Klett-Themendienst Nr. 96 (12/2020)
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Problemfall Bildungssprache: Wirtschaft und Politik sprachsensibel vermitteln

Mit dem neuen Kernlehrplan 2020/21 startet an den Realschulen in Nordrhein-Westfalen das neue Fach Wirtschaft und Politik in Klasse 5. Für Raja Reble, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrbereich für Deutsch als Zweitsprache und fachintegrierte Sprachbildung am Germanistischen Seminar der Universität Kiel liegt eine Chance des Faches darin, mit sprachsensibel verfassten Texten das Interesse an Politik und Wirtschaft zu stärken.

Frau Reble, Sie unterscheiden Alltagssprache von Bildungssprache an einem Beispiel. Wenn sich zwei Schülerinnen über das Grundgesetz unterhalten, kann sich das so anhören: „Das ist so…in Deutschland…also im Grundgesetz steht, dass man sich vor Feinden…also Gegnern der Demokratie schützen darf.“ In einem Schultext könnte das dagegen so formuliert werden: „Das politische System der Bundesrepublik Deutschland wird vom Verfassungsgericht als wehrhafte Demokratie bezeichnet. In ihr wird die freiheitliche demokratische Grundordnung geschützt.“ Mit dieser Bildungssprache haben viele Schülerinnen und Schüler Probleme. Woran liegt das?

Bildungssprache ist im Gegensatz zur Alltagssprache auf Wort-, Satz und Textebene komplexer und verdichtet Informationen. Das fängt mit Fachwörtern an. Für Lehrkräfte ist klar, was sie mit Demokratie meinen. Kinder und Jugendliche verstehen abstrakte Begriffe dagegen oft nicht so differenziert oder sie haben ganz andere Vorstellungen davon, ohne dass darüber gesprochen wird. Weitere Merkmale der Bildungssprache sind beispielsweise lange und verschachtelte Sätze, eine unpersönliche Ausdrucksweise, passive Formulierungen, komplexe Attribute, viele Nominalisierungen. Das überfordert viele Schülerinnen und Schüler, denn diese sprachliche Variante unterscheidet sich von ihrem üblichen Sprachgebrauch. In den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern finden sich besonders viele komplexe Texte. Während in Politik viel mit schriftlichen Texten gearbeitet wird, werden bei Wirtschaftsthemen häufiger Tabellen und Grafiken eingesetzt, die Sprache ist formalisierter und es wird zum Beispiel mit Kausalketten gearbeitet. Diese verschiedenen Darstellungsformen können Kindern, die mit der Bildungssprache Probleme haben, dabei helfen, Fachinhalte zu erfassen. Für alle Fächer gilt, dass bestimmte sprachliche Kompetenzen nötig sind, um überhaupt Texte und Aufgaben richtig zu verstehen.

Worauf sollten Lehrkräfte achten?

Die Sprachentwicklung der Erstsprache ist mit dem Ende der Kindheit nicht abgeschlossen, vor allem Wortschatz, Satzbau und Textkompetenz entwickeln sich in der Sekundarstufe erheblich weiter. Erstklässler haben einen Wortschatz von 8000 bis 14 000 Wörtern, in der Oberstufe ist dieser Wortschatz auf 80 000 Wörter angewachsen. Wichtig ist, dass auch Fachlehrkräfte die sprachlichen Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler erkennen, sie systematisch an konkreten Beispielen trainieren und nicht sagen, dafür sei nur der Deutschunterricht zuständig. Sprachdiagnostik ist mittlerweile in vielen Bundesländern Teil des Lehramtsstudiums und auch an Schulen werden zu dem Thema Fortbildungen angeboten. Es gibt viele Möglichkeiten, die Schülerinnen und Schüler auch im Wirtschaft/Politik-Unterricht beim Erwerb der Bildungssprache zu unterstützen. Man kann darüber sprechen, welche Funktionen Konjunktionen haben, warum man den Konjunktiv gebraucht oder man lässt Wortlisten mit Fachbegriffen und ihrer Definition führen, um den Wortschatz zu erweitern. Das Mercator-Institut bietet online einen Methodenpool für sprachsensiblen Fachunterricht an. Hier finden sich viele Beispiele für die konkrete Umsetzung.

In Nordrhein-Westfalen werden Wirtschaft und Politik seit Kurzem gemeinsam in einem Fach unterrichtet, und zwar ab der 5. Klasse. Andere Bundesländer beginnen damit erst später. Werden in NRW die Fünftklässler überfordert?

Meiner Meinung nach kann man nicht früh genug mit politischer Bildung beginnen. Ein wichtiges Ziel schulischer Bildung ist, Schülerinnen und Schüler dazu zu befähigen, politische und wirtschaftliche Probleme kompetent zu beurteilen. Diese Fähigkeit ist eine Grundlage, um als Bürgerinnen und Bürger das öffentliche Leben aktiv mitzugestalten. Urteilsfähigkeit und Argumentieren kann man mit altersgerechten Themen schon in der Unterstufe fördern. Allerdings müssen sich Lehrkräfte klarmachen, dass es für junge Schülerinnen und Schüler noch nicht so einfach ist, neben ihrer eigenen Sicht auch eine andere Perspektive einzunehmen.

Wie wichtig sind dabei im Unterricht Beispiele aus der eigenen Lebenswelt?

Solche Beispiele sind grundsätzlich wichtig für die Motivation der Schülerinnen und Schüler. Die Auswahl der Themen sollte jedoch fachdidaktisch oder pädagogisch begründet werden. Sprachbildung wird erst bei der Unterrichtsplanung und -umsetzung relevant.

Sie sagen, dass sprachbildender Fachunterricht vor allem für Schülerinnen und Schüler wichtig ist, die Deutsch nicht als Muttersprache haben oder deren Familien nicht mit der Bildungssprache in Kontakt kommen. Warum?

Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache haben teilweise einen besonderen Sprachförderbedarf. Sie haben die doppelte Schwierigkeit, dass sie nicht nur die bildungs- und fachsprachlichen Hürden im Wirtschaft/Politik-Unterricht nehmen müssen, sondern gleichzeitig vielleicht noch mitten im Spracherwerb der deutschen Alltagssprache stecken. Durchschnittlich sind die sprachlichen Herausforderungen im Fachunterricht für DaZ-Schülerinnen und -Schüler noch größer als für die anderen. Auch Kinder, die über die Familie nicht mit Bildungssprache in Kontakt kommen, haben nur in der Schule die Chance, bildungssprachliche Kompetenzen zu erwerben. Eine bildungssprachliche Kompetenz in allen Fächern für alle Schülerinnen und Schüler aufzubauen ist wichtig, um herkunftsbedingte Ungerechtigkeit im Bildungssystem zu verringern.

Das Interview führte Joachim Göres

Zur Person
Raja Reble ist seit 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrbereich für Deutsch als Zweitsprache und fachintegrierte Sprachbildung am Germanistischen Seminar der Universität Kiel beschäftigt. Zuvor hat sie das 2. Staatsexamen für das Lehramt in den Fächern Deutsch und Wirtschaft/Politik an Gymnasien bestanden. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Diagnostik (bildungs)sprachlicher Kompetenzen, das Schreiben im Fachunterricht, die Textbeurteilung sowie die Sprachbildung in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. Sie hat an dem neuen Sprachförderheft starke Seiten Wirtschaft/Politik aus dem Ernst Klett Verlag mitgewirkt.

Kompakt
Die Beherrschung der Bildungssprache ist entscheidend für den schulischen Erfolg. Gerade im Fach Wirtschaft/Politik sind Schülerinnen und Schüler mit abstrakten Begriffen und komplexen Satzstrukturen konfrontiert, die sich ihnen oft nicht erschließen. Für Fachlehrkräfte ist es daher wichtig, die sprachlichen Kompetenzen ihrer Klassen zu erkennen und zu trainieren. Das neue Lehrwerk „starke Seiten Wirtschaft/Politik NRW“ setzt hier mit sprachsensibel verfassten Texten und einem eigenen Kopiervorlagenband für die Sprachbildung einen Schwerpunkt.


Buchtipp:
starke Seiten Wirtschaft/Politik ab Klasse 5 wurde neu für Realschulen in NRW entwickelt. Neben Podcasts und Erklärfilmen vermitteln sprachsensibel verfasste Texte und Aufgaben das ökonomische Handeln von privaten Haushalten und Unternehmen. Zum Lehrwerk gehört auch eine Kopiervorlagen-Sammlung mit Hintergrundwissen und sofort einsetzbaren Arbeitsblättern für den sprachsensiblen Fachunterricht.

Zum Produkt: https://www.klett.de/produkt/isbn/978-3-12-007344-4?searchQuery=007344


Artikel als PDF downloaden: KTD96_InterviewSprachfoederung_Wirtschaft (application/pdf 211.3 KB)


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