Lebensnahe Schule – Wie bereitet Schule auf das Leben vor?
Wie kann Schule lebensnah sein – oder werden? Diese Frage stellt sich nicht erst seit KI, weltweiten Krisen und Social Media, die die Lebenswelt der jungen Menschen beherrschen. Dennoch nimmt sie gerade in diesen Zeiten an Bedeutung zu. Ideen und Impulse sind schnell an der Hand, gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass eine Orientierung an der gegenwärtigen Welt Bildung nicht ihres Kerns beraubt: Orientierung zu bieten, die unabhängig von Zeit und Raum ist. Wie schaffen wir also eine Brücke zwischen Lebenswelt und Fachinhalten? Die Antworten liegen in der Kenntnis der Medienwelt, dem Einbezug der Schülerinnen und Schüler und einer gebetsmühlenartigen Wiederholung des Warum.
Die Bedeutung lebensnaher Schule in Zeiten des Wandels
Als ich angefragt wurde, eine weitere Artikelreihe zu verfassen, ging es zunächst um die Frage, wie man diese nennen könnte. In der Diskussion warf ich ein, dass wir davon absehen sollten, den Begriff der „Zukunft“ zu nutzen. Zum einen, weil er so inflationär ist, dass er als Rahmen willkürlich wird. Zum anderen, weil das komplexe Zusammenspiel von Entwicklungen in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen – das, was wir Zukunft nennen – schon längst gegenwärtig ist. Wie schaffen Lehrkräfte es, Kinder und Jugendliche auf diese Gegenwart vorzubereiten? Um mit einem Mythos aufzuräumen: Es geht nicht um Nützlichkeit, es geht um Relevanz. Und es geht nicht um Trends, sondern um allgemeines Verständnis. Mit anderen Worten: Lebensnah ist Schule dann, wenn der erste Schritt jeder inhaltlichen Annäherung darin besteht, entweder zu erläutern, warum der Inhalt relevant ist, oder noch besser, dies gemeinsam zu tun. Nur wenn ich als junger Mensch verstehe, wo das Potenzial eines Inhalts für mein Leben ist, auch wenn ich es noch nicht kenne, kann ich mich überhaupt öffnen. In der Fremdsprache gibt es diese Erlebnisse schnell: Plötzlich verstehe ich mein Lieblingslied oder kann sogar eine Serie in Originalsprache streamen. Deshalb ist mein stetiges Credo, dass das Warum ins Zentrum des Lernens gehört.
Relevanz statt Nützlichkeit: Warum das Warum im Mittelpunkt steht
Die Erkenntnis der Relevanz führt sicherlich nicht zum sofortigen Verständnis oder gar Enthusiasmus, aber sie ist die Grundlage. Schülerinnen und Schüler einzubeziehen, birgt dabei großartiges Potenzial – vor allem in den Sprachen. Denn meist kennen Lernende Inhalte, über die man selbst nicht gestolpert wäre. Und so kann über das Verständnis eines französischen Youtubers, Streamers oder einer Pop-Ikone die wichtigste Botschaft ankommen: Ich lerne hier etwas, das ein Schlüssel für mich sein kann. Die mediale Welt ist zwar gleichzeitig unübersichtlich, bietet aber zahlreiche Anlässe.
Man kann
- Youtube-Kommentare in der Zielsprache lesen oder sogar selbst kommentieren (was Teilhabe ermöglicht),
- Instagram-Captions (also Bildunterschriften) lesen und auch hier die Kommentare lesen,
- Lieder hören und entschlüsseln,
- Kurzvideos zum Thema anschauen oder auswählen lassen.
Allerdings, und auch das ist Teil der Frage nach Lebensnähe: Es gibt auch Inhalte, die sich mit keinem aktuellen Thema verbinden lassen. Und auch das ist in Ordnung, solange man dies thematisiert. Es geht nicht darum, „zeitgemäß“ zu sein, nur weil es cool ist oder im Trend liegt. Auch in der Fremdsprache gilt: Bildung bedeutet auch, das kennenzulernen, von dem man noch nicht weiß, dass es einen betreffen könnte. Vielleicht wird einem die Bedeutung von Landeskunde oder kulturellen Besonderheiten nicht klar. Junge Menschen denken dann schnell, das Wissen oder die Fähigkeiten seien unnütz. Aber das sind sie nicht, denn das Leben besteht nicht nur aus Medien oder den vielbeschworenen Mieten, Finanzen und Versicherungen. Sondern auch aus dem Wissen darüber, was man tun kann, nachdem man später von der Arbeit gekommen ist. Unsere Aufgabe als Lehrkräfte bleibt es, Zugänge zu diesen Themen zu schaffen. Auch darum wird es in dieser neuen Reihe gehen.
Bob Blume ist Lehrer, Blogger, Podcaster und Bildungsinfluencer.
Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Geschichte und arbeitet nun als Oberstudienrat an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Daneben schreibt er Fachbücher zum Lernen im digitalen Wandel und macht in den sozialen Medien auf Bildungsthemen aufmerksam. Zudem ist Bob Blume ein gefragter Experte in der deutschen Medienlandschaft zum Thema Schule. Bei der Verleihung der Goldenen Blogger 2022 wurde er als Blogger des Jahres ausgezeichnet.
