üben und unbemerkt in den Unterricht integrieren lässt. Kommen eine entspannte Gestik und freundlicher Blickkontakt hinzu, signalisieren die angehenden Lehrkräfte: „Ich unterrichte gern, ich habe mich gut vorbereitet und stehe gelassen vor euch“.


Buchtipp:
Lehrer sein!
Ein Plädoyer für Leidenschaft und Professionalität in einem anspruchsvollen Beruf
Johannes Baumann
ISBN: 978-3-7727-1128-2
Verlag Klett-Kallmeyer


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