Pressemeldung
[12.01.2011]

Digitale Medien im Klassenzimmer

Interview mit Tilo Knoche, Geschäftsführer Ernst Klett Verlag GmbH

Wie stehen Sie zur Forderung eines forcierten Einsatzes digitaler Medien?

Die Diskussion um den Einsatz digitaler Medien im Klassenraum hat viele Facetten. Abhängig von Schulform, Alter der Schüler und Schulfach gibt es sehr unterschiedliche Chancen und Risiken beim Einsatz digitaler Medien. Unterscheiden muss man auch, ob ein digitales Medium zu Präsentationszwecken eingesetzt werden soll oder als Werkzeug für die Hand des Schülers konzipiert ist. Ohne die Dinge verkomplizieren zu wollen: Wir dürfen es uns hier in der Diskussion nicht zu einfach machen.

Die Frage nach dem Einsatz digitaler Medien an den Schulen ist berechtigt. Aber sie kann nicht Selbstzweck sein. Schulen in Deutschland stehen momentan vor vielen neuen, großen Anforderungen: Individualisierung, Erziehungsarbeit, die Schulung der Sozialkompetenzen unserer Schüler, Gewaltprävention, Inklusion, die im Moment inflationär erscheinende Welle der Schaffung neuer Schulformen für das untere und mittlere Bildungsniveau, die sehr begrenzte Finanzausstattung von Schule, das Thema der zunehmenden Diagnostik, die Vergleichbarkeit von Leistungen … Generell begrüßen wir deshalb alles, was Schule in die Lage versetzt, aktuell und auf der Höhe der Zeit zu sein. Digitale Medien können ihren Beitrag dazu leisten, aber es scheint uns auch sicher: Die Forcierung des Computereinsatzes löst wenige dieser Probleme automatisch.

Unsere Beobachtungen an den Schulen zeigen: Die technischen Voraussetzungen und das Know-How der Lehrerschaft sind sehr breit gefächert. Nicht immer sind digitale Medien deshalb automatisch eine Entlastung und Unterstützung der Lehrer. Wichtig bei der Forderung nach digitalen Medien ist deshalb auch die Forderung nach einer intensiven Weiterbildung und Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer. Dabei geht es nicht nur darum, Lehrkräfte in der Benutzung von digitalen Medien zu unterweisen, sondern vor allem auch darum, ihnen Mittel für die didaktische Entscheidung über einen bewussten Einsatz oder Nicht-Einsatz an die Hand zu geben.

Wo liegen die größten Herausforderungen für die Verlage?

Das gedruckte Schulbuch ist beim Ernst Klett Verlag in eine so genannte Titelfamilie, also eine „Schulbuchreihe“, eingebunden. Das heißt, wir bieten zum Buch viele weitere Produkte und Dienstleistungen an. Bei unseren aktuelleren Titeln ist ein Großteil davon natürlich digital: Die Bandbreite reicht von Diagnoseportalen über Präsentationsmaterialien für Whiteboards und Beamer bis zu dynamischer Mathematiksoftware. Wir bieten Lernsoftware für ein gezieltes Trainieren oder Film und Audiomaterialien in allen möglichen Formaten für den Fremdsprachenunterricht. Oft bieten wir einen und denselben Inhalt in unterschiedlichen Medienformaten unterschiedlich aufbereitet an. So können technisch gut ausgestattete Schulen diese im Unterricht digital nutzen, weniger gut ausgestattete Schulen dagegen klassisch.

Schule benötigt Ressourcen für werthaltige digitale Inhalte. In der Vergangenheit haben wir Verlage vielfach beobachtet, dass einmalig Geld in Hardware investiert wurde, beim Inhalt und bei der Pflege der Hardware vielen Schulen dann aber die Mittel ausgingen. Das greift zu kurz. Einmalige Investitionen in Technologien in Klassenräumen halten wir für problematisch, denn Digitaltechnik bleibt nachhaltig investiv. Man könnte sogar sagen, dass jede Investition in Technik im Klassenraum eine Quelle neuer Investitionen sein wird … und das muss allen Beteiligten klar sein.

Eine weitere wichtige Investition ist die in die Fortbildung der Lehrkräfte, die mit der Technik vielfach neue Herausforderungen erleben. Das ist übrigens nicht nur eine Generationenfrage, wie fälschlicher Weise oft gesagt wird.

Sollten alle Unterrichtsräume mit Whiteboards ausgestattet sein ...

Pauschale Aussagen dieser Art finden wir problematisch. Ich besuche regelmäßig Schulen und habe auch schon erlebt, dass nach einer flächendeckenden Whiteoardausstattung doch wieder Tafeln angebracht wurden … aus Gründen der Zeitökonomie, der Laufsicherheit, oder einfach der Flexibilität von Kreide auf einer Tafel. Die Frage nur nach dem Medium greift zu kurz. Im Mittelpunkt muss die bestmögliche Unterstützung von Lernprozessen stehen. Sicher wäre es schön, wenn alle Lehrer an ihrer Schule bei Bedarf auch auf Whiteboards zurückgreifen könnten.

... und mit Laptops?

Hier muss es eine klare Differenzierung zwischen Schule und „zu Hause“ geben. Schule ist ein Ort des aktiven Austauschs zwischen Schülern, Lerngruppen und Lehrern. Nie war soziales Lernen, der sprachliche Austausch zwischen allen an Schule Beteiligten so wichtig wie heute. Sicherlich gibt es Phasen, in denen der Umgang mit dem PC – worunter ich auch Tablets oder jede andere Generation von IT fassen würde – sinnvoll ist.

Oftmals sind es aber nach unserer Recherche die profanen Dinge, zum Beispiel die einfache Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation, die die Schüler nicht beherrschen und in der Schule üben sollten. Als „einfachste Anwendungen“ bezeichnet, tauchen diese wenig spektakulären Dinge in der Diskussion um digitale Medien aber kaum auf. Stattdessen zielt die Diskussion stark in die Richtung „Integrierter Lernumgebungen“. Dahinter steht der Gedanke, dass ein Unterricht ganz oder teilweise ohne Lehrer möglich ist. Das halten wir für einen schweren Irrtum. Keine Technik kann individuelle Zuweisungen, Aufmunterungen und Hilfen geben, gezielt Unterstützungen anbieten, Schüleraussagen interpretieren, Aufträge und Nachfragen ersetzen. Wenn wir Schule als „Überträger von Fachwissen in Schülerköpfe“ verstehen und nicht über das in den Lehrplänen geforderten Thema des Kompetenzerwerbs und der Schülerqualifikationen nachdenken, werden uns digitale Medien allein nicht voranbringen.

Sind E-Books die Zukunft der Schulbücher?

Sie können sicher sein, dass der Ernst Klett Verlag digitale Schulbücher (E-Books) bereithält und diese für einen Einsatz in Schule flächendeckend anbieten wird, wenn es einen Markt dafür gibt. Prototypen sind bereits heute im Einsatz und deren Nutzung wird von uns aufmerksam beobachtet und begleitet. Wir können uns sehr gut Medien vorstellen, die ein mehrkanaliges Lernen ermöglichen, eine hohe Aktualität besitzen und regelmäßig angepasst werden könnten.

Momentan gibt es diesen Markt nicht. Denn ein E-Book bedeutet für Schüler und Lehrer auch eine Mehrbelastung. Zum Vergleich: Ein Buch ist in zehn Sekunden aus der Tasche geholt, auf dem Tisch aufgeschlagen und einsatzbereit. Es funktioniert ohne Netz, Strom … Niemand hat sein Netzteil oder Passwort vergessen. Alle haben das gleiche Betriebssystem, die gleiche Ausgabe vor sich.

Wir sprechen zu viel über das, was man mit der Technik alles machen kann und zu wenig darüber, wo uns Technik wirklich helfen, unterstützen und entlasten kann. Das sage ich nicht nur als Geschäftsführer eines Bildungsverlages, sondern auch als Vater zweier Töchter.