Klett-Themendienst Nr. 94 (09/2020)
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Sommerschulen in Zeiten von Corona: Das Elefant, das Hamster

Mit Sommerschulen Defizite aus der Zeit der Schulschließungen aufholen – unter diesem Motto standen in den diesjährigen Sommerferien die Angebote vieler Schulen, die sich speziell an diejenigen wendeten, die während des Corona-Lockdowns kaum Kontakt zu Lehrkräften hatten, auf einen Online-Unterricht technisch nicht vorbereitet und zu Hause alleine mit dem Unterrichtsstoff überfordert waren.

Bei den Angeboten gab es regional große Unterschiede: In Berlin hatten 11 500 Kinder und Jugendliche zwei bzw. drei Wochen an einer der mehr als 1000 Lerngruppen mit maximal acht Personen teilgenommen. Es richtete sich an Schülerinnen und Schüler der ersten, zweiten, siebenten, achten und neunten Klassen und konzentrierte sich auf Deutsch, Mathematik und die erste Fremdsprache. In Berlin konnten Klassenlehrerinnen und -lehrer die Teilnehmer vorschlagen oder Eltern ihre Kinder anmelden, die Teilnahme war freiwillig.

In Baden-Württemberg dagegen bedeutete eine Empfehlung durch die Schule, dass die Teilnahme an der Sommerschule jeweils drei Stunden täglich über zwei Wochen als erforderlich und verbindlich angesehen wurde. Geleitet wurden die dortigen Förderkurse von Pädagogen, die Höchstzahl pro Gruppe lag bei 20 Teilnehmern. Insgesamt wurden rund 2000 Teilnehmer an 54 Standorten gezählt. In Schleswig-Holstein nutzten 3830 der mehr als 365 000 Schülerinnen und Schüler die Angebote, 145 der 792 öffentlichen Schulen beteiligten sich daran. Vielfach lehnten Schulen bzw. Lehrkräfte die Teilnahme wegen der kurzen Vorbereitungszeit ab, zudem kritisierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Sommerschule als zusätzliche Belastung für Lehrerinnen und Lehrer.

Anders sah es in Hannover aus, wo bereits seit 2008 jährlich in den großen Ferien eine Sommerschule stattfindet. Geleitet werden die Kurse ausschließlich von Studierenden der Sonderpädagogik, die sich im Vorfeld in Uniseminaren auf ihre Rolle als eigenverantwortliche Lehrkräfte vorbereiten und für die die Sommerschule als Praktikum für das Studium zählt. „In den vergangenen Jahren haben nur integrierte Gesamtschulen daran teilgenommen, in diesem Jahr sind weitere Schulformen hinzugekommen“, sagt Rolf Werning, Professor am Institut für Sonderpädagogik der Uni Hannover. Er spricht von einer großen Motivation bei den 82 Studierenden, die die Sommerschulkurse in diesem Jahr leiteten.
Drei Jungen und vier Mädchen, die meisten aus der 6. Klasse, haben sich in der IGS Vahrenwald um neun Uhr bei den Studentinnen Jasmin Ernst und Mona Meyer eingefunden. Im Stuhlkreis erzählen sie kurz, wie es ihnen gerade geht – zwei Schüler haben kaum geschlafen und gähnen – danach wird Arche Noah gespielt: Mona Meyer nennt ein Tier mit dazugehörigem Artikel, das sie auf die Arche mitnimmt und die Jugendlichen müssen reihum ebenfalls ein Tier mit Artikel nennen. Die Schülerinnen und Schüler müssen dabei die Regel herausfinden, von der abhängt, ob das von ihnen genannte Tier mitgenommen wird oder nicht. Entscheidend dafür ist der Artikel, der bei diesem Rätsel geübt wird. Das Elefant, das Hamster – die Studentinnen müssen häufiger mal korrigieren.

Es folgt die schriftliche Division an der Tafel. 675 geteilt durch 5 – „weiß jemand, wie das geht?“, fragt Jasmin Ernst. Zwei Mädchen zeigen an der Tafel, dass sie das Prinzip verstanden haben, die anderen schweigen. Die Studentinnen teilen Arbeitsblätter mit Divisionsaufgaben aus, gehen rum und helfen, wenn nötig. Merle, die schnell fertig ist, bekommt etwas schwierigere Aufgaben. „Ich bin freiwillig hier, weil ich mich verbessern möchte“, sagt das Mädchen mit der Muttersprache Russisch. Nachdem alle ihre Zettel mit Namen abgegeben haben, wird Mathe-Bingo gespielt. 16 vorgegebene Zahlen werden in einen viereckigen Kasten an einer beliebigen Stelle eingetragen, danach sind Aufgaben wie 8 mal 3 oder 54 minus 5 zu lösen, in dem das richtige Ergebnis in dem Kasten markiert wird. Wer zuerst vier Zahlen in einer Reihe markiert hat, sagt Bingo. „Solche Aufgaben haben Grundschulniveau, doch vielen bereitet das Multiplizieren und das Dividieren Probleme. Bevor das nicht sitzt, brauchen wir nicht weitergehen. Bis zum Ende der Sommerschule werden wir nicht bis zum Stoff ihrer Klasse kommen“, sagt Jasmin Ernst. Bis zwölf Uhr wird in ruhiger Atmosphäre geübt, zuerst Mathe, dann Deutsch.

Erstmals mussten die Kinder und Jugendlichen in Hannover zu Beginn der dreiwöchigen Sommerschule einen Fragebogen ausfüllen, in dem sie entscheiden sollten, ob Sätze wie „Ich gehe gerne in die Schule“, „In meiner Klasse fühle ich mich allein“ oder „Schon der Gedanke an die Schule macht mir morgens schlechte Laune“ auf sie zutreffen oder nicht. Außerdem wurden vorab Mathematik-, Rechtschreib- und Lesetests durchgeführt, um den Leistungsstand zu ermitteln. Am Ende wurden ähnliche Tests durchgeführt. Master-Sonderpädagogikstudentin Janina Kleff leitete zusammen mit einer Kommilitonin eine Gruppe mit neun Sieben- und Achtklässlern, darunter niemand mit Deutsch als Muttersprache. Bei ihnen konnte in Mathe der größte Lernzuwachs festgestellt werden, vor allem bei Textaufgaben, halbschriftlicher Multiplikation und Zahlenstrahlaufgaben. Weiterhin Probleme machten das Kopfrechnen sowie das große Einmaleins. Auch beim Lesetest gab es signifikante Verbesserungen bei allen Teilnehmern. Dagegen blieben die Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung bestehen, vor allem in der Groß- und Kleinschreibung. „Es hat sich herausgestellt, dass sie viele Wörter nicht kennen und es ihnen schwerfällt, die Wortart festzustellen“, so Kleff.

Zum Abschluss lobten die Schülerinnen und Schüler vor allem die Ausflüge am Nachmittag zum Beispiel zum Zoo oder in einen Kletterpark. Auch die individuelle Förderung und das entspannte Auftreten der Leiterinnen wurde ausdrücklich erwähnt. Einige Teilnehmer äußerten bei der zweiten Befragung eine etwas positivere Einstellung zur Schule. Darauf setzt Kleff: „In den drei Wochen der Sommerschule kann man nicht die großen Defizite ausgleichen, die die meisten Teilnehmer hier haben, sie hinken manchmal mehrere Jahre hinter dem Niveau in ihrer Klasse hinterher. Aber die Erfahrung, dass wir uns in der Sommerschule um sie gekümmert und sie auch etwas verstanden haben, kann die Motivation für das neue Schuljahr erhöhen.“

Autor: Joachim Göres

Kompakt
Sommerschulen für schwächere Schülerinnen und Schüler sind nichts Neues, doch wegen der mehrwöchigen Schulschließungen als Folge der Corona-Pandemie wurden sie in diesem Jahr an mehr Orten denn je angeboten. Dabei gab es bei den Konzepten große Unterschiede. In Hannover wendet man sich seit vielen Jahren vor allem an 5. und 6. Klässler. Die Erfahrung zeigt, dass innerhalb von drei Wochen keine gravierenden Defizite in Deutsch und Mathematik ausgeglichen werden können, aber dass die Motivation zum Lernen bei vielen Kindern und Jugendlichen durch eine intensive Betreuung steigen kann.


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Artikel als PDF downloaden: KTD94_Sommerschulen (application/pdf 107.2 KB)


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