Klett-Themendienst Nr. 97 (02/2021)
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„Lehrkräfte sollten digitale Lehrmaterialien nicht selbst produzieren müssen“

Die Digitalisierung stellt Bildungsmedienverlage vor besondere Herausforderungen. Nicht nur gilt es, tausende Schülerinnen und Schüler mit sicheren, jederzeit zugänglichen und zukunftsorientierten Materialien zu versorgen, sondern auch darum, den Gleichtakt von Didaktik und technologischen Entwicklungen hinzubekommen. Ein Gespräch mit Verlagsleiter Dr. Ilas Körner-Wellershaus über veränderte Arbeitsprozesse, rechtliche Rahmenveränderungen, zukünftige Berufsfelder und die Herausforderungen der Digitalisierung beim Ernst Klett Verlag.

Die Digitalisierung von Schule ist ein langwieriger Prozess. Obwohl bereits viele innovative Lösungen am Markt existieren, behindern lange Entscheidungsverfahren, die fehlende Qualifizierung von Lehrkräften oder die Förderung staatlicher Angebote deren Nutzung an den Schulen. Welche Vision braucht ein Unternehmen wie der Ernst Klett Verlag vor diesem Hintergrund?

Mit den Schulschließungen haben wir gesehen, dass Lehrkräfte digitalen Medien für die Gestaltung von Lehr-Lernprozessen offen gegenüberstehen. Schule ist höchst komplex und im stetigen Wandel. Sprachschwierigkeiten, Heterogenität oder die Kompetenzförderung, das sind die Themen, mit denen sich die Lehrkräfte beschäftigen und die wir unterstützen. Digitale Technologien sollten hierbei nur als Werkzeuge und Hilfsmittel gesehen werden. So bescheiden ihre Funktion auf den ersten Blick anmutet, so folgenreich sind die Bedingungen für den Einsatz digitaler Technologien.

Digitalisierung geschieht nicht auf Knopfdruck, es braucht einen Plan für eine nachhaltige Entwicklung und die passenden Rahmenbedingungen. Das gilt für die Bildungspolitik, die Schulen aber auch für uns als Unternehmen. Unsere Vision lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Wir wollen alle Lehrkräfte mitnehmen, nicht nur die digitalen Vorreiter. Und wir entwickeln unsere Lehrwerkskonzepte für alle Medienformate und Unterrichtsstile beständig weiter.

"Wir müssen die Parallelität von analoger und digitaler Welt unterschiedlich bedienen und die Konzepte entsprechend weiterentwickeln, zum Teil auch hybride Wege beschreiten."

Welche Voraussetzungen muss der Verlag dafür bei sich schaffen?

Den Anforderungen der Digitalisierung kann ein privatwirtschaftliches Unternehmen nur gerecht werden, wenn die gesamte Organisation darauf ausgerichtet wird. Entscheidet man sich, den Weg zu gehen, dann sind gravierende Einschnitte in Prozesse und Investitionen erforderlich, die sich mitunter erst viel später auszahlen. Trotz dieses Risikos, die Umsätze mit digitalen Materialien liegt bei gegenwärtig unter 10%, haben wir uns vor mehreren Jahren dazu entschlossen, die gesamten Redaktionsabläufe, Herstellungsverfahren und Arbeitseinheiten umzukrempeln. Alles hängt mit allem zusammen und muss miteinander verknüpft werden. Ein enormer Kraftakt.

In Ihrem Verlag sind derzeitig etwa 18.000 Titel verfügbar. Welchen Herausforderungen sieht sich der Verlag bei diesen Größenordnungen gegenüber?

Nehmen wir ein Beispiel, z. B. den Arbeitsauftrag in einem Mathematiklehrwerk: „Zeichne einen Kreis“. Durch die Digitalisierung von Bildungsmedien stoßen wir schnell an unterrichtspraktische Grenzen, denn man muss sich doch entscheiden, ob dem handschriftlichen Zeichnen gegenüber dem digitalen Zeichnen der Vorzug gegeben werden soll. Hieran schließen sich Diskussionen, die nicht nur wir als Verlag führen müssen, sondern bei dem auch bei den Lehrplanverantwortlichen ein Konsens gefunden werden muss. Ein anderes Beispiel ist die Verschlagwortung von Texten, Aufgaben und Grafiken, da entstehen mitunter ganz neue Berufsfelder in den Redaktionen. Weniger sind es also die großen Zahlen, die uns beschäftigten, als vielmehr die vielen kleinen Fragen, die mit der Digitalisierung in Verbindung stehen.

"eBooks sind per se keine PDFs"

Bei der Digitalisierung der Verlagswelt denkt der Laie schnell an eBooks. Wäre es nicht einfach, alle Schulbücher als PDF anzubieten?

Die Umwandlung eines Schulbuches in ein PDF ist nicht nachhaltig und bietet keinen Mehrwert. Wir überlegen immer, wie das individuelle und kompetenzorientierte Lernen am besten unterstützt werden kann. Mit dem Einfluss der digitalen Technologien auf unsere Umwelt verschiebt sich zunehmend das Lernsetting bei den Schülern: Nicht das Wissen steht im Zentrum, sondern die Methodik, die sich pädagogischen Zwecken unterordnet. Das wird sich auch bei der Lehrwerkskonzeption immer stärker bemerkbar machen. Mit der zunehmenden Digitalisierung ist der Ausgangspunkt nicht mehr eine gestaltete Doppelseite mit Texten, Aufgaben und Bildern, die in der Regel eine Unterrichtsstunde abbildet. Vielmehr muss für den Content das passende Format gesucht werden, etwa als interaktive Übung, App, Erklärfilm oder als hybrides Arbeitsbuch mit Online-Anbindung.

Um nochmal auf das PDF zurückzukommen: Die Phase „Schulbuch als PDF“ hat in Deutschland kaum stattgefunden, die technologischen Weiter-Entwicklungen und die Mediendidaktik waren da eindeutig schneller. Im Grunde ist das Bildungssystem heute, gut 10 Jahre nach dem Start unserer ersten eBooks, noch nicht einmal für das Arbeiten damit ausgestattet. Schon längst bieten wir interaktive, adaptive Lernformate an. Wir sind kürzlich mit der jüngsten Generation an eBooks gestartet. Nach verschiedenen Vorgängerversionen wurde die digitale Version der Printprodukte um multimediale Module erweitert, die Online wie Offline funktionieren. Für uns ist klar: Entscheidend für die allermeisten Lehrkräfte ist ein vertrautes, lehrplankonformes Lehrwerkskonzept.

Was unterscheidet einen Bildungsverlag wie Klett im Wesentlichen von Verlagen, die Belletristik oder Zeitungen veröffentlichen?

Bildungsmedienverlage unterliegen weitaus komplexeren Anforderungen. Da sind zum einen die staatlichen Zulassungsstellen, die Kultusministerien, deren Lehrplanvorgaben die Lernmaterialien genügen müssen und da spielen auch politische und gesellschaftliche Anforderungen mit rein. Bildung ist ein öffentliches Gut, mit dem der Staat und wir verantwortlich umgehen müssen.

Rechtliche Rahmenbedingugen: Arbeitsmaterialien bearbeiten und teilen

Viele Lehrkräfte erstellen sich ihre digitalen Unterrichtsmaterialien selbst. Können Sie nachvollziehen, warum?

In Modulfächern wie Erdkunde, Deutsch, Geschichte oder Religion gibt es keine Progression, die thematisch abgearbeitet werden muss. Da bewegen sich die Lehrkräfte zwischen den Themen und wählen ihre Schwerpunkte selbst. In diesen Fächern gibt es die Tendenz, eher mal mit eigenen Arbeitsblättern und multimedialen Angeboten wie Erklärfilmen oder Experimenten zu arbeiten. Dieses Material selbst zu erstellen, erfordert allerdings einen hohen zeitlichen Aufwand. Von der rechtlichen Abklärung ganz zu schweigen. Lehrkräfte sollten dies nicht leisten müssen, dazu gibt es zu viele andere wichtige Aufgaben.

Gibt es denn von den Verlagen zu wenig Angebote in diese Richtung?

Nein, ganz und gar nicht. Nur liegen eben die meisten Druck-Materialien nicht in frei lizensierter Form vor. Da haben die Verlage rechtlich nur enge Möglichkeiten. Mit der Digitalisierung der Verlagsangebote ergibt sich ein etwas anderes Bild. In unseren Digitalen Unterrichtsassistenten oder den neuen eCourse ist das Lehrermaterial bereits digital integriert und kann einfach an die Schülerinnen und Schüler weitergegeben werden. Damit erhalten Lehrkräfte einen ganzen Kanon an multimedialen Materialien. Die Mediensammlungen enthalten Arbeitsblätter, Selbsteinschätzungs-Tests, Podcasts, interaktive Aufgaben, Experimente oder auch adaptive Lernfilme. Sie alle stehen damit rechtlich sauber zur Verfügung und können an die Lernenden weitergegeben werden.

"Es müssen übergreifende Standards auf institutioneller Ebene definiert werden"

Individuelle Förderung, Medienkompetenz oder Differenzierung sind die Legitimation für digitale Lernformen. Welche Hürden sehen Sie dennoch in der massenweisen Anwendung?

Sobald digitale Materialien individualisierbar sind, greifen datenschutzrechtliche Fragen, die bei Anmeldevorgängen beginnen, das Speichern von Passwörtern und die Sicherung von Lernständen betreffen. Das müssen wir alles gesetzeskonform und so einfach und neutral wie möglich halten. Bildungsmaterialien mit staatlicher Zulassung sind da enge Rahmen gesetzt. Von unserer Seite haben wir in Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern und unseren Teams Lösungen gefunden. Bei der momentanen Anzahl an Nutzern lässt sich das noch gut verwalten. Bei einer massenhaften Nutzung gelten andere Bedingungen, da müssen übergreifende Standards auf institutioneller Ebene definiert werden. Und vor allem möchten wir, dass pseudonymisierte Anmeldeprozesse aus den Lernsystemen der Schulen auf unsere Angebote ermöglicht werden. Vieles ist da noch nicht geklärt. Dazu kommt noch die Entwicklung unterschiedlicher Lernsysteme in den einzelnen Bundesländern, die vielfach noch am Anfang stehen.

Die Frage zum Schluss: Digitalisierung ist …

… nicht nur teuer, sondern macht auch vieles kompliziert. Aber wir sind auf einem guten Weg, breit aufgestellt und zeigen mit unseren jüngsten Entwicklungen, etwa den eCourse, wohin die Reise gehen wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Produktschnecke

Abb. Nicht immer ganz trennscharf: Analoge und Digitale Bildungsmedien

Kompakt
In Deutschland gibt es keine Vorgaben, ob gedruckte oder digitale Materialien im Unterricht eingesetzt werden, das obliegt i.d.R. den Schulen und ihren Medienentwicklungsplänen. Der Ernst Klett Verlag bietet gegenwärtig ca. 15.000 gedruckte, 3.000 digitale und 200 hybride Lehr-Lern-Materialien für allgemeinbildende Schulen in Deutschland an. http://www.klett.de/digital



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