August 2022

Ami(e)s de la Bonne Chanson!

Es ist kaum zu glauben – Reinhard Mey wird im Dezember 80 Jahre alt – wie sein Freund Hannes Wader letztens. Und noch weniger ist zu glauben, dass das überhaupt nichts damit zu tun hat, dass in Frankreich gerade seine 6 CDs von damals herausgekommen sind, technisch aufgehübscht (geremastert nennt man das) – dass das jetzt erscheint, ist eher Zufall.

Es ist fast ein bisschen in Vergessenheit geraten – einen ganz entscheidenden Teil seiner frühen Karriere hat Reinhard Mey als Frédéric Mey in Frankreich absolviert. Da der Reinhard nicht wirklich gut kam 1968 an der Seine, wurde der zweite Vorname von Reinhard Friedrich Michael Mey umfunktioniert – in Frédéric. Wie das kam? Schon vor 1967 hatte Mey, der ja das Französische Gymnasium in Berlin besucht und dort auch das Baccalauréat absolviert hatte, erste Chansons auf Französisch geschrieben – oder seine deutschen Titel umgedichtet. Ein wenig bekannt in der Berliner Folkszene war er auch, mit Leuten wie Hannes Wader befreundet oder Schobert und Black – hatte beim ersten Waldeckfestival gesungen.

1967 war Mey ausgesucht worden, Deutschland beim berühmten Chansonfestival im belgischen Knokke-Le-Zout zu vertreten. Dort machte er jetzt nicht den enormen Eindruck. Aber ein chansonverrücktes, ursprünglich frankogriechisches Paar hatte einen besseren Riecher – Monique und Nicolas Pérides nahmen ihn unter Vertrag und nahmen mit ihm seine erste französische Platte auf. Und die schlug ein: sie räumt Preise ab, wird goldene Schallplatte – die zweite bekommt gar den Preis der Académie Charles Cros. „Er ist ein Mann von heute, der an der Leine seine Ängste und unsere Unruhe spazieren führt“ – schrieb L’Express. „Die Dummen werden nicht in Versuchung kommen, diese Platte zu kaufen.“ Der Canard Enchainé. Und so kann der halbfranzösische Reinhard zwischen 1968 und 1982 eine für einen deutschen Sänger unerhört erfolgreiche Karriere verfolgen, auch, weil seine Art, Worte auf Musik zu legen, der seiner damaligen Kollegen von Moustaki bis Maxime Le Forestier in nichts nachsteht. Die 6 CDs – technisch wunderbar auf Vordermann gebracht – geben davon einen Eindruck – und sind gleichzeitig ein Riesenbatzen Nostalgie. Respektgebietend auch heute noch, wie der junge Mey scheinbar ohne einen Funken Selbstzweifel sich im französischen Chanson non-chalant bewegt – in der Sprache Molières genauso treffsicher, sanft sarkastisch oder rührend, wie in Goethes Idiom. Alle großen Chansons von Mey und viele Wiederentdeckungen sind auf Vol. 1 bis 6 zu finden (Nummer 7 ist neueren Datums und in Deutschland erschienen). Und auch wenn kaum Infos zu den CDs im kleinen Coffret der französischen, unabhängigen Plattenfirma EPM zu finden sind, diese Chansons sind eine herrliche Reise in die Vergangenheit des elegantesten der deutsch-französischen Liedermacher. Und in unsere eigene.

Links zum Thema

Die ganze Vielfalt der frankophonen Musik wieder ab dem 21. September jeden Dienstag um 8 unter RendezVous Chanson

Frédérik Mey

Zur Person

Gerd Heger, Pfälzer aus der Nähe von Oggersheim, auf halbem Weg nach Paris in Saarbrücken gelandet. Dort Radiomann, also Journalist, Moderator und Musikprogrammgestalter, seit 1988, nebenbei Autor, Musiker und (Nicht-ganz-) Dichter. Als Monsieur Chanson ist er ein profunder Kenner der aktuellen frankophonen Musik, deren Vielfalt er in seiner wöchentlichen Sendung RendezVous Chanson auf SR2 KulturRadio präsentiert.