Digitalisierung im Spanischunterricht

Autor: Prof. Dr. Andreas Grünewald

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Digitalisierung führt zur Neuakzentuierung von Inhalten im Fremdsprachenunterricht

Kein fremdsprachliches Lehrwerk kommt ohne Übungen und Wortschatz zum Thema „Nach dem Weg fragen“ oder „Wegbeschreibung“ aus. Dabei werden chunks gelernt, Ordnungszahlen eingeführt und spezifische Lexik vermittelt. Doch wie wahrscheinlich ist es noch, dass Schülerinnen und Schüler eine Wegbeschreibung einholen? Wir nutzen wahrscheinlich alle Apps oder Karten, die sogar mithilfe von Sprachsteuerung zu jedem beliebigen Ort führen – egal, ob im Auto, zu Fuß, auf dem Fahrrad oder im ÖPNV. Diese Nutzung hat sich durchgesetzt, weil sie unkompliziert und kostenlos ist. Sie stellt damit jedoch die als Teil der außerschulischen Lebensrealität vermutete Kommunikationssituation „Wegbeschreibung“ in Frage.

Ebenso verhält es sich mit der  Teilkompetenz „Sprachmittlung“. Diese Teilkompetenz, noch gar nicht so lange im Fokus der Fremdsprachenvermittler, wird meist ebenfalls als nah an der Lebensrealität der Lernenden beschrieben und in entsprechende Kommunikationssituationen eingebettet: Da muss entweder für die nicht Spanisch sprechenden Eltern auf dem Campingplatz gemittelt werden oder die Freundin/der Freund braucht dringend eine schnelle Übersicht zu einer spezifischen Textart (Mietvertrag, E-Mail usw.). Das erledigen jedoch inzwischen Übersetzungsplattformen wie z. B. DeepL für schriftliche Texte und Apps wie z. B. Google Übersetzer für mündliche Texte schnell und erstaunlich erfolgreich. Auch in diesem Fall wird die bisher als realistisch angenommene Sprachmittlungssituation durch die Digitalisierung zunehmend in Frage gestellt.

Implikationen für den Spanischunterricht

Wenn das Leitziel des modernen Fremdsprachenunterrichts die kommunikative Kompetenz ist, die künstliche Intelligenz aber Werkzeuge bereitstellt, die eine basale Kommunikationsfähigkeit ermöglichen, dann müssen die Ziele im Fremdsprachenunterricht neu akzentuiert werden. Spracherkennung und automatisierte Übersetzungen sind im digitalen Raum fest etabliert. Dies wird sicher auch den schulischen Fremdsprachenunterricht verändern: Der schulische Fremdsprachenunterricht muss also anderes leisten als die Vermittlung basaler Kommunikationsfähigkeit in der Zielsprache.
Für die zweite und insbesondere die dritte Fremdsprache ist allerdings selbst die Vermittlung basaler Kommunikationsfähigkeit in vielen Schulformen ein ambitioniertes Ziel. Geht man also davon aus, dass die künstliche Intelligenz in Zukunft immer wirkungsvollere Instrumente zur Überwindung von Sprachbarrieren bereitstellt, ist es eine Aufgabe des Fremdsprachenunterrichts (zumindest der zweiten und dritten Fremdsprachen), die Verwendung der Technologien zu üben, die die Kommunikation in der Fremdsprache zwar (noch) nicht ganz übernehmen, aber zumindest stark vereinfachen können. Dazu gehört beispielsweise die reflektierte Nutzung von Übersetzungsprogrammen wie DeepL, iTranslate usw.

Außerdem wird der Fremdsprachenunterricht die Inhalte und Ziele fokussieren, die durch die technologischen Hilfsmittel nur unzureichend abgedeckt sind, denn Sprache ist weit mehr als ein Verständigungsmittel. Zwar werden Spracherkennung und Übersetzungssoftware vieles übernehmen; sie werden fremdsprachliche Kommunikation aber immer nur als Zeichenübertragung umsetzen können. Sie werden nicht ersetzen können, was menschliche Kommunikation ausmacht: zwischenmenschliche Nähe, Einbezug nonverbaler Zeichen in den Verstehensprozess der mündlichen Kommunikation, Einfluss von Emotionen oder kulturellen Hintergründen usw. Damit rückt die Vermittlung interkultureller Kompetenzen noch mehr in den Mittelpunkt – darunter die Anbahnung von Perspektivenwechsel und der Nachvollzug der kulturellen Einbettung des Kommunikationspartners. Affektive und emotionale Aspekte der Kommunikation gewinnen ebenso wie landeskundliches Wissen an Bedeutung.

Im Fremdsprachenunterricht müssen die Fähigkeiten vermittelt werden, die es den Schülerinnen und Schülern erlauben, den kulturellen Hintergrund des Gesprächspartners einzuschätzen und diesen sowie kontextuelles Wissen um die Gesprächssituation in den Verstehensprozess mit einzubeziehen.

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