Pressemeldung
[22.04.2021]

Die Rolle des Englischunterrichts in einer digitalen Welt

Mit der Verbreitung digitaler Medien geht auch eine Verbreitung von Falschinformationen einher, die teilweise nur schwer zu widerlegen sind. Viele junge Menschen, vermeintliche Digital Natives, sind allerdings nicht in der Lage, zwischen verlässlichen Nachrichten und sog. „Fake News“ zu unterscheiden. Welche Rolle hierbei dem Englischunterricht zukommen kann, dazu hat Prof. Dr. Bärbel Diehr kürzlich auf dem virtuellen Klett Campus referiert.

Ich möchte Ihnen gerne vier Thesen für den Englischunterricht vorstellen, die sich auf die digitale Globalisierung beziehen. Sie haben auch Relevanz für andere Fächer wie Deutsch, Biologie oder Erdkunde und für die schulische Bildung im Allgemeinen.

These 1: Der Englischunterricht trägt eine besondere Verantwortung für die Fähigkeit zur Partizipation an globalen Diskursen.

Englisch ist im Internet die am meisten benutzte Sprache, ein globales Verständigungsmittel. Damit junge Menschen sich an globalen Diskursen beteiligen können, muss der Englischunterricht die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie englische Texte verstehen, auch manipulative und komplexe. Des Weiteren muss der Unterricht die Voraussetzungen dafür schaffen, dass junge Menschen englische Texte selbst produzieren können. Und in diesen Kommunikationsprozessen kommt ein breites Spektrum von Medien zum Einsatz.
Das Informations- und Deutungsangebot im Internet hat sich in den letzten Jahren so rasant vervielfältigt, dass junge Menschen Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren. Im Internet begegnen ihnen Hassbotschaften, Falschnachrichten und Verschwörungsdenken. 34% der 12-19jährigen Jugendlichen, die an der JIM Studie 2020 (Jugend, Information, Medien) teilnahmen, geben an, dass ihnen innerhalb eines Monats Fake News begegnet sind. Wahrscheinlich liegt die Zahl aber noch deutlich höher, denn diese Angaben stammen von denen, die sich der digitalen Desinformation schon bewusst sind. Daher lautet meine

These 2: Der Englischunterricht leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur kritischen Medienbildung in der digitalen Globalisierung.

Im Englischunterricht können Nachrichtenmeldungen aus der ganzen Welt, Tweets und auch Fake News auf Englisch eingesetzt werden. Das fördert das kritische Sprachbewusstsein und das kritische Denken. Dabei brauchen Schülerinnen und Schüler aber Hilfestellung. Das führt mich zu

These 3: Die digitalisierte Lebenswelt der Lernenden, ihre Kommunikationsgewohnheiten und ihre Diskursformen müssen in den Unterricht einbezogen werden.

Das gilt nicht nur für den Englischunterricht, sondern für alle Fächer. Die Tatsache, dass laut der JIM Studie 2020 94% der Jugendlichen ein eigenes Smartphone besitzen und dass 89% täglich online sind, bedeutet jedoch nicht, dass sie automatisch eine kritische Medienkompetenz entwickelt haben. Aktuelle Studien zeigen, dass Jugendliche Schwierigkeiten haben, die Zuverlässigkeit von Internetseiten einzuschätzen. Viele haben Probleme, Nachrichtenmeldungen von Werbung und Fakten von Meinungen zu unterscheiden. Darauf müssen Bildungssysteme reagieren, denn die digitalen Desinformationskampagnen, die wir seit 2016 vermehrt beobachten und die sich durch die sozialen Netzwerke verbreiten, stellen eine Gefahr für die kritische Meinungsbildung und für demokratische Strukturen dar.

In Finnland hat die Regierung auf diesen gestiegenen Bedarf an Informationskompetenz mit einer breiten Bildungskampagne reagiert. 2014 wurden daher Lehrkräfte, Bibliothekar:innen, Journalist:innen und Mitarbeiter:innen in der Jugendarbeit und in den Verbänden geschult. Anschließend wurde 2016 „information literacy“, also die Informationskompetenz, fächerübergreifend in die Lehrpläne integriert. Das wünsche ich mir auch für das deutsche Schulwesen und komme damit zum Abschluss mit meiner letzten

These 4: Die Entwicklung einer kritischen Diskursfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen erfordert eine abgestimmte Bildungsinitiative.

Der Text ist eine gekürzte Fassung des Vortrags vom 26.3.2021.

ZUR PERSON Prof. Dr. em. Bärbel Diehr war zuletzt tätig an der Bergischen Universität Wuppertal in der Didaktik des Englischen. Daneben ist sie Autorin zahlreicher Publikationen u.a. zum Bilingualen Unterricht, war viele Jahre in der Lehrerfortbildung tätig und hat Englisch an einem Gymnasium unterrichtet.


WEITERLESEN
Anregungen zur digitalen Kompetenzentwicklung im Englischunterricht bietet die aktuelle Publikation der Sektion Englisch aus der Klett Akademie. Sie ist hier abrufbar: https://www.klett.de/inhalt/digitalisierung-im-englischunterricht/digitalisierung-im-englischunterricht/37253

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