Klett Akademie für Fremdsprachendidaktik

Digitalisierung im Englischunterricht

Der Mehrwert digitaler Medien für die Spracharbeit im Englischunterricht

von Bärbel Diehr und Dirk Siepmann

Schülerin (Anfang Klasse 4): Ich weiß, was ‚Kopfsteinpflaster‘ auf Englisch heißt. Lehrer: Uih! Wie heißt das denn und woher kennst du das überhaupt? Schülerin: ‚Cobblestones‘. Das kommt doch in meinem Computerspiel vor.

Es gibt Anzeichen dafür, dass bei der Nutzung von Computerspielen tatsächliches beiläufiges Lernen stattfindet. Aber was leisten digitale Medien für das fremdsprachliche Lernen in der Schule? Im Folgenden geht es um aktuelle Diskussionen, Studien und Praxisbeispiele, bei denen der Schwerpunkt auf dem Erwerb der sprachlichen Mittel liegt. Immerhin zählt der Spracherwerb zu den zentralen Aufgaben des Fremdsprachenunterrichts beim Aufbau der funktionalen kommunikativen Kompetenz (vgl. z.B. KMK 2012: 12). Unter den zahlreichen Vorteilen, die digitale Medien hier bieten, stechen die folgenden besonders hervor:

  1. Der zunehmende Konsum digitaler Texte gesprochener wie geschriebener Art erhöht die Kontaktzeit mit der Fremdsprache und weitet die Möglichkeiten zur nicht-didaktisierten Sprachbegegnung (exposure) aus.
  2. Die Lernenden haben Zugang zu aktuellen Materialien aus aller Welt auf erstsprachlichem Niveau. Zudem begegnen sie auch Texten von anderen Fremdsprachensprechern des Englischen, die sich in internationalen Räumen des Englischen als Lingua Franca bedienen; der Klassenraum wird mit der globalisierten Welt vernetzt.
  3. Mit dem Einsatz des Internets und zahlreicher Online Dienste kann der Unterricht an das  Medienverhalten der Lernenden außerhalb von Schule anknüpfen und bereits vorhandene (Sprach-)Kompetenzen aktivieren.
  4. Die technischen Möglichkeiten z.B. von Tablets und Smartphones erleichtern nicht nur die Rezeption von englischsprachigen Texten, sondern auch die Produktion von selbsterstellten Materialien, die von den Lernenden als multimodale Texte mithilfe von Ton-, Bild- und Grafikeffekten aufbereitet und kommuniziert werden können. An einer digitalen Tafel können alle Schüler gleichzeitig etwas aufschreiben, das von allen Mitschülerinnen und -schülern eingesehen werden kann; kollaboratives Schreiben erleichtert das Peer-Feedback und die Veränderbarkeit von Materialien.
  5. Im Internet finden Lehrkräfte für zahlreiche Themen multilevel texts, die für verschiedene Lernstufen denselben Text in unterschiedlichen Komplexitäts- und Schwierigkeitsgraden anbieten (z.B. News in Levels oder News in easy English). Damit wird die Vorbereitung für einen differenzierenden Englischunterricht mit heterogenen Lerngruppen erleichtert (vgl. z.B. Küchler/ Roters 2014).
  6. Das Internet nimmt Englischlehrkräften schließlich den Druck, als unfehlbare sprachliche Autorität auftreten zu müssen. Mithilfe zahlreicher im Internet verfügbarer Hilfsmittel lassen sich sprachliche Zweifelsfälle gemeinsam mit den Schülern in einem Prozess des entdeckenden Lernens lösen.

Gleichzeitig gilt es zu bedenken, dass Kinder eine bestimmte kognitive Entwicklung durchlaufen haben müssen, bevor sie sinnvoll komplexe Aufgabenstellungen mithilfe von digitalen Geräten bearbeiten können. Vor Beginn der von Piaget als formal-operatorisch bezeichneten Entwicklungsphase, also im Alter von 12-14 Jahren, kann die Konfrontation mit digitalen Medien mehr schaden als nutzen (vgl. Lempke/Leibner 2016: 82). Im Grundschulbereich lassen sich allenfalls digitalisierte Wortschatztrainer sinnvoll einsetzen.

Auch wenn es keine einheitliche fremdsprachendidaktische Definition von digitaler Kompetenz gibt, kann und muss sie in der Fremdsprachendidaktik und im Fremdsprachenunterricht auf kommunikatives Handeln bezogen werden und zur Förderung der interkulturellen Handlungsfähigkeit beitragen. Dazu müssen Lernende über sprachliche Mittel und Wissen verfügen, um ihre kommunikativen Absichten verwirklichen zu können. Praktisch alle Teilkompetenzen können mit digitalen Medien in multimedialen Lernumgebungen gefördert werden:

  • Hörverstehen und Hör-/Sehverstehen (mit Ton- und Filmmaterialien, Podcasts und Videodatenbanken),
  • Leseverstehen (mit Originaltexten und adaptierten Texten, teilweise mit Pop-up Fenstern für lexikalische Hilfestellungen)
  • Aussprache (mit Nachsprech- und Aufzeichnungsoptionen einschließlich Visualisierung),
  • Sprechen (mit Aufnahmemöglichkeiten für Partner- und Gruppenaufgaben),
  • Schreiben (mit digitalen Mustervorgaben, mit kooperativen Schreibtools und interaktiver Lernsoftware).

Aus der Vielzahl der Möglichkeiten sprachbezogener Förderung werden im Folgenden zwei Teilbereiche im Detail erläutert:
- Wortschatz mit elektronischen Wörterbüchern weiterentwickeln
- Datengesteuertes Lernen mithilfe verschiedener Websites