Simulation globale
Einleitung
Warum und wozu eine simulation globale?
Daniela Caspari
- Simulations globales versetzen Schüler*innen in eine andere Welt – ohne dass sie dafür das Klassenzimmer verlassen müssen.
- Simulations globales bieten „kommunikative Ernstfälle“ – die Schüler*innen müssen auf Französisch sprachlich handeln – und erleben, dass es gelingt.
- In simulations globales gestalten die Schüler*innen gemeinsam eine Welt (z. B. ein immeuble bzw. eine colocation, eine colonie de vacances oder einen club), in der sie als von ihnen geschaffene französischsprachige Identitäten agieren. Diese Welt erleben sie als Schutzraum, in dem sie sich mehr (zu)trauen als in der Klassenzimmerrealität.
- Die Handlung der simulations wird durch eine Reihe unterschiedlicher Sprech- und Schreibanlässe vorangetrieben, z. B. das Verfassen von und Antworten auf annonces, den Austausch von petits secrets oder die Bewältigung einer semaine de crise. Die Sprech- und Schreibanlässe enthalten zahlreiche Möglichkeiten zur Differenzierung.
- Für Schüler*innen, die nicht mitspielen möchten, gibt es Helfer-Rollen, z. B. assistant(e)s, accessoiristes, chroniqueurs/-queuses.
- Die Lehrperson agiert als Spielleiter*in vor allem im Hintergrund, kann aber – z. B. durch die auch spontane Übernahme einer Rolle (im immeuble z. B. als concierge) – jederzeit eingreifen.
- Die Länge einer simulation ist variabel, von einigen Stunden bis zu mehreren Wochen, sie kann auch in Begleitung des Lehrwerkunterrichts (z. B. eine Stunde pro Woche) durchgeführt werden. Oft erfinden die Schüler*innen selbst weitere Handlungsideen (incidents).
- In eine simulation können mündliche und schriftliche Prüfungsaufgaben / Klassenarbeiten integriert werden.
Die Potenziale der Methode simulation globale
Daniela Caspari
Die ersten simulations globales entstanden bereits in den 1970er Jahren für den Erwachsenenunterricht. Seitdem sind eine Reihe unterschiedlicher simulations für unterschiedliche Lerneralter und Schulformen entstanden, zu denen eine Reihe begeisterter Erfahrungsberichte vorliegen.
Kern jeder simulation globale ist die gemeinsame Gestaltung einer Welt, in der die Schüler*innen als von ihnen selbst geschaffene französischsprachige Identitäten agieren. Für die Gestaltung der Welt wird i.d.R. ein nach außen begrenzter Ort vorgegeben, z. B. ein Wohnhaus (L’immeuble) oder eine Wohngemeinschaft (colocation), eine Insel (île) oder ein Campingplatz. Alternativ kann eine gemeinsame Aktivität den Handlungsrahmen für die simulation schaffen, z. B. ein Freiwilligenprojekt. Der Lernort wird so von den Schüler*innen meist wirklich als authentisch wahrgenommen
Die Handlung der simulation wird durch verschiedene Aufgaben und Vorfälle (incidents) vorangetrieben, in denen die Schüler*innen miteinander mündlich oder schriftlich in der Fremdsprache agieren. Üblicherweise wird die simulation durch eine gemeinsame Aktivität wie ein Abschiedsessen, ein Abschlussfest oder ein Wiedersehen nach 10 Jahren beendet. Der Motivationsfaktor ist bei der simulation globale meist hoch – nicht zuletzt durch diese authentischen Feiern.
Typischer Verlauf einer simulation globale
| planter le décor | faire vivre le lieu | incidents |
| habiter le décor | échanges | interactions |
| meubler le décor | épilogue |

Abbildung aus: MAAK, Diana (2011): "Geschützt im Mantel eines Anderen" – Die "globale Simulation" als Methode im DaF-Unterricht. In: Informationen Deutsch als Fremdsprache 38/2011/5: 551-565.
Typische Aktivitäten und Ereignisse in einer simulation globale
- Erstellen der eigenen Identität mit für das Spiel relevanten Eigenschaften (z. B. Name, Alter, Aussehen, Kleidung, Hobbys, Musikgeschmack, Vorlieben und Abneigungen, Haustiere)
- Ausgestaltung des Ortes mit für das Spiel relevanten Objekten (z. B. Möbel, Pflanzen, Dekoration, Geräte)
- gegenseitiges Kennenlernen
- Planung und Durchführung von Rollenspielen (z. B. zufällige Treffen im Treppenhaus, Streit über nächtlichen Lärm, Einigung über neuen WG-Bewohner)
- Verfassen von schriftlichen Dokumenten (z. B. Suchen-Finden-Annoncen, Hausordnung, Beschwerdebrief, Textnachrichten, Posts, Artikel, Plakat, Gestaltung einer Webseite)
- Planung von Aktivitäten (z. B. Hausfest, Drehen eines Films, Erstellen eines Musikvideos
Besondere Potenziale einer simulation globale
Simulations globales ermöglichen durch die Schaffung einer fiktiven französischsprachigen Welt einen Rahmen für zahlreiche authentische, d. h. der Logik des jeweiligen Spiels entsprechenden, Aktivitäten und Interaktionssituationen. Die Schüler*innen lassen sich dabei erfahrungsgemäß mit viel Motivation auf das sprachliche Ausprobieren ein.
Die Schüler*innen handeln jeweils im Schutz der von ihnen selbst gewählten Identität. Dadurch, dass sie selbst entscheiden, inwieweit sie ihre eigene Persönlichkeit in die fiktiven Identitäten einfließen lassen bzw. inwieweit sie sich bewusst eine ganz andere Identität geben, ermöglicht ihnen die simulations , anders als im regulären Unterricht, nicht als „sie selbst“ zu agieren. Dies fördert in der Regel Mut und Selbstvertrauen, die Fremdsprache zu gebrauchen. Und es fördert den Wunsch, sich die für die Rolle und die jeweilige Situation passenden sprachlichen Mittel anzueignen.
In den klassischen Varianten der simulation globale entstehen Kohärenz und Dynamik des Spiels durch die für den jeweiligen Ort typischen Aktivitäten. Dies ist bei der Variante "Rue Vollon" der Fall. Bei der Variante "Entraide" entstehen sie durch das simulierte Projekt der Nachbarschaftshilfe selbst. Damit steht die simulation in ihrer Konzeption einer komplexen Lernaufgabe nahe. Während die klassische simulation durch eine Vielzahl von incidents theoretisch unendlich lange dauern kann und i.d.R. durch ein Ereignis (wie ein Abschlussfest oder das Ende der Ferien) beendet wird, ist die aufgabenorientierte simulation in ihren einzelnen Etappen gezielt auf das zuvor definierte Ziel (tâche finale) hin ausgerichtet. In diesem Beispiel berichten die Schüler*innen auf einer Webseite über ihre Erlebnisse bei der Nachbarschaftshilfe.
Die meisten simulations sind lehrwerksunabhängig. Es ist aber auch möglich, eine simulation entlang der einzelnen Episoden eines Lehrwerks zu gestalten und sie in einzelnen Stunden während des Schuljahres durchzuführen (vgl. Sippel 2003). Die hier vorgeschlagene simulation „Entraide“ ist als Anschlussaufgabe an eine Lehrwerkslektion (Découvertes 2020, Bd. 3, Unité 3) konzipiert.
Der Zeitbedarf einer simulation hängt auch immer davon ab, ob die Schüler*innen dabei primär auf ihnen bereits bekannte kommunikative Kompetenzen zurückgreifen und sie anwenden können, oder ob für die einzelnen incidents bzw. Etappen neue sprachliche Mittel erworben bzw. Teilkompetenzen zunächst eingeübt werden müssen (dies verlangt ähnlich wie in Lernaufgaben entsprechende Übungsschleifen). Für eine simulation spricht trotz des zunächst oft hoch erscheinenden Zeitaufwandes, dass es eine für Lehrer*innen wie Schüler*innen vergleichsweise unaufwändige Methode ist, um das zentrale Ziel des Fremdsprachenunterrichts zu erreichen, nämlich in der Fremdsprache nicht nur punktuell, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg, zielbezogen kommunikativ zu handeln.
Auswahlbibliographie zur simulation globale
- Bechtel, Mark; Fischer, Grégoire & Obermeier, Julia (2012): Freies Sprechen in einer aufgabenorientierten simulation globale: ein Unterrichtsprojekt. Französisch heute 43: 3, 116-123.
- Caré, Jean-Marc (1992): Qu'est-ce qu'une simulation globale? Le Français dans le monde 252, 48-56.
- Caré, Jean-Marc (1993): Le Village: Une Simulation globale pour débutants. Le Français dans le monde 261, 48-57.
- Debyser, Francis & Yaiche, Francis (1996). L’immeuble. Paris: Hachette
- Funck, Luise; Henze, Hannah; Gutenberg, Maite & Schröter, Laura-Joanna (2021): Französisch lernen in einer virtuellen Globalen Simulation. On. Lernen in der digitalen Welt 7, 32-35.
- Hinz, Markus (2010): Das „Sprachdorf“ – projektorientierte Freiarbeit. Der Fremdsprachliche Unterricht Spanisch 8: 28, 20-27.
- Küster, Lutz (2010): Simulation globale „Un camp de vacances international“ (Niveau A2/B1). In: Leupold, Eynar & Krämer, Ulrich (Hrsg.): Französischunterricht als Ort interkulturellen Lernens. Seelze: Klett Kallmeyer, 90-94.
- Maak, Diana (2011): »Geschützt im Mantel eines Anderen« – Die globale Simulation als Methode im DaF-Unterricht. Informationen Deutsch als Fremdsprache 38: 5, 551-565.
- Mertens, Jürgen (2025): Simulation globale. In: C. Surkamp (Hrsg.): Metzler Lexikon Fremdsprachendidaktik. Ansätze - Methoden - Grundbegriffe. Stuttgart, 417-418.
- Sippel, Vera & Wagner, Heike (2001): Nous déménageons dans la rue Daguerre... Die simulation globale als integrale Ergänzung zur Lehrwerkarbeit im Anfangsunterricht. Französisch heute 32: 1, 79-88.
- Sippel, Vera (2003): Ganzheitliches Lernen im Rahmen der „simulation globale“. Grundlagen - Erfahrungen - Anregungen. Tübingen: Narr.
- Schröter, Laura-Joanna (2022): Förderung von Mehrsprachigkeit im Rahmen einer simulation globale und forschendes Lernen im Lehramtsstudium Französisch. In: C. Koch & M. Rückl (Hrsg.): Au carrefour de langues et de cultures: Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität im Französischunterricht. Stuttgart: ibidiem, 175-190.
- Surkamp, Carola (2008): Simulationen. Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch 42 (95), 12–13.
- Yaiche, Francis (1994): Les Simulations Globales. Principes et domaines d’application des simulations globales. Der Fremdsprachliche Unterricht Französisch 1994: 2, 39-42.