Text- und Medienkompetenz

Autor: Dr. Burkhard Pohl

Kompetenzbereich Text- und Medienkompetenz
Bei der Text- und Medienkompetenz ist der Beitrag der Digitalisierung eher auf methodischer Ebene zu sehen. Wir beziehen uns dabei auf die methodische und textanalytische Dimension des „Umgangs mit Texten und Medien“, die von der im Orientierungsrahmen Medien entwickelten Querschnittskompetenz Medien zu unterscheiden ist.

Textrezeption
Größter Vorteil der Digitalisierung ist hier der erleichterte Zugang zu paratextuellem Material, zuweilen auch zum Originaltext. Textrezeption und Quellensuche, z. B. unter Berücksichtigung des Urheberrechts, lassen sich somit leichter in die Hände der Lernenden geben. Diese recherchieren Fachrezensionen und Fankritiken, sei es in schriftlicher Form oder als Vlog, oder kontextuelle Informationen (z. B. zur guerra del agua im Film También la lluvia). Kulturspezifischen Hinweisen und Konnotationen können die Lernenden mit angemessener Unterstützung auf die Spur kommen, um z. B. die Bedeutung zeithistorischer und topografischer Anspielungen zu erfassen (Cochabamba, 2000).
Der Lehrkraft kommt dabei die Aufgabe des gatekeepers zu, und zwar im Sinne der Kompetenzschulung zu fundierter Internetrecherche und zu kritischer Text- und Medienkompetenz.
Je nach Kompetenzstand der Lernenden steuert die Lehrkraft dabei lediglich die Internetrecherche oder aber sie gibt die Quellen komplett vor, um eine allzu unkritische, allein durch die Suchmaschine gesteuerte Recherche zu unterbinden.
Umgekehrt können gerade unzuverlässige Rezeptionsdokumente einen Anlass zur medienkritischen Reflexion bieten. Ein Beispiel hierfür ist der Vergleich verschiedener Sprachversionen in einer Online-Enzyklopädie zu Schlüsselbegriffen der politischen Gegenwart in Spanien (Abendroth-Timmer u. a. 2017: 16 f.).
Im Netz zugängliche Primärquellen bieten naturgemäß ebenfalls eine deutliche Entlastung der Unterrichtspraxis und -vorbereitung. Zur Begleitung des Leseprozesses lassen sich mithilfe bestimmter Tools (z. B. BookCreator) Lesetagebücher oder Mindmaps erstellen.
Auch Visualisierungen von Figurenkonstellationen lassen sich mit entsprechenden Tools erstellen.
Die explizite Textanalyse – ob bei gedruckten oder online verfügbaren Primärtexten – bedarf nicht notwendigerweise der digitalen Technik. Zur Strategieschulung des Leseverstehens – Markieren, Exzerpieren, Annotieren – erscheint es gar unumgänglich oder zumindest ratsam, auch analoge Textausgaben heranzuziehen.
Nichtsdestotrotz greift auch der Literaturunterricht vermehrt auf digitale Ressourcen zurück. Ein mittlerweile gängiges Tool zur Visualisierung und Archivierung stellt z. B. die virtuelle Pinnwand Padlet dar. Die Anwendung bietet die Möglichkeit, im dezentralen Fernlernen Arbeitsergebnisse kooperativ zu sammeln und zu clustern, zu kommentieren und dauerhaft zu speichern. Als Beispiel hierfür kann das von Annette Kolbe vorgestellte Padlet für die Literaturanalyse in der Oberstufe dienen (No299 2020).
Der Film seinerseits ermöglicht erst durch die Digitalisierung eine wirklich intensive, schülerorientierte Rezeption: Filmprotokolle und andere analytische Verfahren bedürfen der häufigen Sichtung, was das digitale Format problemlos möglich macht – wobei die Vorteile des Videostreams gegenüber Video und DVD eher in der reduzierten Apparatur liegen (vgl. hierzu auch „Hörverstehen und Hörsehverstehen“).

Textproduktion
Bei schriftlicher Textproduktion bieten die digitalen Apps Erweiterungen des Schreibprozesses und der Präsentationsform. Insbesondere die Medienverknüpfung von Schrift, Ton und Bild lässt sich wie bei der expliziten Analyse auch für kreative Produkte nutzen. Ein Tool wie z. B. Thinglink macht die hypertextuelle Erweiterung zum Darstellungsprinzip und ermöglicht so komplexe intermediale Produkte, wenn die Lernenden einer Illustration über Zugriffspunkte ergänzende Informationen, Quellenverweise oder Aufgaben für die Lerngruppe hinzufügen.
Zur Unterstützung der Textproduktion dienen Tutorials, Textkorrekturprogramme oder Online-Wörterbücher. Übersetzungsprogramme der neuesten Generation stellen zugleich eine didaktische Herausforderung dar. Hier bedarf es noch weiterer Ansätze, um die vorhandenen Tools sinnvoll in den Unterricht einzubeziehen – etwa zur Selbstkorrektur der Lernenden oder zum Übersetzungsvergleich mit Schulung der Sprachbewusstheit.
Für szenische Verfahren liefert die Digitalisierung eine Erweiterung des Repertoires, z. B. für die Aufzeichnung von Standbildern, Rollenspielen (unter den Bedingungen des Datenschutzes), und natürlich für die Produktion digitaler Formate wie Kurzfilm oder Erklärvideo. Zwei konkrete Unterrichtsbeispiele zur Analyse und Produktion von Erklärfilmen bzw. Kochvideos finden sich unter „Lehrwerksarbeit“ (siehe hierzu Unidad 4 und Unidad 6). Bei bestimmten Produkten wie Filmplakaten oder Wandpostern bietet dagegen das analoge Format pragmatische Vorteile.
Für die Erstellung filmischer Produkte wie Erklärvideos hingegen ist die Digitalisierung unerlässlich: Während das Drehen von Filmen schon länger mit entsprechenden Apparaten möglich war, machen die Filmbearbeitungstools die Lernenden zu Verantwortlichen in allen Teiloperationen vom Dreh über Schnitt bis zur Präsentation. Konsequenterweise ist der Film in zahlreichen Abiturvorgaben mittlerweile zum Leitmedium avanciert.
Welches Produkt auch immer entstehen soll: Das Wissen um Urheberrechte gehört zur Medienkompetenz der Lernenden. Dieses Wissen gilt es daher kontinuierlich zu schulen.

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