Klett-Themendienst Nr. 93 (06/2020)
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Bricht die Corona-Krise das etablierte System Schule auf?

Die Erwartungen an das Bildungssystem und den Unterricht haben sich in den letzten Wochen stark verändert. Welche langfristigen Veränderungen sich aus den gewonnenen Erfahrungen für Schulen ergeben, zeichnet sich noch nicht ab. Was die Schülerinnen und Schüler betrifft, so rücken in Zeiten von Online- und Präsenzunterricht die Selbstlernphasen stärker in den Fokus.

Wochenweiser Klassenwechsel, geteilter Präsenzunterricht, Homeschooling. Was auf längere Sicht Unterrichtsalltag bleiben wird, verlangt von den Lernmethoden ein hohes Maß an Struktur und Flexibilität ab. Mit der schrittweisen Rückkehr zum Präsenzunterricht wurden Schulen vor die Aufgabe gestellt, den Online- und Präsenzunterricht stärker miteinander zu verknüpfen. Dem gemeinsamen Lernen in der Schule steht das individuelle Lernen zuhause gegenüber. Dies digital zu verzahnen ist naheliegend, jedoch sind die technischen Möglichkeiten der Schulen im Schnitt nicht sehr groß. Auch die Ausstattung bei den Schülerinnen und Schülern zuhause ist höchst unterschiedlich.

Eltern schulpflichtiger Kinder haben in den letzten Wochen miterlebt, wie sich die Schüler zwischen Online-Unterricht und Arbeitsaufträgen selbst organisieren mussten. Sogenannte Selbstlernphasen waren vor Corona nur bestimmten Bildungsgängen und Klassen vorbehalten, in Gemeinschafts-schulen sind solche Lernansätze schon eher etabliert. Alle anderen Schülerinnen und Schüler mussten das eigenständige Organisieren des Lernens erst lernen, je nach Alter auch mit Unterstützung der Eltern.

Selbstlernphasen: Lern- und Motivationspakete packen

„Als Gemeinschaftsschule ist das selbstständige Arbeiten eine wichtige Säule unseres Konzeptes und in „Lernzeiten“ taten die Schüler bzw. Lernpartner, wie sie bei uns heißen, genau das: eigenverantwortliches Lernen und Üben anhand von Plänen, den „Lernpaketen“, so eine Lehrerin einer Gemeinschaftsschule im Landkreis Sigmaringen. Trotz guter Ausgangsvoraussetzung für den Spagat zwischen Online- und Präsenzunterricht, musste wie an vielen Schulen zunächst die Frage gelöst werden, wie Aufgaben zeiteffektiv, sinnvoll und übersichtlich an die Schüler verteilt werden können. „Wir setzen derzeitig auf Vielfalt und Abwechslung: von den klassischen Aufgaben im Buch über Online-Übungen bis hin zu selbstgedrehten Videos ist alles dabei. Über diesen langen Zeitraum hinweg müssen Wege gefunden werden, die Motivation der Lernpartner weiterhin hoch zu halten“, ist sie sich sicher.
Je nach Fach gibt es unterschiedlich lange Input- und Lernphasen. In den Fremdsprachen etwa schließen sich oft gemeinsame, niveaudifferenzierte Übungsphasen an, bevor die Schüler in individuelle, selbstständige Arbeitsphasen übergehen können. Eine sich auf Selbstlernphasen konzentrierende Unterrichtsform bedarf einer guten Vorbereitung und Vermittlung von Kompetenzen zur Lernprozessgestaltung, denn insbesondere leistungsschwache Schülerinnen und Schüler sind mit dem Maß an Eigenverantwortung schnell überfordert.

Alle Lernwege müssen zum gemeinsamen Lernziel führen

Auch Frank Haß, Klett-Autor und Lehrer hält nichts davon, zu viel Selbstverantwortung in die Hände der Schülerinnen und Schüler zu legen: „Einen guten Zwischenschritt zwischen starker Lehrersteuerung und vollständiger Lernerautonomie stellen meiner Erfahrung nach so genannte Lernwegelisten dar.“ Lernwegelisten zeichnen im Prinzip den vom Lehrenden geplanten Lernweg vor und nutzen dafür primär die den Lernern sowieso zur Verfügung stehenden Materialien des Lehrwerks in analoger oder digitaler Form. „Wichtig ist, dass alle Lernwege zu einem gemeinsamen Lernziel führen, dessen Erreichung durch ein finales Produkt dokumentiert und dem Lehrer zur Überprüfung und Bewertung zugesandt werden kann.“ Zu den Klett-Lehrwerken Orange Line, Red Line und Blue Line sind solche Lernwegelisten bereits in Form adaptierbarer Lernpläne vorbereitet. „Da jede Unit des Schülerbuchs aus sechs kompetenzorientierten Unterrichtsvorhaben besteht, gibt es zu jeder Unit sechs Lernpläne. Jeder Lernplan enthält Übersichten über das empfohlene Material auf drei Niveaus, so dass leicht auch differenzierte Lernwegelisten erstellt werden können“, so Haß.

Präsenzunterricht: Lernen über Beziehung

Wäre eine stärkere Konzentration auf das Lernen zuhause ein Zukunftsmodell für das System Schule? „Das gemeinsame Lernen bleibt weiterhin eine wichtige Stütze des Unterrichts, gerade in Phasen des Inputs, der Präsentation und Reflexion bleibt die Klasse im Verbund zusammen“, betont Marion Zimmer, Fachberaterin für Unterrichtsentwicklung am Staatlichen Schulamt und Regierungspräsidium Karlsruhe die Bedeutung des Präsenzunterrichts. Eine andere Lehrkraft aus Berlin meint dazu: „Wir versuchen die neue Situation als Chance zu sehen, neue Formen des Lehrens und Lernens auszuprobieren.“

Die Corona-Krise hat den klassischen Unterricht in vielen Punkten verändert. Ob sich dieser mit den gewonnenen Erfahrungen nachhaltig wandeln wird, davon kann man ausgehen, wenn auch nicht in allen Schulformen und in allen Fächern in gleicher Weise. Änderungen werden hauptsächlich die didaktischen Methoden betreffen, z.B. mit dem stärkeren Einsatz digitaler Lernmaterialien wie die eBook pro oder die eCourse von Klett. Diese orientieren sich schon heute an den unterschiedlichen Lernphasen, lassen sich inhaltlich an die Bedürfnisse der Klasse anpassen und unterstützen so das selbstgesteuerte Lernen.

AV


Buchtipp:
Wie der Fernunterricht bislang bewältigt wurde, dazu findet sich auf der Klett-Seite „Unterrichten von zuhause“ ein guter Querschnitt mit Erfahrungsberichten: https://www.klett.de/inhalt/unterrichten-von-zuhause/praxistipps-von-lehrkraeften/113047


Artikel als PDF downloaden: KTD 93 Lernen nach Corona (application/pdf 124.2 KB)


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