Klett-Themendienst Nr. 97 (02/2021)
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Intelligent verzahnt: Hybride Lehrwerke

Bücher sind immer noch das Leitmedium für den Unterricht. Allerdings werden ihnen zunehmend digitale Ergänzungen an die Seite gestellt. Beide zusammen kommen als hybride Lehrwerke auf den Markt. Für den Erdkundeunterricht hat Andy Flaming ein Arbeitsbuch entwickelt, das das klassische Lernsetting umkehrt: Um die Aufgaben bearbeiten zu können, greifen die Lernenden auf das Basiswissen im eBook zurück. Der Autor erklärt, welche Chancen darin für den modernen Unterricht liegen.

Viele Erdkundelehrkräfte, aber auch Lehrerinnen und Lehrer anderer Nebenfächer, greifen immer seltener nur auf das klassische Schulbuch zurück. Sie ergänzen es mit digitalen Arbeitsblättern oder eBooks. Woran liegt das?  

Nach meiner Beobachtung gibt es zwei Gruppen von Lehrkräften. Die einen arbeiten lieber mit dem Schulbuch, weil es aus ihrer Sicht den Vorteil hat, dass sie gut erfassen können, welches Thema für welche Unterrichtsstunde vorgesehen ist. Häufig behandelt z. B. eine Doppelseite exakt das Thema einer Stunde. Dann weiß man, etwas vereinfacht gesagt: Am Ende des Buches bin ich mit dem Inhalt des Lehrplans durch. Die andere Gruppe bedient sich bei der Unterrichtsplanung stärker der digitalen Affinität der Schülerinnen und Schüler.

Was heißt das genau?

Schülerinnen und Schüler nutzen heute verstärkt das Internet, um sich schnell Hintergrundinformationen für die Bearbeitung von Aufgaben zu beschaffen. Das typische Lernsetting ist damit ein anderes, der Fokus liegt eher auf dem methodischen Arbeiten. Das kann man sich durchaus zu Nutze machen: Etwa in dem man Arbeitsblätter mit Aufgaben zur Verfügung stellt, deren Bearbeitung mit passenden Online-Quellen bearbeitet werden. Mit dem neuen „Arbeitsbuch Terra 1“, das eher an eine Sammlung aus Arbeits- und Informationsblättern erinnert, erhalten die Lerngruppe einen Freischaltcode für das passende eBook, das ihnen als digitales Nachschlagwerk bei der Bearbeitung hilft.   

„Dafür ist die Unterrichtszeit fast zu schade“

Stichwort Endgeräte. Unter dem Slogan „Bring your own device“ (BYOD) wird kontrovers darüber diskutiert, ob Smartphones, Laptops oder Tablets in der Schule eingesetzt werden sollen. Wie sehen Sie das?

Ich bin ein Freund davon. Die Kinder sind sowieso damit zugange, je nach Schulordnung mehr oder weniger intensiv. Und zur Recherche im Unterricht wird das Smartphone zumindest in den höheren Klassen ganz selbstverständlich eingesetzt. Aber bei der Nutzung von hybriden Lehrwerken muss das eBook ja nicht unbedingt in der Schule verwendet werden, viel besser können digitale Formate mit den Hausaufgaben verbunden werden. Es steht den Schülerinnen und Schülern dann frei, wie, wann und wo sie sich etwa ein Erklär-Video ansehen oder ein Musikstück anhören. Dafür ist die Unterrichtszeit fast zu schade.

Sie hatten zu Beginn gesagt, ein klassisches Schulbuch folgt dem Lehrplan. Dieser fungiert folglich als roter Faden der Unterrichtsplanung. Birgt die Kombination aus Schulbuch und eBook nicht die Gefahr, dass sich Lehrkräfte verzetteln, wenn die digitalen Angebote zu einem bestimmten Thema vielleicht besonders spektakulär und emotional sind?

Die Unterrichtsplanung ist tatsächlich eine andere. Ich fokussiere mich stärker auf das Wissenschaftspropädeutische Lernen der Schülerinnen und Schüler. Es geht mir um Mündigkeit und Orientierung, um Reflektion und damit um nachhaltiges Lernen. Meines Erachtens wird das zumindest in den Erdkundebüchern nicht 1:1 abgebildet. Beim Wissenschaftspropädeutischen Lehren, das ja von uns Lehrkräften auch erwartet wird, zielt der Unterricht  auf Forschungs- und Erkenntnisprozesse, die nach meiner Erfahrung gerade durch digitale Impulse angeregt und verstärkt werden können.

Ein Schokoriegel rast durch den Regenwald

Können Sie das an einem Beispiel illustrieren?

Mit meiner 7. Klasse behandele ich gerade die Landschaftszone tropischer Regenwald. Dazu gibt es ein Video von Greenpeace, in dem ein Schokoriegel durch den Regenwald rast und eine Spur der Verwüstung hinterlässt. Den kurzen Film, der nur 50 Sekunden dauert, nehme ich als Aufhänger und stelle etwa die Frage: „Was hat der Schokoriegel mit der Zerstörung des Regenwaldes zu tun?“. So kommen wir zu den Themen Palmöl, dem Stockwerkbau des Regenwaldes und dem kurzgeschlossenen Nährstoffkreislauf, der durch Brandrodung zerstört wird.

Mit diesem Video holen Sie die Kinder vielleicht auch da ab, wo sie stehen, wie es im „Pädagogen-Deutsch“ häufig heißt.

Unbedingt. Die Kinder sind so gesättigt von digital aufbereiteten Informationen, dass ihnen ein Schulbuch oder auch ein gut gemeinter älterer Dokumentar-Film nicht das bieten kann, was sie schon wissen. Vor kurzem erzählte mir ein Kollege, dass seine Schüler sich beschwert hätten, dass sie das, was er unterrichtet, schon längst kennen, und zwar viel spannender. Es geht also beim Unterricht viel mehr darum, Schülerinnen und Schülern Orientierungswissen an die Hand zu geben, sie zur Reflektion anzuleiten und ihren Erkenntnisprozess zu unterstützen. Die Forschungsaktivität der Schülerinnen und Schüler muss im Mittelpunkt unterrichtlichen Handelns stehen. Das ist mein roter Faden. Und natürlich orientiert sich dieser an den Inhalten des Lehrplans, aber nicht unbedingt so chronologisch wie im Schulbuch.
Kriterien, Verantwortung und Selbstwirksamkeit

Wie genau sieht bei Ihnen so ein forschungsaktiver Unterricht aus?

Diese Frage beantworte ich vielleicht ebenfalls besser mit einem Beispiel. In einer 10. Klasse geht es gerade um endogene Prozesse der Geologie. Die Schülerinnen und Schüler haben die Aufgabe, in Kleingruppen ein Erklär-Video herzustellen und die endogenen Prozesse zu erläutern, die zu Vulkanausbrüchen und Erdbeben führen. Dafür haben sie 6 Wochen Zeit. Wie es technisch geht, erfahren Sie durch die Methodenseiten im Arbeitsbuch. So ein Erklär-Video ist komplex. Es vereint viele Teilschritte und die Schülerinnen und Schüler didaktisieren den Inhalt selbst. Sie recherchieren den Sachverhalt, werfen Fragen auf, legen eine Video- und eine Tonspur an, erarbeiten sich das Storyboard, schreiben den Sprechertext u. s. w. Die Selbstwirksamkeit jedes einzelnen ist bei dieser Form des Arbeitens hoch; übrigens auch bei eher leistungsschwächeren Kindern.

Was bedeutet Ihr Vorgehen für Leistungserwartung, Feedback und Notengebung?

Die Kriterien werden vorher festgelegt und kommuniziert, die Verantwortung für den Prozess wechselt wöchentlich, damit niemand – wie es bei Gruppenarbeit manchmal zu beobachten ist – nur passiv dabei ist. Deshalb legt jede Gruppe ein Portfolio über ihr Arbeiten an, über Zuständigkeiten und die jeweiligen Aufgaben, die jeder von ihnen übernommen hat; sie beschreiben darin ihr Vorgehen und die Zwischenschritte, halten fest, was geklappt hat und wo es Probleme gibt. Der oder die Gruppenverantwortliche bespricht mit mir einmal die Woche den Fortschritt der Gruppenarbeit. Diese Gespräche und das Portfolio gehören zur Grundlage für mein Feedback und meine Bewertung. In die Note fließen dann sowohl der Prozess als auch das Ergebnis ein.  

Was meinen Sie: Hat das klassische Schulbuch ausgedient?

Nein, das denke ich nicht. Jedes Medium hat seinen eigenen Mehrwert. Man sollte sie nicht gegeneinander ausspielen, lieber intelligent verzahnen. Das ist aus meiner Sicht der große Vorteil von hybriden Lehrwerken und ihren Konsequenzen für modernen Unterricht.

Das Gespräch führte Inge Michels.

Kompakt
Viele Lehrkräfte im Fach Erdkunde/Geographie arbeiten mit eigens erstellten Lernmaterialien. Das liegt u.a. an dem Fach, in dem Unterrichtseinheiten inhaltlich nicht progressiv aufeinander aufbauen müssen. Mit dem Einfluss der digitalen Medien verschiebt sich zudem das Lernsetting bei den Schülern*innen: Nicht das Wissen steht im Mittelpunkt, sondern die Methodik. Verlage wie Klett entwickeln daher neue Konzepte, wie digitale Wissensspeicher und methodisches Lernen miteinander verzahnt werden können. Andy Flaming unterrichtet am Luisen-Gymnasium Hamburg-Bergedorf die Fächer Erdkunde und Sport in den Klassen 5 bis 12. Er ist Autor des neuen Arbeitsbuches „Terra Erdkunde 1, Arbeitsbuch plus eBook“.


Buchtipp:
Terra Erdkunde 1, Arbeitsbuch und eBook wurde für das Gymnasium in NRW, Klasse 5/6 konzipiert. Das Arbeitsbuch enthält Aufgaben, Trainings- und Forscherseiten zu fünf Themengebieten. Das notwendige Hintergrundwissen lässt sich im dazugehörigen eBook nachlesen. Codes führen punktgenau zu den entsprechenden Inhalten. Weitere Infos: https://www.klett.de/lehrwerk/terra-arbeitsbuch-mit-ebook-ausgabe-ab-2017/konzeption


Artikel als PDF downloaden: KTD91_Erdkundeunterricht_Flaming (application/pdf 853.3 KB)


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