Klett-Themendienst Nr. 92 (03/2020)
Bildnachweis: Michal Vrba/unsplash

Schulfach Schach: Vorausschauendes Denken üben

Einige Schulen setzen auf Schach zur Verbesserung von Konzentration und Sozialverhalten. Lehrerinnen und Lehrer berichten von positiven Erfahrungen im Pflichtfach Schach in Grundschulen, Gymnasien und Berufsschulen.

Mitte Juni 2019 war der Platz vor dem Bremer Rathaus voll: Rund 1000 Mädchen und Jungen aus 43 Grundschulen der Hansestadt saßen an Tischen, auf denen 500 Schachbretter lagen. Ein Jahr hatten die Kinder wöchentlich eine Stunde Schachunterricht, jetzt zeigten sie beim Abschlussturnier mitten in der Bremer Altstadt, was sie in dieser Zeit gelernt haben. Insgesamt 1226 Schülerinnen und Schüler aus 56 Schulklassen haben im ersten Jahr beim Projekt ‚Schach macht schlau!‘ in Bremen mitgemacht. „Das ist ein großer Erfolg“, sagt Boris Bruhn, Vorsitzender der Deutschen Schulschachstiftung.

Bruhn organisierte kürzlich in Hamburg ein Treffen von Pädagogen und Ehrenamtlichen, die in ihren Schulen Schach als Arbeitsgemeinschaft oder als Unterrichtsfach anbieten. Dabei wurden auch die in Bremen gemachten Erfahrungen mit Schach als regulärem Schulfach vorgestellt. Laut einer Befragung der an „Schach macht schlau!“ beteiligten Lehrkräfte sprachen 72 Prozent davon, dass ihre Klassen mit Freude und Begeisterung an der wöchentlichen Schachstunde teilnehmen. 23 Prozent gaben an, dass viele Kinder mittlerweile auch in ihrer Freizeit Schach spielen.

Warum überhaupt Schach in der Schule?

Fast die Hälfte der Lehrkräfte erwartete, dass dadurch das logische und strategische Denken gefördert werde. Jeweils 37 Prozent waren überzeugt, dass die Konzentration und ein besseres Miteinander in der Klasse durch das Schachspiel gefördert werden. „Nahezu alle befragten Lehrkräfte gaben an, dass sich ihre Erwartungen erfüllt hätten“, so die Wissenschaftlerin Iris Krimmel in ihrem Evaluationsbericht, der nicht verschweigt, dass sich mitunter gute Spieler langweilen und leistungsschwache Spieler die Lust verlieren.

Am Berufsbildenden Zentrum Rendsburg unterrichtet Stefan Gottuk seit Anfang dieses Schuljahres in einer ausbildungsvorbereitenden Klasse wöchentlich zwei Stunden Schach als Pflichtfach. Die 16- und 17-jährigen Jugendlichen sollen durch den Unterricht unterstützt werden, eine Ausbildungsstelle zu finden. „Dabei spielt eine Rolle, dass man sich Gedanken macht, was man will, wie man sein Ziel erreicht und was von einem erwartet wird. Das Schachspielen kann dabei helfen“, sagt Physik- und Mathematiklehrer Gottuk. Vorausschauendes Denken üben – dafür gibt es zum Beispiel die Aufgabe, die acht Bauern des Gegners mit acht Zügen einzusammeln. Oder mit zwei Türmen den Gegner matt zu setzen, der nur noch seinen König auf dem Schachbrett hat.
Für wen Schach neu ist, der spielt zunächst mit weniger Figuren. Etwa die Hälfte der Zeit wird gespielt, in der übrigen Zeit müssen Aufgaben auf Papier gelöst werden oder es wird über Zugkonstellationen gesprochen. „Das Reflektieren geht gut“, sagt Gottuk. Er lässt auch Tests schreiben und muss Zensuren geben. „Da kann ich meinen eigenen Bewertungsmaßstab anlegen. Jeder kann eine gute Note bekommen, entscheidend ist, wie viel man dazugelernt hat“, sagt er. Gottuk weiß, dass es bei manchen Mädchen nicht einfach ist, das Interesse zu wecken: „Daher freut es mich, wenn sie die Aufgaben gut lösen. Von Kollegen weiß ich, dass sich die Klasse auf den Schachunterricht freut.“

Den Spaß am Spiel vermitteln

Hans-Jörg Siegert ist skeptischer. Er leitet eine Schach-AG an einer Grundschule im brandenburgischen Milow: „Zwei Drittel der Kinder kommen nicht aus Interesse, sondern weil ihre Eltern sie zu mir geschickt haben. Sie sehen das wohl als Therapie an und hoffen, dass ihre Kinder durch Schach ruhiger werden und ihre schulischen Leistungen verbessern. Doch so läuft das nicht.“ Siegert schmeißt zur Not auch Kinder aus der AG raus, wenn sie sich nicht an Regeln halten.
„Ich bin in der Sowjetunion großgeworden, da ging es um Leistung und nicht um Spaß. Ich bin zum Schach gezwungen worden, da kann sich schnell Hass dagegen entwickeln“, sagt Nina Helmer. Sie leitet Schach-AGs in Hamburger Grundschulen und hat aus ihrer persönlichen Erfahrung ihre Schlüsse gezogen: „Man muss sich auf Kinder einstellen und ihnen die Liebe zum Spiel vermitteln.“

Darstellendes Spiel, kreatives Schreiben, Roboter-AG, Tanzen, Strategisches Denken – aus diesen Angeboten konnten die Gymnasiasten der 8. und 9. Klasse an der Theodor-Mommsen-Schule in Bad Oldesloe in diesem Schuljahr einen Wahlpflichtkurs auswählen. 18 Jungen und neun Mädchen zählt der WPK Strategisches Denken bei Günter Klemm, bei dem das Schachspielen den Schwerpunkt bildet. „Es gab noch mehr Interessenten. Vorkenntnisse waren nicht nötig, aber Lust sollte man haben“, sagt Klemm. Immer mittwochs nachmittags findet die Doppelstunde statt. Neben dem Spielen legt Klemm Wert auf Theorie und das Besprechen von Aufgaben wie „Wie kannst Du aus dieser Stellung einen Vorteil ziehen?“ oder „Denk Dir ein Matt aus, wenn Du eine Figur irgendwo auf dem Feld einsetzen könntest.“

Die Konsequenzen einer Entscheidung vorher abwägen, sich an Regeln halten, mit einer Niederlage umgehen, sich vor und nach dem Spiel fair die Hand geben – Klemm zählt einige der positiven Effekte des Schachspiels auf, das in seinem WPK klassenübergreifend unterrichtet wird. „Jüngere können Ältere schlagen, auch Schwächere können bei bestimmten Vorgaben Stärkere besiegen. Es gibt in dem Kurs eine große Neugier“, sagt Klemm und fügt hinzu: „In der siebenten Schulstunde lässt die Konzentration nach. Darauf muss man sich einstellen.“ Klemm, der Englisch, Französisch und Informatik unterrichtet, ist ein erfahrener Schachspieler. „Das hat den Vorteil, dass ich auf Fragen der Schüler spontan antworten kann. Eine Fortbildung zum Schachlehrer brauchte ich nicht.“

Auswirkungen auf den Leistungsstand

An der Grundschule Genslerstraße im Hamburger Stadtteil Barmbek ist Schach in allen vier Schuljahren Pflichtfach. Es wird meist von den Klassenlehrern unterrichtet, die sich schulintern fortgebildet haben. Einige haben das Schulschachpatent der Deutschen Schulschachstiftung gemacht, um sich neben den Regeln auch mit den didaktischen Möglichkeiten dieses Spiels vertraut zu machen.

Für die wöchentliche Schachstunde wird in der 2. Klasse auf eine Stunde Kunst/Musik verzichtet, in der 3. Klasse auf eine Stunde Mathematik und in der 4. Klasse auf eine Stunde Deutsch. Proteste der Eltern gibt es deswegen nicht. „Unsere Schüler schneiden bei Mathe gut ab, was bei der sozialen Zusammensetzung nicht unbedingt zu erwarten ist“, sagt Fachleiterin Gabriele Rietow. Nach mehr als zehn Jahren Erfahrung mit Schach als Schulfach spricht sie von positiven Auswirkungen auf den allgemeinen Leistungsstand, auf die Kommunikation zwischen jüngeren und älteren Kindern sowie auf Sozialverhalten und Konzentration.

Dabei fallen Rietow Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf: Obwohl Mädchen im Unterricht nicht schlechter spielen als Jungen nehmen sie wesentlich seltener an Turnieren teil. „Jungen wollen sich mehr in Wettbewerben vergleichen“, lautet ihre Erklärung.
In Bremen bereitet man sich übrigens schon auf das nächste große Schülerschachturnier auf dem Rathausplatz kurz vor den Sommerferien vor. Dann könnte es dort mit dem Platz knapp werden: In diesem Schuljahr spielen rund 2400 Grundschülerinnen und Grundschüler in der Hansestadt Schach, fast doppelt so viel wie im Vorjahr.

Autor: Joachim Göres

Kompakt
Das Bundesland Bremen ist beim Schulschach führend – rund 2400 Kinder werden an ihren Grundschulen in diesem Schuljahr wöchentlich eine Stunde im Pflichtfach Schach unterrichtet. Nach einer Begleitstudie sprechen die Lehrkräfte von positiven Auswirkungen auf das logische Denken, die Ausdauer und die Klassenatmosphäre. Die Deutsche Schulschachstiftung hat derzeit 67 Schulen mit dem Siegel „Deutsche Schachschule“ ausgezeichnet – dort besteht zumindest eine Schach-AGs und die Spieler nehmen an Turnieren teil (siehe auch http://www.schulschachstiftung.de).



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