Klett-Themendienst Nr. 98 (03/2021)
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Lernen auf Distanz: Kinder müssen Erfolge haben

Es war mitten im Lockdown 2020, als Wissenschaftler ganz unterschiedlicher Fachgebiete darauf hinwiesen, dass die Corona-Pandemie keine Ausnahme sei. Viren würden unsere Gesellschaft – und damit auch die Schulen – in Zukunft immer wieder vor große Herausforderungen stellen. Schulpsychologen geben Hinweise, wie Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler in solchen Zeiten motivieren und im Distanzunterricht unterstützen können.

Zunächst ein Blick in eine ganz normale Familie. Es ist Donnerstag, 10 Uhr, die Eltern arbeiten im Homeoffice, die 17jährige Meike hat Online-Unterricht. Plötzlich steht sie aufgebracht vor dem Schreibtisch ihr Mutter und sagt erregt: „Der Herr Müller verunsichert mich total! Ich habe ihn gerade gefragt, was in der Klausur in Bio dran kommt, und er hat gesagt, das wisse er noch nicht. Außerdem sei fraglich, ob wir überhaupt eine Klausur schreiben würden. Wir wissen noch nicht genau, wann wir wie oft in die Schule dürfen“. Die ehrgeizige Jugendliche guckt ihre Mutter verzweifelt an.
Kinder müssen Erfolge haben

Meike gehört nicht zu jenen Jugendlichen aus sozial schwächeren Verhältnissen, die laut der Ergebnisse der COPSY-Studie (Corona und Psyche, Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf) durch das Lernen auf Distanz auffällig stark beeinträchtigt sind. Aber gerade an diesem Beispiel lässt sich gut erkennen, dass in den Alltag der meisten Familien eine latente Verunsicherung Einzug gehalten hat, die irgendwie ausgehalten und bearbeitet werden muss.
Genau das beobachtet auch Matthias Bartscher, der sich nach vielen Jahren in leitender Tätigkeit bei der Stadt Hamm als Systemischer Berater selbstständig gemacht hat: „Das Distanzlernen ist für viele Kinder und Jugendliche eine riesengroße Herausforderung. Die daraus resultierenden Verunsicherungen sind nicht immer leicht greifbar. Da sollten Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler unbedingt positiv bestärken und die Bemühungen der Kinder würdigen. Gerade jetzt müssen Kinder Erfolge haben. Entscheidend für Erfolgserlebnisse ist, dass die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Kindes und seines familiären Umfeldes angepasst werden. Denn jede größere Überforderungssituation kann geleistete Entwicklungsarbeit zunichtemachen. Geschickte, motivierende Arbeitsaufträge helfen, Freude und Motivation zu wecken oder zu erhalten. Eine Lehrkraft erzählte mir zum Beispiel vor kurzem in einem Beratungsgespräch, dass sie begeistert war, wie ausgiebig und kreativ ihre Schülerinnen und Schüler Videos zum Thema Glück gedreht haben.“

Schulpsychologen beraten in Hotlines

Siegfried Hümmer, Leiter der Fachgruppe Schulberatung im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) bezeichnet gerade diese diffuse Verunsicherung sowie Ängste als die gravierenden Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie. Die Fachgruppe vertritt die Interessen der Beratungslehrkräfte und Schulpsychologen im BLLV und sorgt sich vor allem darum, dass viele Ratsuchende, die man in der Zeit des ersten Lockdowns noch gut beraten konnte, inzwischen nicht mehr erreicht werden; und dass, obwohl landesweit inzwischen einiges dafür getan wird, dass Eltern und Kinder unterstützt werden. In Bayern sind dabei auch qualifizierte Beratungslehrkräfte tätig.

„Durchhaltevermögen arg strapaziert“

Viele Schulpsychologische Beratungsstellen haben inzwischen spezielle Corona-Hotlines eingerichtet. Dazu gehört auch die Stadt Bonn. Sie unterstützt u. a. Lehrkräfte, wenn sie sich z. B. über das Wohl einzelner Kinder und Jugendlicher Sorgen machen. Zudem wird von der Familienberatungsstelle der Stadt eine Telefonsprechstunde für Jugendliche angeboten.

Jutta Bennecke ist im Amt für Kinder, Jugend und Familie Abteilungsleiterin der Psychologischen Beratungsstelle. Sie und ihre schulpsychologische Kollegin Helen Soetemann beobachten, dass sich die Jugendlichen in der Pandemie vermehrt selbst an die Schulpsychologie wenden. Die Jungen und Mädchen berichteten von Schulängsten, Einsamkeits- und Überforderungsgefühlen, depressiven Verstimmungen und Konzentrationsproblemen. Auch der Verlust der Tagesstruktur mache ihnen zu schaffen. Beim Blick auf die Lehrkräfte erkennen Bennecke und Soetemann, dass deren Durchhaltevermögen inzwischen arg strapaziert ist. Ihnen bleibe kaum mehr Zeit und Kraft für z.B. konzeptuelle Überlegungen.  

„Verabredungen am offenen Klassenfenster“

Welche Tipps können die beiden Beraterinnen bei der Stadt Bonn den Lehrkräften dennoch für den Umgang mit Schülerinnen und Schülern geben?  „Lehrkräfte sind gerade für die zu Hause wenig liebevoll unterstützten Kinder eine nicht zu unterschätzende Ressource. Es erfüllt uns mit Respekt, wie kreativ viele Lehrkräfte unter den gegebenen Einschränkungen werden. Eine Lehrerin berichtete uns von Verabredungen am offenen Klassenfenster, andere trafen sich zu Spaziergängen mit Schülerinnen und Schülern oder richteten offene Video-Pausenräume ein.“
In Bezug auf den Unterrichtsstoff raten die Fachfrauen dazu, darauf zu achten, den Schülerinnen und Schülern mehr Anleitungen und Erklärungen  – nicht nur Aufgaben  –  anzubieten. Bennecke und Soetemann empfehlen außerdem: „Es ist gut, wenn die Lehrkräfte sich die Zeit nehmen, auch mal über Dinge, die nichts mit dem Lehrplan zu tun haben, zu sprechen.“

Das Kriseninterventions- und -bewältigungsteam bayerischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen (KIBBS) geht hier noch weiter. Der Schlusssatz einer Anleitung zum Umgang mit Kindern in der Krise lautet:  „Übrigens: Auch in einer Krise darf gemeinsam gelacht werden!“

Alle Tipps für Lehrkräfte auf einen Blick

Lehrkräfte können
•    die Bemühungen ihrer Schülerinnen und Schüler würdigen und sie positiv bestärken,
•    ihnen Erfolgserlebnisse ermöglichen,
•    die Leistungsfähigkeit von Kind und Elternhaus berücksichtigen und Anforderungen daran anpassen,
•    beim Lernen auf Distanz besonderen Wert darauf legen, motivierende Arbeitsaufträge zu erteilen,
•    mehr Zeit für Erläuterungen verwenden,
•    kreativ sein: z. B. Verabredungen an ungewöhnlichen Orten treffen,
•    sich mehr als sonst als Vertrauensperson verstehen und Kindern und Jugendlichen Halt geben,
•    Anlässe der Freude und des Lachens ermöglichen.   

Autorin: Inge Michels



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