Klett-Themendienst Nr. 94 (09/2020)
Bildnachweis: Marus Spiske/unsplash

Lotte hackt, Sinan erntet: Gemüseanbau in der Grundschule

An rund 400 Schulen bauen Kinder Gemüse an. Lehrerinnen und Lehrer berichten von großem Engagement und mehr Wertschätzung für Lebensmittel.

Inga und Sinan schneiden mit Messern die Salatköpfe ab und wickeln sie in Zeitungspapier ein. „Soll ich dir helfen, Inga?“, fragt Sönke – er bekommt von ihr den Auftrag, die abgeblühte Kresse rauszuziehen und sie aufs Mulchbeet raufzuwerfen, wo Kürbisse und Mais wachsen. Noriko hält eine Pflanze in die Luft und ruft lachend: „Die Radieschen bluten.“ Sharaf macht sich mit einer Hacke an den Brenneseln zu schaffen, die gesammelt werden, um aus ihnen Dünger für die Gemüsebeete zu machen. „Brauchen wir nur die Blätter oder die ganze Brennesel, Frau Heins?“, will er von seiner Lehrerin wissen. 

Zweimal die Woche findet der Sachunterricht der 4. Klasse nicht in den Räumen der Eugen-Naumann-Schule Bergen am Rande der Lüneburger Heide statt, sondern unter freiem Himmel auf einem benachbarten Ackerfeld, das ein Landwirt zur Verfügung gestellt hat. Wegen der Corona-Pandemie geht Jutta Heins derzeit immer mit der Hälfte der Klasse raus, um auf dem Feld die Sicherheitsabstände einzuhalten. Bereits seit der zweiten Klasse lernen die Kinder den Gemüseanbau in der Praxis kennen, die meisten sind mit großem Eifer dabei – trotz matschigem Boden, nasser Pflanzen oder stachligem Unkraut. „Ich ernte am liebsten“, sagt Greta. Hauke stimmt ihr zu und ergänzt: „Ich esse am liebsten Gurken. Hier habe ich neue Sorten wie Fenchel und Mangold kennengelernt, probiert habe ich sie aber noch nicht.“

In den Ferien kümmern sich die Eltern abwechselnd um das zehn mal vierzehn Meter große Feld, auf dem auch noch bunte Beete, Kartoffeln, Zucchini, Tomaten, Kohlrabi, Lauch, Bohnen und Mohrrüben wachsen. „Die Eltern sind sehr engagiert. Sie haben auch entschieden, dass ihre Kinder wöchentlich eine Stunde zusätzlich mit dem Gemüseanbau verbringen“, sagt Heins. Sie war anfangs die einzige Lehrerin an ihrer Schule, die sich für diese besondere Unterrichtsform begeistern konnte. Inzwischen konnte sie drei weitere Kolleginnen davon überzeugen.

Die Eugen-Naumann-Schule ist eine von bundesweit rund 400 Schulen, die mit dem Verein Ackerdemia aus Potsdam zusammenarbeiten. Dieser Verein hat Bildungsmaterialien für Schüler der 3. bis 7. Klasse ausgearbeitet, die im Unterricht oder in AGs eingesetzt werden können, damit Schüler zunächst theoretisch einen Einblick in den Gemüseanbau bekommen. Die Ackerdemia-Mitarbeiter bieten zudem Lehrerfortbildungen an, nehmen die Flächen in Augenschein, auf denen Gemüse angebaut werden sollen und stellen das für den jeweiligen Boden passende Saatmaterial sowie Jungpflanzen zur Verfügung. Dabei wird darauf geachtet, dass durch die Sortenvielfalt das Risiko einer Missernte sinkt – es wird nicht gespritzt, sondern Schädlinge werden nur mit ökologischen Mitteln bekämpft. Die Klassen werden während eines Schuljahres mehrfach besucht, um sie zum Beispiel bei der Aussaat zu unterstützen.

„Wir sind in jeder Schule vier bis fünf Mal, davon sind drei Pflanztermine“, sagt Marlena Wache. Sie ist bei Ackerdemia Regionalmanagerin für Niedersachsen und Bremen und koordiniert die Arbeit mit den dortigen Schulen wie auch mit einigen Kitas, die ebenfalls Gemüse anbauen. Bei den Schulpartnern findet der Gemüseanbau meist auf dem Schulgelände statt, wofür zum Beispiel häufig bislang ungenutzte Grünflächen genutzt werden. „100 Quadratmeter wären schön, man kann aber auch mit weniger Platz auskommen“, sagt Wache und nennt eine weitere Voraussetzung: „Pädagogen müssen Lust auf so ein Projekt mit ihrer Klasse haben, das ist entscheidend. Gärtnerische Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Wichtig ist zudem, dass es mehrere Lehrer an einer Schule gibt, die sich um den Gemüseacker kümmern.“ Ziel ist es, dass die Schulen den Gemüseanbau nach der mindestens ein Jahr dauernden Betreuung durch Ackerdemia langfristig fortführen.

Neben dem Konzept für den Gemüseanbau auf dem Feld bietet der Verein auch den Anbau im Klassenraum an – dabei können im Zeitraum von 20 Wochen Indoor-Beete angelegt werden. „Das Interesse an beiden Programmen ist sehr groß, wir haben derzeit Schulen auf der Warteliste, die mit uns zusammenarbeiten wollen“, sagt Wache.

Doch was bringt das alles überhaupt? Mit der Wirkung haben sich mehrere Studien beschäftigt. 2018 hat Ackerdemia 77 Eltern befragt. 54 Prozent sagen, dass sie durch den Gemüseanbau in der Schule angeregt wurden, sich zu Hause im Garten oder auf dem Balkon mit Nutzpflanzen zu versorgen und dabei die Kinder oft die treibende Kraft waren. 55 Prozent sprechen von einer größeren Wertschätzung für Lebensmittel bei den Kindern, die mehr darauf achten, dass nichts weggeschmissen wird oder danach fragen, ob die eingekauften Waren auch Bio-Qualität haben.

Lehrer berichten davon, dass die gemeinsame Arbeit auf dem Acker den Zusammenhalt der Klasse fördere und die körperliche Verausgabung der Konzentrationsfähigkeit in den nachfolgenden Unterrichtsstunden diene. „Sie haben endlich verstanden, dass sich aus der Blüte die Frucht entwickelt. Das hatten wir zwar schon mehrfach im Unterricht, aber erst auf dem Acker haben sie es wirklich verstanden“, beschreibt eine Lehrerin den Wissenszuwachs durch praktisches Handeln. Auch der Zusammenhang zwischen Wetter und Wachstumszeiten werde besser verstanden. Ein anderer Lehrer staunt über das Engagement der Jugendlichen: „Über die Hälfte des Kurses (7. Klasse) haben freiwillig in der Pause weitergepflanzt!“

Sabine Klug hat sich für ihre Psychologie-Masterarbeit an der Universität Magdeburg im vergangenen Jahr mit dem Thema „Veränderung der Naturverbundenheit und Wertschätzung von Gemüse durch die GemüseAckerdemie“ beschäftigt. Dafür hat sie an 13 Schulen die im Schnitt zehn Jahre alten Teilnehmer des Ackerdemie-Programms sowie als Kontrollgruppe auch gleich alte Nicht-Teilnehmer befragt. Sie konnte zwischen diesen beiden Gruppen keinen Unterschied bei der Wertschätzung für Gemüse ermitteln. Einen Unterschied ergab sich bei der Kenntnis von Gemüsesorten, die bei den Teilnehmern größer waren. Durch die Arbeit auf dem Gemüseacker lernten sie vor allem Mangold, Palmkohl und Pastinake neu kennen.

Autor: Joachim Göres

Kompakt
Der Verein Ackerdemia unterstützt Schulklassen beim Gemüseanbau. Bislang haben 40 000 Schüler an dem von Ackerdemia entwickelten Programm teilgenommen, bei dem bis zu 30 Gemüsesorten unter freiem Himmel oder im Klassenzimmer angebaut werden. Bei einer Lehrerbefragung zu den Wirkungen sprechen jeweils rund 90 Prozent davon, dass Mädchen und Jungen mit Stolz und Begeisterung ihr eigenes Gemüse angebaut haben, sie dabei mindestens drei neue Sorten kennengelernt haben und sie seitdem mehr Wertschätzung für Lebensmittel zeigen.


Buchtipp:
Gesunde Ernährung ist thematischer Bestandteil aller Lehrpläne in Deutschland, angefangen im Sachunterricht der Grundschulen bis zur Biologie oder dem Fach Alltagskultur/Ernährung/Soziales an den weiterführenden Schulen. Materialien wie Niko Sachunterricht 3 für Grundschulen untersuchen z. B. die Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln und widmen sich unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten oder verschiedenen Obst- und Gemüsesorten. Weitere Informationen: https://www.klett.de/produkt/isbn/978-3-12-310604-0?searchQuery=310604


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